Manche tragen die Juwelen, die sie geerbt haben, nie. Solcher Schmuck bleibt verborgen, bekannt nur denen, die sich noch erinnern können. Nazim Djemaïs Dokumentarfilm À peine ombre (engl. Out of Shadows) (F 2012) macht auf ein solches Juwel aufmerksam: Die Klinik La Borde, 1953 von Jean Oury gegründet, ist in einem alten Schloss in der Region Centre im Département de Loir-et-Cher untergebracht. Oury, der zur Zeit der Gründung in einem anderen Krankenhaus arbeitete, hatte das damals verlassene Schloss gemeinsam mit 33 Insassen des anderen Krankenhauses in Besitz genommen, nachdem die Gruppe vierzehn Tage unterwegs gewesen war, um ein neues Quartier zu finden. La Borde wurde zur Modellinstitution, an der der Psychoanalytiker und Philosoph Felix Guattari ein Leben lang tätig war und über das die Kinderpsychoanalytikerin Maud Mannoni in ihrem Buch Le Psychiatre, son „fou“ et la psychanalyse (Paris 1970) unter anderem geschrieben hat. Anders als in sämtlichen zeitgenössischen Kliniken und anders als heute, wo sich Kliniken auf Anorexie, Autismus oder Suchterkrankungen spezialisieren, wurde in La Borde die Psychotherapie in den Vordergrund der Behandlung gerückt.
Djemaïs‘ Film lässt die Geschichte der Klinik ebenso außerhalb des Films wie den Alltag der heutigen BewohnerInnen oder institutionelle Fragen heutigen psychiatrischen Versorgungsdenkens. Statt dessen hat er Leute zum Sprechen gebracht – BewohnerInnen, BehandlerInnen, KöchInnen, HandwerkerInnen, TherapeutInnen. Und schon nach kurzer Zeit ist klar: Die ZuschauerInnen werden im Unklaren darüber gelassen, wer spricht. Es gibt keine Einblendungen im Film, die das Gesagte autorisieren, indem die SprecherInnen einer Gruppe zugeordnet sind. Die Deutungsmacht liegt allein bei den ZuschauerInnen. Manchmal scheint eine klobige Aussprache oder eine sehr strukturierte Weise des Sprechens einen Hinweis auf die Zugehörigkeit zur einen oder zur anderen Gruppe zu geben. Auch eine ganz spezielle Art, die Zigarette anzuzünden oder sie im Mund zu halten, wird zum Kriterium. Jean Oury taucht auf im Film und macht keinerlei Anstalten, sich als Nicht-Patient zu guerieren.
Lacans spätes Postulat einer ungebrochenen Kontinuität zwischen Wahnsinn und Normalität wird in diesem Film zu einer Erfahrung, die auch beunruhigt. Wenn wir nicht wissen, wer der Andere ist, können wir auch uns selbst schwer eine Identität zuschreiben. Ob es diese Beunruhigung ist, die heute einer Medikalisierung in der Psychiatrie und einem Versorgungsdenken, das auch vor der Psychotherapie nicht halt macht, immer wieder Vorschub leistet? Vielleicht steckt ja sogar in einer Vorliebe für ein einziges Erklärungsmuster wie den Ödipuskomplex etwas von dieser Beunruhigung.
Jedenfalls ist es heute noch schwerer als vor sechzig Jahren, sich der psychotischen Struktur zu nähern und sie gleichzeitig als eine eigenständige Existenzweise anzuerkennen. Übrigens ist Djemaïs nicht der erste, der La Borde portraitiert. Auch Nicolas Philibert hat die Insassen von La Borde in ihrem schöpferischen Tun in seinem Film La moindre des choses schon 1997 zu Wort kommen lassen.