{"id":981,"date":"2010-12-10T22:06:32","date_gmt":"2010-12-10T22:06:32","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=981"},"modified":"2010-12-10T22:06:32","modified_gmt":"2010-12-10T22:06:32","slug":"krokotaschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2010\/12\/10\/krokotaschen\/","title":{"rendered":"Krokotaschen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der \u00d6dipuskomplex ist eine kulturell etablierte Form, um dem Animalischen im katastrophalen Sinn, das hei\u00dft der Mutter als einem Krokodil, zu entkommen. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche Frauen halten M\u00e4nner f\u00fcr Tiere, f\u00fcr bestimmte Tiere, f\u00fcr gef\u00e4hrliche Hunde, kleine Schweine, starke B\u00e4ren oder dumme Gockel. Der franz\u00f6sische Psychoanalytiker Gerard Wajcman spricht von einer menschlichen Bubenmenagerie. Das sei anders als bei den alten Griechen, wo Menschen mehr mit dem Vegetabilen verbunden wurden, wo Frauen bisweilen als Vasen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und M\u00e4nner als Fisolen oder andere Gem\u00fcsest\u00fccke betrachtet wurden. Wir k\u00f6nnten uns fragen, was dieser Wechsel vom bewegungsarmen Pflanzenreich in das bestialisch Animalische \u00fcber unser Selbstverst\u00e4ndnis besagt. Doch f\u00fcr die Psychoanalyse ist es mindestens ebenso wichtig, dass es Frauen sind, die M\u00e4nner f\u00fcr bestimmte Tiere halten. Wobei nicht nur Frauen tierische Orden an M\u00e4nner verleihen, sondern umgekehrt findet sich dasselbe Ph\u00e4nomen. Jacques Lacan spricht von der Mutter als einem Krokodil mit einem gro\u00dfen Maul (Lacan 1991, 129).<em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-985 aligncenter\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Krokotasche.jpeg\" alt=\"Krokotasche\" width=\"168\" height=\"235\" \/><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir kennen sie aus Bilderb\u00fcchern, von Zoobesuchen und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter aus dem Fernsehen: Krokodile haben nicht nur unsere Kindheit gestaltet. Sie begegnen uns in der Werbung, im Museum, im Kino. Als k\u00f6nnten wir sie nicht hinter uns lassen, die Krokodile und mit ihnen die M\u00fctter und die Phantasien \u00fcber die M\u00fctter. Was aber ist es, was speziell die Krokodile verk\u00f6rpern?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Street of Crocodiles, ein Trickfilm der Br\u00fcder Quaie aus dem Jahr 1986, l\u00e4sst assoziierte Krokodilsfantasien plastischer werden. Da muss der Blick zuerst durch eine h\u00f6lzerne Speiser\u00f6hre hindurch, bevor er auf die Karte jener Stadt fallen kann, in der sich die Krokodilsgasse als ein heller Fleck findet. Wir f\u00fchlen uns an Innenr\u00e4ume des weiblichen K\u00f6rpers erinnert. In der Surrealit\u00e4t unserer Tr\u00e4ume tauchen solche leeren, unbegrenzten, endlos weiten R\u00e4ume der Schutzlosigkeit bisweilen auf. Das Krokodil mit seinem Schlund, so k\u00f6nnen wir sagen, h\u00e4lt her als ein Bild, eine Projektion f\u00fcr etwas unnennbar Erschreckendes, was sich mit dem Gedanken des Verlorengehens in einem un\u00fcberblickbaren Raum assoziiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht ist es aber noch mehr das Gehege der Z\u00e4hne des Krokodils, mit dem wir einem Schaudern Ausdruck verleihen k\u00f6nnen. Der italienische Autor Tiziano Scarpa schreibt: \u201eEssen, Z\u00e4hne putzen. Kauen, b\u00fcrsten. Zerst\u00f6ren \u2013 und dann die Spuren der Zerst\u00f6rung so rasch wie m\u00f6glich beseitigen. So tun, als ob nichts w\u00e4re. Sich das Gewissen reinwaschen. Sich immer bl\u00fctenwei\u00df und unschuldig geben. Liebensw\u00fcrdig l\u00e4cheln, die Z\u00e4hne fletschen\u201c (Scarpa 2005, 20). Ist nicht das L\u00e4cheln der Mutter das erste L\u00e4cheln, das sich als mehrdeutig erweist? Wenn sie l\u00e4chelt, fletscht sie auch ihre Z\u00e4hne. Sie sind bereit zum Kauen, bereit zum Verschlingen, bereit zu leibhaftiger Zerst\u00f6rung. Sich vor dem Krokodil zu \u00e4ngstigen, hei\u00dft auch, der Ambiguit\u00e4t eines freundlichen Ausdrucks gewahr zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch nicht nur das: die Z\u00e4hne und die Lippen sind auch das engmaschige Gitter, an denen \u201edie Silben zerschellen\u201c (ebd.), die Silben, Signifikanten, die der fr\u00fchen Gefangenschaft jedes Kindes ein Ende bereiten k\u00f6nnten. Die Krokodilsmutter und ihr Maul verf\u00fcgen \u00fcber sie. Die Mutter oder eine m\u00fctterliche Figur an ihrer Stelle wird sich sp\u00e4ter als die erste erweisen, die geben konnte und verweigern. Sie konnte sich zu- oder abwenden. Sie konnte wollen oder nicht. Die Angst, die wir \u2013 zun\u00e4chst noch sprachlos \u2013 durchzustehen hatten, wird gebannt, eingefangen, zu einer Furcht geformt, einer Furcht vor einer allm\u00e4chtigen Mutter. Das Krokodil unserer Kinderb\u00fccher verschwimmt mit Fragmenten dieser schweigenden Mutter. Die Mutter als Krokodil ist eine Verl\u00f6tungsfigur, in der endlose Unklarheit, t\u00f6dliche Aggressivit\u00e4t, \u00c4ngste vor Zerst\u00fcckelung und Ambiguit\u00e4t und zahllose unbenannte dumpfe Momente miteinander verschmolzen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die krokodilische Mutter ist eine imagin\u00e4re Bildung, eine kollektive Phantasie \u00fcber die Abgr\u00fcndigkeit unserer Herkunft. Als eine solche Phantasie ist sie nicht nur Schreckbild, sondern auch ein Objekt des \u00dcbergangs in eine symbolische Welt. Die krokodilische Mutter verk\u00f6rpert ein B\u00fcndel von Schrecken, mit dem es sich nicht gut leben l\u00e4sst. Dieser Schrecken muss psychisch fassbar gemacht werden, um ertr\u00e4glich zu sein. F\u00fcr Ernest Jones war die Sache klar: Das Krokodil verf\u00fcgt \u00fcber keinen sichtbaren Penis. In einem Brief an Freud, in dem er von der Arbeit an seinem Text \u00fcber \u201eDie Empf\u00e4ngnis der Jungfrau Maria durch das Ohr\u201c berichtet, schreibt Jones 1914: \u201eBei der Lekt\u00fcre von Wallis Budges Buch \u00fcber Osiris, das nebenbei sehr gut ist, war ich ganz entsetzt, zu lesen, dass die \u00c4gypter bestimmte Rituale mit dem Penis von Krokodilen durchf\u00fchrten. In Panik rief ich verschiedene Professoren der Zoologie an, doch keiner konnte mir das sagen, was ich suchte. Am n\u00e4chsten Tag ging ich in den Zoologischen Garten, um den Punkt zu erforschen. Keiner der Tierpfleger wusste es. Daher lag die einzige M\u00f6glichkeit darin, ein zweifellos m\u00e4nnliches Krokodil mithilfe von Stangen auf den R\u00fccken zu legen. Das war eine schrecklich schwierige Sache und ein aufregendes Unternehmen. Ich fand dabei heraus, wie sp\u00e4ter auch in einem Buch, dass der Penis des Tieres vollst\u00e4ndig in der Kloake versteckt ist, sodass sich die Psy-Alpha Annahme, dass er von au\u00dfen unsichtbar sein muss, als richtig heraus stellte\u201c (Freud, Jones 1993). Jones lenkt hier den Blick auf einen anderen Schrecken, den die Mutter als Krokodil verbreitet: es fehlt ihr etwas Entscheidendes, sie ist unvollst\u00e4ndig, vielleicht verletzt, vielleicht zerst\u00f6rt. Ein Universum an neuen Unklarheiten tut sich auf. Das Krokodil hat ein gleichsam weibliches \u00e4u\u00dferes Erscheinungsbild, sofern Weiblichkeit auf Penislosigkeit reduzierbar ist. Kein Penis zu erkennen. Eine zun\u00e4chst unfassbare narzisstische Kr\u00e4nkung. Das pr\u00e4destiniert das Krokodil f\u00fcr seine Rolle als schreckliche Mutter in einer Gesellschaft, die phallokratisch funktioniert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-982 aligncenter\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/KrokoHand.jpg\" alt=\"KrokoHand\" width=\"264\" height=\"196\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lacan allerdings l\u00e4sst die Kinder nicht allein mit dem Krokodil. Er spricht davon, dass die Krokodilmutter einen Phallus im Maul tr\u00e4gt (Lacan 1991, 129). Damit lenkt er den Blick auf das \u00f6dipale Geschehen. Beim \u00d6dipus, so Lacan, geht es um etwas ganz anderes als die Frage, ob man seine Mutter k\u00fcsst (ebd., 127).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00d6dipuskomplex ist eine Chance, der krokodilischen Sph\u00e4re zu entrinnen. Denn er umfasst ein phantasmatisches Szenario, in dem eine Strukturierung von Angst, Unklarheit, Ambiguit\u00e4t, Aggressivit\u00e4t, Spannung, also von Genie\u00dfen m\u00f6glich wird. Aus einem Penis wird dabei ein Phallus. Der kann verbinden und dabei das Ma\u00df an Aggression begrenzen. Alle m\u00f6chten ihn haben und keiner hat ihn. Das Krokodilische indes als imagin\u00e4re Verk\u00f6rperung des Animalischen bleibt auch nachtr\u00e4glich erhalten. Es wird metaphorisch in einem Lied evoziert, tritt als unf\u00f6rmige Schuhe einen unverst\u00e4ndlichen Siegeszug gegen s\u00e4mtliche \u00e4sthetische Empfindungen an oder manifestiert sich als zeitloses Produkt aus Reptilienleder. Denken Sie nur an \u201eDie Bar zum Krokodil\u201c, an die \u201eCrocs\u201c oder an die exotische Mode der Krokotaschen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sigmund Freud, Ernest Jones (1993): <em>Briefwechsel 1908\u20131939<\/em>, Englischsprachige Ausgabe der Harvard University Press mit einem Zusatzband, der die deutschsprachigen Brieftexte Freuds im Originalwortlaut enth\u00e4lt. Frankfurt\/M.: Fischer.<br \/>\nLacan, Jacques (1991): <em>Le S\u00e9minaire. Livre XVII. L\u2019envers de la psychanalyse<\/em>, Paris: Seuil.<br \/>\nScarpa, Tiziano (2005): <em>K\u00f6rper<\/em>, Berlin: Wagenbach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00d6dipuskomplex ist eine kulturell etablierte Form, um dem Animalischen im katastrophalen Sinn, das hei\u00dft der Mutter als einem Krokodil, zu entkommen. 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