{"id":785,"date":"2010-08-25T17:09:50","date_gmt":"2010-08-25T17:09:50","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=785"},"modified":"2010-08-25T17:09:50","modified_gmt":"2010-08-25T17:09:50","slug":"die-weibliche-mangel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2010\/08\/25\/die-weibliche-mangel\/","title":{"rendered":"Die weibliche Mangel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Psychoanalytisches Zuh\u00f6ren ist darauf angewiesen, nicht (zu schnell) zu verstehen.\u00a0 Bedeutungen, die etwa \u00fcber Homophonien oder \u00c4quivokationen in ein Sprechen hineinreichen, k\u00f6nnen leichter geh\u00f6rt werden, wenn nicht der Zusammenhang eines Satzes verstanden werden muss. Das gilt nicht zuletzt f\u00fcr psychoanalytische Konzepte. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist der Mangel, der im Deutschen auch ein weibliches Geschlecht haben kann, womit sich allerdings der Sinn deutlich verschiebt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-786\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/mangel-300x262.jpg\" alt=\"mangel\" width=\"300\" height=\"262\" \/><!--more--><\/p>\n<p>Jacques-Alain Miller (2009) hebt hervor, dass Lacans \u00dcberlegungen zur Perversion in den F\u00fcnfziger Jahren mit einem Verst\u00e4ndnis des Phallus\u00a0 verkn\u00fcpft sind, das er erst sehr viel sp\u00e4ter explizit benannt hat: der Phallus als Schein (frz.: l<em>e semblant<\/em>). \u00c4hnlich wie ein Meteor, ein Regenbogen oder ein Polarlicht ist er alles andere als ein stabiler Bezugspunkt.<br \/>\nDer Phallus ist in der Entwicklung des Subjekts zun\u00e4chst nicht mit dem Namen des Vaters verbunden, obwohl\u00a0 eine solche Auffassung den klinischen Kontext pr\u00e4gt,\u00a0 sondern er pr\u00e4sentiert sich zuerst als Frage &#8211; und zwar dort, wo er fehlt: bei der Mutter als Mangel des Seins. Im <em>Seminar IV Die Objektbeziehung<\/em> <em>(1956-1957) <\/em>taucht der Phallus zwischen Fetischismus und Phobie auf. Im Zusammenhang mit der Phobie hat er f\u00fcr Miller die Funktion einer Wand, im Zusammenhang mit dem Fetischismus die eines Schleiers. Dem Fetischisten dient der Phallus zur Verschleierung der m\u00fctterlichen Kastration, d.h. des m\u00fctterlichen Mangels.<br \/>\nMiller bzw. Lacan folgen mit diesen \u00dcberlegungen Freuds Text \u00fcber den Fetischismus. Eine spezielle Form m\u00e4nnlicher Perversion l\u00e4sst sich auf diese Weise erkl\u00e4ren. Die Verallgemeinerung, die durch Lacans Anwendung des Konzepts auf Freuds junge Homosexuelle erfolgt, st\u00f6\u00dft auf bekannte Grenzen: Lacan hat in seinem <em>Seminar IV <\/em>keine im eigentlichen Sinn strukturale Auffassung des Phallus, sondern verwendet den Ausdruck Phallus immer wieder synonym f\u00fcr den Penis. Er verf\u00e4ngt sich auf diese Weise in einer androzentrischen\u00a0 Betrachtung, die seine Spekulationen zu Freuds Behandlung der jungen Homosexuellen heute historisch erscheinen lassen.<br \/>\nEine allgemeine Theorie weiblicher Perversion fehlt bis dato. Jenseits davon ist zu fragen, ob das Konzept des Mangels, abgesehen von den genannten offensichtlichen Verk\u00fcrzungen, \u00fcbertragbar ist auf Subjekte mit einer nicht in ein Fort-Da-Spiel \u00fcbersetzbaren Anatomie. Oder ob die Theorie von <em>dem <\/em>Mangel f\u00fcr Frauen nicht eher wie <em>einE<\/em> Mangel funktioniert, die in eine begriffliche Ebene\u00a0 zu pressen versucht, was in andere Dimensionen reicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lit.: Jacques-Alain Miller (2009), The Phallus and Perversion, in: lacanian ink 33, 57-71.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Psychoanalytisches Zuh\u00f6ren ist darauf angewiesen, nicht (zu schnell) zu verstehen.\u00a0 Bedeutungen, die etwa \u00fcber Homophonien oder \u00c4quivokationen in ein Sprechen hineinreichen, k\u00f6nnen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,13],"tags":[55,82,89,100,103,145],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/785"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=785"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/785\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}