{"id":724,"date":"2010-07-03T09:03:33","date_gmt":"2010-07-03T09:03:33","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=724"},"modified":"2010-07-03T09:03:33","modified_gmt":"2010-07-03T09:03:33","slug":"geschlechterfusball-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2010\/07\/03\/geschlechterfusball-2\/","title":{"rendered":"Geschlechterfu\u00dfball"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4u\u00dferlich hat die geschlechtliche Entwicklung etwas gemeinsam mit einer Fu\u00dfballmeisterschaft: Die wirksamen Kr\u00e4fte pr\u00e4sentieren sich als gro\u00dfe Gruppen, die auf die jeweils gegen\u00fcberliegende Seite\u00a0 streben sollen. Regeln und Verbote organisieren das Spiel. Ein eindeutiger Sieg der einen oder anderen Seite ist das Ziel &#8211; selbst wenn er in einem Elfmeterschie\u00dfen erzwungen werden muss.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-725\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/Ball-200x300.jpg\" alt=\"Ball\" width=\"200\" height=\"300\" \/>Ilka Quindeau w\u00fcrde sich vermutlich gegen einen solchen Vergleich wenden. Sie \u00e4u\u00dfert 2008 &#8222;die fortschrittsoptimistische Erwartung, dass das Geschlechterverh\u00e4ltnis eine neu Qualit\u00e4t gewinnt und sich entspannter, freier, weniger auf Abgrenzung bedacht gestaltet&#8220; (Quindeau 2008, 288). Ihre Studie hat verschiedene Facetten: Ausgehend von Laplanches Theorie der r\u00e4tselhaften Botschaften, die sich als infantil Perverses, Sexuales einschreiben und die geschlechtliche Entwicklung motivieren, versteht sie Kastrationsangst als Angst vor dem Verlust des <em>je eigenen<\/em> Geschlechts und der damit verbundenen M\u00f6glichkeit, Lust zu gewinnen (ebd., 294). In der Masturbation setzt das Kind nach Ansicht von Quindeau elterliche Pflegehandlungen automom fort und tr\u00e4gt damit zur Bildung seines sexuell erregbaren K\u00f6rpers bei (ebd.).\u00a0 M\u00e4nner und Frauen verf\u00fcgen \u00fcber innere und \u00e4u\u00dfere Genitalien, wobei phallische Sexualit\u00e4t sich haupts\u00e4chlich auf das \u00e4u\u00dfere Genitale bezieht (ebd., 295). Erwachsene genitale Sexualit\u00e4t ist durch Integration eines phallischen und eines rezeptiven Modus bei beiden Geschlechtern gekennzeichnet, was sich mit einer &#8222;Aufhebung der Geschlechterdifferenz&#8220; (in einem hegelianischen Sinn) verbindet (ebd. 296).\u00a0 Die unhintergehbare Differenz, wie sie gegen\u00fcber dem Anderen besteht, m\u00fcsse sich nicht in allgemeiner Weise an der Geschlechterdifferenz festmachen (ebd., 298).\u00a0 Gegen eine \u00fcberkommene Dichotomie der Geschlechter setzt Quindeau &#8222;ein Neben-, Mit- und Gegeneinander von M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit&#8220; (ebd.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von Freud konstatierte konstitutionelle Bisexualit\u00e4t des Menschen ger\u00e4t ins Zentrum. Verbote spielen in Quindeaus \u00dcberlegungen eine untergeordnete Rolle. Am Genitalprimat wird ohne Reproduktionsfantasien und ohne heteronormativem Druck festgehalten.\u00a0 Schwierige Themen, die in anderen theoretischen Ans\u00e4tzen im Zentrum stehen, wie der konkrete, auch als Reales erlebte K\u00f6rper oder\u00a0 der Neid geraten an den Rand. Um Quindeaus Vorschlag zu verstehen, w\u00e4re zuerst zu kl\u00e4ren, was sie sucht: Geht es ihr um die Beschreibung bestehender Geschlechterverh\u00e4ltnisse, um eine (politisch korrekte) Auffassung von Geschlechtlichkeit, die konform geht mit einem sozialen Ideal von Gleichheit? Damit w\u00e4re nachvollziehbar, warum aus der Geschlechterdifferenz eine Geschlechtergleichheit und schlie\u00dflich eine Aufhebung werden. Oder soll <em>eine<\/em> Entwicklungsm\u00f6glichkeit <em>unter anderen<\/em> beschrieben werden, eine, die in der Psychoanalyse bisher zu wenig ber\u00fccksichtigt und die bisweilen als Normabweichung missverstanden worden ist? Oder meint Quindeau beides auf einmal: Weil sich das Geschlechterverh\u00e4ltnis sozial zu einer Geschlechtergleichheit entwickelt, muss die psychoanalytische Theorie die soziale Ver\u00e4nderung durch Umschrift von Teilen ihres zu Freuds Zeiten entstandenen Entwicklungskonzepts in ihr Denken des Geschlechts integrieren? Eine Schwierigkeit f\u00fcr eine Integration ihres Vorschlags besteht jedenfalls in der freien Wahl ihrer pers\u00f6nlichen Terminologie: Begehren ist ihr Wort f\u00fcr den Freudschen Trieb (ebd., 289 f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vergleich der geschlechtlichen Entwicklung mit einem Fu\u00dfballspiel scheint seine Relevanz zu verlieren: in Quindeaus Vorschlag f\u00e4llt der Druck zum Sieg im Sinne einer Identifizierung mit dem einen oder dem anderen Geschlecht weg. Allerdings spielen ihrer Ansicht nach M\u00e4nner und Frauen im selben Spiel. Sie sind gleich wie zwei Fu\u00dfballmannschaften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lit.: Quindeau, Ilka (2008): <em>Verf\u00fchrung und Begehren. Die psychoanalytische Sexualtheorie nach Freud<\/em>, Stuttgart: Klett Kotta.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c4u\u00dferlich hat die geschlechtliche Entwicklung etwas gemeinsam mit einer Fu\u00dfballmeisterschaft: Die wirksamen Kr\u00e4fte pr\u00e4sentieren sich als gro\u00dfe Gruppen, die auf die jeweils [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,13],"tags":[27,48,65,69,120,121],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/724"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=724"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/724\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=724"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=724"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=724"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}