{"id":5404,"date":"2023-01-05T13:42:39","date_gmt":"2023-01-05T13:42:39","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=5404"},"modified":"2024-08-16T19:22:22","modified_gmt":"2024-08-16T17:22:22","slug":"sauhunde-oder-warum-gute-vorsaetze-vergessen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2023\/01\/05\/sauhunde-oder-warum-gute-vorsaetze-vergessen-werden\/","title":{"rendered":"Sauhunde oder warum gute Vors\u00e4tze vergessen werden"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn wir uns auf etwas freuen, wenn wir etwas gerne tun, dann brauchen wir keine guten Vors\u00e4tze. Vors\u00e4tze sind L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer.&nbsp; Sie f\u00fcllen Leerstellen in unserer Vorlust. Worauf wir keine Lust haben, was wir nicht tun wollen, aus anderen Gr\u00fcnden aber meinen, es doch tun zu sollen, das verpacken wir in Vors\u00e4tze und nennen Sie \u201egut\u201c. Vielleicht nennen wir sie so, um<!--more--> uns zu motivieren, nicht von diesen uns notwendig erscheinenden Absichten abzulassen.<\/p>\n\n\n<p>Gute Vors\u00e4tze stehen nicht im Zentrum psychoanalytischen Arbeitens und Denken. Es gibt kein Stichwort \u201egute Vors\u00e4tze\u201c im Vokabular der Psychoanalyse von Jean Laplanche und Jean Bertrand Pontalis. Gute Vors\u00e4tze sind bewusste Versuche unseres Ichs und unseres \u00dcberichs, einzugreifen in den Lauf der Zeit, uns rechtzeitig zu r\u00fcsten f\u00fcr einen Kampf mit etwas, dem wir einen Tiernamen gegeben haben, mit dem Schweinehund. Mit dem inneren Schweinehund. Ein Schwein und ein Hund? Es handelt sich wohl um eine wilde Phantasie, eine Chim\u00e4re, ein Mischbild aus zwei Tieren.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p>Doch Schweinehunde geh\u00f6ren nicht nur in das Reich der Phantasie. Schweinehunde hie\u00dfen fr\u00fcher Sauhunde. Bis ins 19. Jahrhundert wurden Sauhunde, zu denen unter anderen bestimmte Doggen und Windhunde gez\u00e4hlt wurden, auf der Wildschweinjagd eingesetzt. Sie hatten die Aufgabe, die Tiere zu hetzen und dann festzuhalten, damit sie vom J\u00e4ger aus naher Entfernung get\u00f6tet werden konnten.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p>Heute ist der Schweinehund vor allem eine Allegorie f\u00fcr einen bissigen Anteil, den jed*er freiwillig unfreiwillig mit sich f\u00fchrt. Und gute Vors\u00e4tze haben dem Schweinehund gegen\u00fcber eine wichtige Funktion. Der SPD-Abgeordneten Kurt Schuhmacher 1932 hat in einer Rede im deutschen Parlament auf ihn zur\u00fcckgegriffen. Schuhmacher erhielt einen Ordnungsruf im Parlament, weil er darauf hinwies, dass die Nationalsozialisten in ihrer Agitation dauernd an den inneren Schweinehund der Bev\u00f6lkerung appellierten und auf diese Weise die \u00fcbelsten Motive aktivierten.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p>Philosophisch steht der innere Schweinehund f\u00fcr die <em>Akrasia<\/em>, f\u00fcr die seit der Antike so bezeichnete Willensschw\u00e4che. Wenn wir etwas tun, was wir eigentlich nicht tun wollen, dann hat der innere Schweinehund uns nicht nur gehetzt, sondern sogar schon gepackt. Gute Vors\u00e4tze sind wie kluge Wildschweine. Sie lassen sich als Versuche verstehen, gar nicht erst aufgesp\u00fcrt zu werden von den jagenden Hunden. Die Psychoanalyse kommt dort ins Spiel, wo diese Versuche scheitern, weil wir auf die guten Vors\u00e4tze vergessen und uns damit in Gefahr bringen, dem Schweinehund zu folgen. In seinem Text <em>Zur Psychopathologie des Alltagslebens. \u00dcber Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum<\/em> widmet Sigmund Freud dem Vergessen von Vors\u00e4tzen elf Seiten. Darin kommt der Schweinehund ebenso wenig vor wie die Willensschw\u00e4che. Freud interessiert sich vielmehr daf\u00fcr, was dazu f\u00fchrt, dass wir etwas, was wir planen, was wir vorhaben und tun wollen, zu gegebenem Zeitpunkt nicht mehr erinnern. Ein Beispiel, das Freud heranzieht, ist ein Brief, den er auf einen Spaziergang mitgenommen hat, um ihn aufzugeben. Den m\u00fcsse er in der Regel nicht die ganze Zeit fest in der Hand halten, um nicht zu vergessen, dass er ihn einwerfen wollte.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n<p>(Der gesamte Beitrag zur Sendung <em>Gute Vors\u00e4tze<\/em>, ist unter <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/podcast\/gute-vorsaetze\/\">Philosophische Brocken<\/a> zu h\u00f6ren).<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir uns auf etwas freuen, wenn wir etwas gerne tun, dann brauchen wir keine guten Vors\u00e4tze. 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