{"id":5396,"date":"2022-10-29T10:41:00","date_gmt":"2022-10-29T10:41:00","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=5396"},"modified":"2024-08-16T23:12:03","modified_gmt":"2024-08-16T21:12:03","slug":"plaedoyer-fuer-den-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2022\/10\/29\/plaedoyer-fuer-den-widerstand\/","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Widerstand"},"content":{"rendered":"<p>Widerstand ist n\u00f6tig. Widerstand ist dort n\u00f6tig, wo Sprache und Sprechen noch nicht, nicht oder nicht mehr hinreichen. Dort, wo die Verh\u00e4ltnisse ein Widersprechen erfordern w\u00fcrden. Einen Widerspruch.<br \/>\n\n\nWiderstand widersteht. Statt zu sprechen, steht der K\u00f6rper, befindet sich in einer stehenden Position, in einem Stand. Der K\u00f6rper macht es sich unter Umst\u00e4nden aber auch gem\u00fctlich, indem er sich widersetzt. Wo er sich widersetzt, grenzt der Widerstand an einen <br \/>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\nStillstand. Dabei ist nicht klar, wo er in einen Stillstand \u00fcbergeht. Selbst ein passiver Widerstand \u2013 um ein Argument zu variieren, das Sigmund Freud f\u00fcr die seiner Ansicht nach zur Passivit\u00e4t neigenden Frauen gebracht hat \u2013 selbst ein passiver Widerstand enth\u00e4lt oft ein hohes Ausma\u00df an Aktivit\u00e4t. Denn mittels passiven Widerstands lassen sich durchaus aktiv Ziele verfolgen.<br \/>\n\n\n\nWiderstand ist unumg\u00e4nglich. Auch hier macht sich der K\u00f6rper in der Formulierung bemerkbar. Um manchen Widerstand k\u00f6nnen wir nicht herumgehen. Wenn schon kein Sprechen m\u00f6glich ist, wenn wir uns nicht als durch unser Sprechen konst\/ituierte Subjekte etablieren k\u00f6nnen, dann bleibt uns dort, wo wir unsere Felle davonschwimmen sehen, dort, wo unsere moralischen Werte oder andere Aspekte unserer Befriedigung in Gefahr geraten, dort bleibt uns nur ein Dagegen.<br \/>\n\n\n\nFreud hebt das Befriedigungsmoment hervor, das in einem Symptom enthalten ist. Oft ist es daher gar nicht leicht,0\/ sich von einem Symptom zu verabschieden. Der Widerstand steht im Dienst der Vermeidung eines solchen Abschieds. Doch das allein erkl\u00e4rt den Widerstand, der oft nicht nur am Anfang einer Kur, sondern \u00fcber eine gesamte Behandlung hinweg sp\u00fcrbar, ja sogar bestimmend bleibt, nicht. Wie kann es sein, dass jemand, die eine Behandlung aufgrund von Leidenszust\u00e4nden aufgesucht hat, diese Behandlung zu einer Veranstaltung des Widerstands, mit Blick auf den K\u00f6rper k\u00f6nnten wir sagen, zu einer Veranstaltung des Widerliegens macht? Weshalb f\u00e4llt es so schwer, die Grundregel, alles zu sagen, was einf\u00e4llt, einzuhalten? Wie kommt es zum Schweigen, wo doch alles gesagt werden soll, damit sich Konflikte und Motive erkennbar darstellen? Wie kann es sein, dass manch eine pl\u00f6tzlich unterzugehen droht, in einem T\u00fcmpel von Abwehr ganz im Dienste des Widerstands?<br \/>\n\n\n\nFreuds Erkl\u00e4rung ist einfach: Auch wenn wir in der Absicht, uns behandeln zu lassen, zu einem Zahnarzt gegangen sind, werden wir oder wird vielmehr unser K\u00f6rper zur\u00fcckzucken, sobald sich die Zange dem tobenden Zahne n\u00e4hert. Wohlwissend, dass ein Widerspruch sinnlos ist, beharren wir mit unserem K\u00f6rper darauf, dass wir Angst haben und dass wir die Grenzen selbst festlegen m\u00f6chten, an denen andere unseren Raum betreten. Freud spricht von einem Asylrecht, das sich mit der Einhaltung der Grundregel verkn\u00fcpft: Alles zu sagen, hei\u00dft, einen anderen hereinzulassen, ihm Asyl im eigenen Gedankenraum zu gew\u00e4hren. Einmal habe er einem in der \u00d6ffentlichkeit bekannten Mann zugestanden, nicht alles zu sagen, was ihm auf der Couch einfalle. Der Mann h\u00e4tte darauf bestanden, auf seinen Diensteid gepocht. Er, Freud, h\u00e4tte ein solches Zugest\u00e4ndnis aber nur einmal gemacht. Er w\u00fcrde es nicht wieder tun.<br \/>\n\n\n\nWiderstand steht physikalisch f\u00fcr ein Tr\u00e4gheitsmoment der Masse, f\u00fcr deren Beharrungsverm\u00f6gen gegen Ver\u00e4nderung eines Bewegungszustands bzw. einer Bewegungsrichtung. Freud stellt sich dem Widerstand entgegen. Widerstand in der Kur gilt ihm oft als Widerstand gegen die Kur. Er ist zu deuten. Jacques Derrida hat in dekonstruktiver Absicht auf der Notwendigkeit bestanden, w*iderst\u00e4ndig sein zu d\u00fcrfen, gleichsam Schutz vor einem analytischen Deutungsgewitter zu suchen. Unter anderem verweist Derrida auf den Omphalos, den Nabel. Als Nabel des Traums hat Freud eine Stelle in einem von ihm getr\u00e4umten Traum, im Traum von Irmas Injektion, bezeichnet, eine Stelle, an welcher Deutungen verhallen, nicht weiterf\u00fchren, sinnlos werden. Der Name \u201eNabel\u201c ist mit Bedacht gew\u00e4hlt, ist der Nabel doch der k\u00f6rperliche Rest jenes Schnurorgans, \u00fcber welches eine erste Verbindung zu einem anderen K\u00f6rper bestanden hat. An diesem Rest, dem Nabel des Traums, schl\u00e4gt etwas um \u2013 Sinn in Stoff, Sprache in K\u00f6rper.<br \/>\n\n\n\n<p>Freud hat f\u00fcnf verschiedene Arten von Widerstand unterschieden, betont Derrida. Endlos viel Widerstand. In der Analyse wird Widerstand aufgesp\u00fcrt, angesprochen, wom\u00f6glich durch Deutung aufgel\u00f6st. Freud gilt der Widerstand als Agent des Todestriebs. Widerstand wird vor allem in seiner, die anlytische Situation zersetzenden Potenz gesehen. In seiner F\u00e4higkeit, das Sprechen nicht nur zu ersetzen, sondern auch zu zersetzen.<br \/>\n\n\n\nDie Realit\u00e4t ist freilich keine Redekur. Sprechen, Sprechenk\u00f6nnen und Sprechend\u00fcrfen sind nichts Selbstverst\u00e4ndliches. Denken wir nur an politische, vielleicht sogar kriegerische Auseinandersetzungen. Der vor vierzig Jahren verstorbene Peter Weiss hat sich in seinem Epochenroman \u00fcber die <em>\u00c4sthetik des Widerstands<\/em> der Kapazit\u00e4t der Kunst zugewendet im Kampf gegen den Faschismus.<br \/>\n\n\n\nEs ist wichtig, verschiedene Formen des Widerstands zu unterscheiden \u2013 Widerst\u00e4nde, die das Sprechen hemmen und Widerst\u00e4nde, die sich im Dienste des unm\u00f6glichen Sprechens gegen widrige Verh\u00e4ltnisse stellen. Widerstand ist immer wieder n\u00f6tig, geboten, wo sich das Ziel des Todestriebs, die organische Zersetzung, auszubreiten droht. Dort gilt etwas Extremes, n\u00e4mlich, mit dem stummen Todestrieb f\u00fcr das Lebendige einzutreten. Freud selbst hat in seinen fr\u00fchen Studien \u00fcber Hysterie darauf hingewiesen, dass nicht allein dem Sprechen alle Macht in der Analyse zukommt. Er erw\u00e4hnt dort ein affektives Moment, das sich zwischen Analytiker*in und Analysant*in entfaltet. Umso mehr gilt es in der \u00e4u\u00dferen Realit\u00e4t, in politischen und anderen R\u00e4umen, in denen das Sprechen nichts Selbstverst\u00e4ndliches ist, K\u00f6rper an K\u00f6rper widerst\u00e4ndig zu sein (Beitrag zu <em>Widerstand angemessen<\/em>, zu h\u00f6ren unter <a href=\"https:\/\/audiothek.philo.at\/podcast\/widerstand-angemessen\/\" data-type=\"page\" data-id=\"5366\">Philosophische Brocken<\/a>.)<br \/>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Widerstand ist n\u00f6tig. Widerstand ist dort n\u00f6tig, wo Sprache und Sprechen noch nicht, nicht oder nicht mehr hinreichen. 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