{"id":5264,"date":"2021-02-13T19:43:00","date_gmt":"2021-02-13T19:43:00","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=5264"},"modified":"2021-02-13T19:43:00","modified_gmt":"2021-02-13T19:43:00","slug":"arme-haut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2021\/02\/13\/arme-haut\/","title":{"rendered":"Arme Haut"},"content":{"rendered":"\n<p><p style=\"Text-align: justify;\">Es ist nicht klar, ob das Unbewusste den Corro-Narr unterscheiden kann von Corona. Was dagegen klar ist: Das Unbewusste braucht Ber\u00fchrung. Ohne Ber\u00fchrung droht es, von schrecklichen Phantasien \u00fcberschwemmt zu werden. Die Pandemie hat vor allem neue Ber\u00fchrungsordnungen eingef\u00fchrt (Lindemann 2020), als w\u00e4re souver\u00e4n nur, wer \u00fcber die <!--more-->Ber\u00fchrungen herrscht. Ber\u00fchrungen gelten dabei nicht erst seit einem Jahr als potentiell gef\u00e4hrlich. Ihre Gef\u00e4hrlichkeit ist jedoch erst mit der Corona-Pandemie zu einem zentralen Moment so mancher Gesetzgebung geworden. Und das nicht ohne Grund.<\/p>\n\n\n\n<p><p style=\"Text-align: justify;\">Wovon sprechen wir, wenn wir von gef\u00e4hrlichen Ber\u00fchrungen sprechen? Ber\u00fchren hei\u00dft Tasten, Anfassen, Halten, Antippen, Ansto\u00dfen, Festdr\u00fccken oder Streicheln, Kitzeln und Kratzen. All das (und noch viel mehr) ber\u00fchrt uns, und auf all diese Ber\u00fchrungen kann das Unbewusste nicht verzichten. Gef\u00e4hrlich kann sein, was uns ber\u00fchrt. Wir k\u00f6nnen von Luftz\u00fcgen ber\u00fchrt werden &#8211; nun denken wir schnell an kontaminierte Aerosole um uns. Wir k\u00f6nnen im k\u00f6rperlichen Kontakt von jemandem ber\u00fchrt werden &#8211; nun impliziert solcher Kontakt eventuell an uns haftende infekti\u00f6se Hautfl\u00fcssigkeiten. Wir k\u00f6nnen von Worten ber\u00fchrt werden &#8211; da sind in uns hinein geratene virale <em>Fake News<\/em> nicht weit. Die Ber\u00fchrung setzt sich aus einem Spektrum zusammen, das vom Be-, \u00fcber das Ein- bis hin zum An<em>greifen<\/em> reicht. Bei aller Bereitschaft, die aktuell bestehende Notwendigkeit von Ber\u00fchrungsverboten anzuerkennen, weil sich Erreger andernfalls ungebremst ausbreiten k\u00f6nnen, bleibt ein hoher Preis solchen <em>Eingreifens<\/em>, der jedenfalls genannt werden soll.  <\/p>\n\n\n\n<p><p style=\"Text-align: justify;\">Wir, unsere jeweiligen Iche, sind k\u00f6rperlich &#8211; Freud nennt sie Projektionen auf eine K\u00f6rperoberfl\u00e4che. Dass die Virtualit\u00e4t der Verbindung zwischen K\u00f6rper und Ich damit unterstrichen wird, ist gegenw\u00e4rtig weniger wichtig. Denn der K\u00f6rper steht im Zentrum der potentiell t\u00f6dlichen Pandemie. Und &#8222;[d]er K\u00f6rper ist nicht auf Dauer mit dem Tod zu vereinbaren&#8220; (Esposito 2004, 158). Die Haut ist nicht nur ein Teil des K\u00f6rpers, sie konstituiert den K\u00f6rper ihrerseits. Ohne Haut kein K\u00f6rper. Die Haut umgibt das, was K\u00f6rper ist. Sie sch\u00fctzt, h\u00e4lt zusammen, w\u00e4rmt, ist Fl\u00e4che f\u00fcr Erregung, bildet Grenzen gegen Eindringendes, gestattet Einschreibungen. <\/p>\n\n\n\n<p><p style=\"Text-align: justify;\">Ohne K\u00f6rper kein Ich. Didier Anzieu (1995) hat in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgezeigt, wie das k\u00f6rperliche Wesen des Ichs angewiesen ist auf die Haut. Das Organ, das die beiden bilden, nennt er Haut-Ich. Diese Bezeichnung ist zu spezifizieren. Einerseits geh\u00f6ren die beiden wie ein Organ zusammen. Andererseits erweisen sie sich als getrennt. Das Ich entwickelt sich eigenst\u00e4ndig und bleibt doch gleichzeitig imaginativ mit dem K\u00f6rper verbunden. Das Unbewusste partizipiert an einem imagin\u00e4ren Raum (Sami-Ali 1974), in dem sich das Ich entfaltet, ausbreitet. Mit seinen unbewussten Phantasien reicht es (und mit ihm auch die Haut mit ihrer je individuellen Geschichte) in das Unbewusste hinein. Anzieu unterscheidet neun Funktionen des Haut-Ichs, zu denen unter anderem Schutz, Zusammenhalt, die Bereitstellung einer Erregungszone, aber auch Intersensorialit\u00e4t oder libidin\u00f6se Aufladung z\u00e4hlen. Er hebt hervor, dass diese neun Funktionen keineswegs die gesamte Bedeutung der Haut erfassen k\u00f6nnen. Seine Forschungen versteht er als einen Anfang.<\/p>\n\n\n\n<p><p style=\"Text-align: justify;\">Die Quarant\u00e4nen, die Abschaffung des H\u00e4ndesch\u00fctteln, die Kontaktreduktionen lassen sich nicht auf potentiell sch\u00e4dliche Ber\u00fchrungen beschr\u00e4nken. Ber\u00fchrungsverbote betreffen die Haut in all ihren Funktionen. Wo Schutz, libidin\u00f6se Aufladung oder Intersensorialit\u00e4t verschwinden, droht die Haut l\u00f6chrig, hart, d\u00fcnn, ja manchmal sogar durchl\u00e4ssig zu werden. Alleinlebende k\u00f6nnen \u00fcber diese arme Haut augenblicklich ein trauriges Lied anstimmen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Literatur:<\/em><\/br>\nAnzieu, Didier (1995): Das Haut-Ich. Frankfurt\/M.: Suhrkamp. <\/br>Esposito, Roberto (2004): Immunitas. Berlin: diaphanes. <\/br>Lindemann, Gesa (2020): Die Ordnung der Ber\u00fchrung. Bielefeld: transcript.<\/br>Sami-Ali (1974): L&#8217;Espace imaginaire. Paris: Gallimard.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht klar, ob das Unbewusste den Corro-Narr unterscheiden kann von Corona. Was dagegen klar ist: Das Unbewusste braucht Ber\u00fchrung. 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