{"id":4993,"date":"2018-01-23T07:04:46","date_gmt":"2018-01-23T07:04:46","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4993"},"modified":"2024-06-02T20:10:58","modified_gmt":"2024-06-02T18:10:58","slug":"wo-der-koerper-beginnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2018\/01\/23\/wo-der-koerper-beginnt\/","title":{"rendered":"Wo der K\u00f6rper beginnt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Verr\u00fcckt zu sein, kann vieles bedeuten. Auch mit dem Ausdruck &#8222;psychotisch&#8220; wird in einer Zeit, da psychopathologische Begriffe im allt\u00e4glichen Sprachgebrauch vorkommen, Unterschiedliches angesprochen. Die psychiatrische Psychopathologie hat im Laufe der Psychiatriegeschichte eine Reihe von symptomatischen, \u00e4tiologischen und am zeitlichen Verlauf orientierte Differenzierungen eingef\u00fchrt, um verschiedene psychotische Zust\u00e4nde bzw. St\u00f6rungen <!--more-->voneinander abzugrenzen: Ein drogeninduzierter oder durch eigene Stoffwechselprodukte herbeigef\u00fchrter psychotischer Zustand wird als etwas Anderes angesehen als ein psychotisches Erleben im Rahmen eines Verstimmungszustandes wie der Depression oder als die psychotischen Symptome im Rahmen des Vollbildes einer Schizophrenie.<br \/>\nPsychoanalytische Zug\u00e4nge orientieren sich im Unterschied zur psychiatrischen Nosologie weniger an einer aktuellen Konstellation von Symptomen, sondern favorisieren eine strukturelle Betrachtung, in welcher die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis des Subjekts zum Anderen \/ zum Objekt\u00a0 leitend ist. Das bedeutet zum Einen, dass der Verlauf nicht nur als eine Geschichte von einzelnen Symptomkonstellationen gesehen wird, sondern auf ein Zusammenspiel von Elementen in einer Struktur (z.B. nach Kernberg Abwehrmechanismen, Ichintegration, strukturalpsychoanalytisch Kastration, Name-des-Vaters, Objekt a) zur\u00fcckgef\u00fchrt wird. Mit &#8222;Struktur&#8220; ist dabei ein System von Transformationen angesprochen, das als System (im Gegensatz zu den Eigenschaften der einzelnen Elemente) eigene Gesetze hat und das im Gefolge seiner Transformationen entweder erhalten bleibt oder reicher wird, ohne dass die Transformationen \u00fcber seine Grenzen hinaus wirksam werden oder \u00e4u\u00dfere Elemente hinzuziehen (vgl. Piaget 1973). Au\u00dferdem verbindet sich mit einer strukturellen Betrachtung die Ber\u00fccksichtigung des dynamischen Hintergrunds der singul\u00e4ren Subjekt- und Symptomgenese.<br \/>\nJulie Dauphin schl\u00e4gt im Ausgang von der Schwierigkeit, mit Kernbergs, an der Borderline-Pers\u00f6nlichkeitsorganisation orientiertem diagnostischen Instrumentarium einen klaren Begriff der psychotischen Struktur zu entfalten, vor, die psychotische Struktur von der Schizophrenie zu trennen. W\u00e4hrend die von ihr beschriebene psychotische Struktur auf fr\u00fche Beziehungserfahrungen und eine dadurch bestimmte affektive Entwicklung zur\u00fcck zu f\u00fchren ist, verkn\u00fcpft sie in ihrem Text die Schizophrenie mit neurobiologischen Effekten (Dauphin 2017).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-5046\" src=\"http:\/\/kadi.philo.at\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/SeiteDauphin2017.jpg\" alt=\"\" alt=\"\" width=\"971\" height=\"1409\" \/><br \/>\nDas, was als Schizophrenie klassifiziert wird, begreift Dauphin als eine k\u00f6rperliche Zutat zu einer psychischen Struktur. Eine Entwicklung schizophreniformer Konfigurationen k\u00f6nnen Dauphin zufolge auf jede psychische Struktur treffen und je nach Pers\u00f6nlichkeitsstruktur unterschiedliche Konsequenzen haben. Abgesehen von Ungereimtheiten im Detail &#8211; weshalb ist etwa eine ich-zentrierte Objektbeziehung ein vor allem neurologisches Problem, eine dyadische oder eine triangulierte hingegen eine Frage der psychischen Pers\u00f6nlichkeitsorganisation &#8211; hat eine solche Klassifizierung vor allem eine Schwierigkeit: Der K\u00f6rper (hier &#8222;die schizophreniforme Konfiguration&#8220;) wird der Psyche (hier &#8222;die Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen&#8220;) gegen\u00fcber gestellt, darin erinnernd an einen (von Descartes so niemals behaupteten) Cartesianismus, in welchem K\u00f6rper und Seele klar getrennt gedacht werden.<\/p>\n<p><em>Literatur<\/em>:<br \/>\nDauphin, Julie (2017): Differentiation Between Schizophreniform Configurations and Psychotic Personality Structures, in: Psychodynamic Psychiatry 2017\/45(2), S. 187\u2013216.<br \/>\nPiaget, Jean (1973).\u00a0Memory and Intelligence.\u00a0New York: Basic Books.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verr\u00fcckt zu sein, kann vieles bedeuten. 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