{"id":4934,"date":"2017-07-17T07:57:23","date_gmt":"2017-07-17T07:57:23","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4934"},"modified":"2024-08-16T19:14:02","modified_gmt":"2024-08-16T17:14:02","slug":"gewoehnlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2017\/07\/17\/gewoehnlich\/","title":{"rendered":"Gew\u00f6hnlich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir etwas gewohnt sind, kommt es uns nicht mehr ungew\u00f6hnlich vor. Jacques-Alain Millers postlacanianischer Begriff der gew\u00f6hnlichen Psychose (<em>la psychose ordinaire<\/em>) legt nahe, dass &#8222;Psychose&#8220; in den vergangenen Jahrzehnten zu etwas Gewohntem geworden ist. Bevor in weiteren Beitr\u00e4gen die Implikationen einer solchen Sicht, ihre Querverbindungen zu anderen konzeptuellen Herangehensweisen und Fragen zum heuristischen Wert des Begriffs gestellt werden,<!--more-->\u00a0 soll zun\u00e4chst etwas aus der Entstehung des Konzepts beschrieben werden, wie es von Dossia Avdelidi (2016) in ihrem Buch <em>La psychose ordinaire. La forclusion du Nom-du-P\u00e8re dans le dernier enseignement de Lacan<\/em> dargestellt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4941 alignleft\" src=\"http:\/\/kadi.philo.at\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/Psychose-275x300.jpg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"300\" \/>Eine Voraussetzung fuer die Ausarbeitung neuer Psychosenkonzepte liegt in Lacans Pluralisierung des <em>Namens-des-Vaters<\/em>, von der seit dem abgebrochenen Seminar IX die Rede ist (Lacan 2006). Mehrere <em>Namen des Vaters<\/em> implizieren, dass sie austauschbar, ersetzbar sein k\u00f6nnten. Wenn aber der <em>Name-des-Vaters<\/em> ersetzbar ist, dann wird der psychotische Mechanismus der Verwerfung des <em>Namens-des-Vaters<\/em>, wie Lacan ihn in Seminar III f\u00fcr Schreber beschreibt (Lacan 1975, 1997), zu einem Mechanismus unter anderen, zu einem Sonderfall. Lacan selbst hat eine diesbez\u00fcgliche Erweiterung seiner Psychosentheorie am Beispiel von James Joyce beschrieben, dessen <em>Sinthom<\/em> anstelle des <em>Namens-des-Vaters<\/em> haltgebenden Ersatzcharakter f\u00fcr dessen psychische Struktur hat (Lacan 2005).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Vorgeschichte (vgl. Avdelidi 2016, 195 f.) ebenso hervorzuheben sind 1987 Millers Gedanke einer allgmeinen Verwerfung und Eric Laurents Lehrveranstaltung \u00fcber <em>Die Grenzen der Psychose<\/em> im selben Jahr sowie die Unterscheidung zwischen zum Ausbruch gekommenen Psychosen (<em>les psychoses declench\u00e9es<\/em>) und Psychosen mit Ersatz (<em>les psychoses avec suppl\u00e9ance<\/em>) im Jahr darauf. Von Didier Cremniter und Jean-Claude-Maleval (1989) kommt die\u00a0 Unterscheidung zwischen zum Ausbruch gekommenen und nicht zum Ausbruch gekommenen Psychosen hinzu. Diesen beiden Autoren zufolge verhindert ein Ersatz das Ausbrechen einer Psychose. Eine Verbindung zu bestehenden Konzepten versucht Marie Hel\u00e8ne Brousse (1988) zu schaffen, indem sie den von Maurits Katan gepr\u00e4gten Begriff der Pr\u00e4psychose auf das anwendet, was eine\u00a0 nicht zum Ausbruch gekommene Psychose vor ihrem Ausbrechen ist. Der Pr\u00e4psychose stellt sie jene F\u00e4lle gegen\u00fcber, die nie zum Ausbruch kommen und bringt sie mit dem zur Deckung, was andernorts Borderline-Struktur genannt wird. Brousse unterscheidet drei Kategorien: zum Ausbruch gekommene, nicht zum Ausbruch gekommene Psychosen und solche, die durch einen Ersatz des Namens-des-Vaters gehalten werden. Orientiert an subtilen klinischen Zeichen, argumentiert Stevens (1988) \u00e4hnlich, wenn er wie Brousse die Frage des Ersatzes nicht selbstverst\u00e4ndlich in ein Kontinuum von nicht und schon zum Ausbruch gekommenen Psychosen einordnet. Er spricht im Zusammenhang mit der Psychose von einem versteinerten Subjekt, das den erforderlichen Prozess der Aphanisis nicht durchlaufen hat und daher in einem Zustand der Entfremdung (<em>alienation<\/em>) verharrt. Den Ersatz sieht er als zus\u00e4tzlichen konstruktiven Bew\u00e4ltigungsschritt. Hier entsteht die Frage, ob es unterschiedliche psychotische Strukturen gibt, die einerseits &#8211; jenseits der Frage eines Ersatzes &#8211; zum Ausbruch kommen k\u00f6nnen und andere, die das nie werden (vgl. Avdelidi 2016, 200). \u00c9ric Laurent spekuliert, dass viele Begriffe im Umlauf sind, deren Funktion in eine Begrifflichkeit von Ersatz und Stabilisierung \u00fcberf\u00fchrbar w\u00e4re: \u00dcbertragungspsychose, Psychose als Mittel einer neurotischen Abwehr, Neurosen mit grenzpsychotischen Ph\u00e4nomenen, Borderline, Charakterpathologien und Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen (Laurent 1989). Zu fragen ist an dieser Stelle jedenfalls, ob es Sinn macht, nicht zum Ausbruch gekommene Psychosen ohne Ersatz von solchen mit Ersatz zu unterscheiden. Und es muss der Begriff des Ersatzes genauer untersucht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dem, was Lacan \u00fcber den Namen-des-Vaters mit Blick auf psychotische Strukturen schreibt, lassen sich &#8211; wie so oft &#8211; drei Herangehensweisen unterscheiden: die Verwerfung des Namens-des-Vaters, die Pr\u00e4gung des Namens-des-Vaters und der Ersatz des Namens-des-Vaters. Von der Verwerfung handelt das Seminar III, von der Pr\u00e4gung ist im Seminar XXI kurz die Rede, und vom Ersatz l\u00e4sst sich im Seminar XXIII lesen (vgl. Freda \/ Yemal 1988). Die Pr\u00e4gung erfolgt \u00fcbrigens \u00fcber die Stimme der Mutter (vgl. Lacan o.J., Sitzung vom 19 M\u00e4rz 1974).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Avdelidi D (2016) La psychose ordinaire. La forclusion du Nom-du-P\u00e8re dans le dernier enseignement de Lacan. PUR Rennes.<br \/>\nBrousse MH (1988) Question de suppleance. In: Ornicar ? 47. 65-73.<br \/>\nCremniter D, Maleval JC (1989) Contribution au diagnostic de psychose. Ornicar ? 48. 69-98.<br \/>\nFreda FH \/ Yemal D (1988) Forclusion, monnayage et suppl\u00e9ance du Nom-du-P\u00e8re. In: Collectif, Clinique diff\u00e9rentielle des psychoses. Navarin Paris, 148-153.<br \/>\nLacan J (1975) \u00dcber eine Frage, die jeder m\u00f6glichen Behandlung der Psychose vorausgeht. In: Ders. Schriften III. 61-117. Walter Verlag Olten.<br \/>\nLacan J (1997) Das Seminar. Buch III (1955\u20131956). Die Psychosen. Quadriga Weinheim, Berlin.<br \/>\nLacan J (2005) Le S\u00e9minaire. Livre XXIII (1975-1976). Le sinthome. 1975-1976. Seuil Paris.<br \/>\nLacan J (2006) Namen-des-Vaters (hg. von Jacques-Alain Miller). turia+kant Wien.<br \/>\nLacan J (o.J.) Le S\u00e9minaire. Livre XXI (1973-1974). Les non-dupes errent. Unver\u00f6ffentlichtes Seminar.<br \/>\nStevens A (1988) Aux limites des la psychose. In: Ornicar ? 47. 61-65.<br \/>\nLaurent \u00c9 (1989) Aux limites de la psychose: discussion de trois cas. Les feuillets du courtil, Publication du Champ freudien en Belgique, n\u00b0 1, 9-23 (eine unvollst\u00e4ndige Version findet sich unter http:\/\/www.courtil.be\/feuillets\/PDF\/Laurent-f1.pdf )<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir etwas gewohnt sind, kommt es uns nicht mehr ungew\u00f6hnlich vor. 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