{"id":4912,"date":"2016-05-07T07:21:49","date_gmt":"2016-05-07T07:21:49","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4912"},"modified":"2024-08-16T18:57:30","modified_gmt":"2024-08-16T16:57:30","slug":"festrede-ueber-das-betrogensein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2016\/05\/07\/festrede-ueber-das-betrogensein\/","title":{"rendered":"Vortrag (\u00fcber das Betrogensein)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es ist mir eine gro\u00dfe Ehre, August Ruhs <a href=\"https:\/\/www.falter.at\/film\/614460\/die-menschheit-will-betrogen-sein\">heute<\/a> hier in aller Form zu seinem siebzigsten Geburtstag gratulieren zu d\u00fcrfen. Ich danke Beate Hofstadler und Robert Pfaller f\u00fcr diese sch\u00f6ne Gelegenheit. Ich werde von und zu August Ruhs sprechen, insofern er ein Wissenschafter ist. <!--more-->Meine Ausf\u00fchrungen werden deshalb einen leicht wissenschaftlichen Charakter haben. Ich hoffe, Sie damit nicht zu langweilen.<br \/>\nMein Vortrag sollte eigentlich einen eigenen Titel bekommen. Mir ist aber nach Fertigstellung des Vortrags kein passender Titel eingefallen. Deshalb bleibe ich beim Arbeitstitel und nenne den Vortrag bei seinem Namen, n\u00e4mlich Vortrag.<br \/>\nDas Thema meines Vortrags ist die \u00dcberschrift des heutigen Abends: Die Menschheit will betrogen sein. Wenn wir wissenschaftlich an diesen Satz herangehen, m\u00fcssen wir untersuchen, ob er richtig ist, vielleicht sogar, ob er wahr ist. Dazu ist ein Beweis zu f\u00fchren. Methodisch ist es schwierig, einen Satz \u00fcber die ganze Menschheit zu beweisen. Deutlich leichter ist es, wenn wir uns auf einen Teil der Menschheit beschr\u00e4nken. Zum Beispiel auf August Ruhs. Denn August Ruhs ist Teil der Menschheit.<br \/>\nLogisch geben zwei solche S\u00e4tze schon einiges her. Die Menschheit will betrogen sein. Das w\u00e4re eine erste Pr\u00e4misse. August Ruhs ist Teil der Menschheit. Das w\u00e4re eine zweite Pr\u00e4misse. Und der zugeh\u00f6rige Schluss w\u00fcrde lauten: August Ruhs will betrogen sein.<br \/>\nDas h\u00e4tten wir allerdings auch einfacher haben k\u00f6nnen. Wir h\u00e4tten August Ruhs nur fragen brauchen, ob es stimmt, ob er betrogen werden will. Wenn er sagt: ja. Dann w\u00e4re das kein Einwand gegen unseren Schluss und auch nicht gegen den Satz, dass die Menschheit betrogen sein will.<br \/>\nWenn er aber sagt, nein, dann h\u00e4tten wir ein Problem. Obwohl \u2013 nein: so einfach ist es nicht. Auch schon bei einem Ja von August Ruhs ergeben sich Schwierigkeiten. Denn August Ruhs, wenn er wei\u00df, dass die ganze Menschheit betrogen sein will, denkt nat\u00fcrlich, dass auch wir betrogen sein wollen. Er w\u00fcrde also vielleicht Ja sagen, in Wirklichkeit aber Nein meinen. Der logische Ansatz kann offensichtlich kaum etwas kl\u00e4ren.<br \/>\nWir k\u00f6nnten uns dem Beweis m\u00f6glicherweise leichter auf indirekte Weise ann\u00e4hern. Indirekt, indem wir vom Gegenteil ausgehen: Die Menschheit m\u00f6chte nicht betrogen sein. Psychoanalytisch w\u00e4re ein solcher Gegenbeweis streng genommen ein Beweis daf\u00fcr, dass die Menschheit betrogen sein will. Denn die Verneinung l\u00e4sst sich seit Freud als eine besondere Form begreifen, das Verdr\u00e4ngte zur Kenntnis zu nehmen. Aber wir nehmen es nicht so streng.<br \/>\nErnst Tugendhat hat vor einigen Jahren in einem Vortrag gemeint, dass es nur eine Situation g\u00e4be, in der wir sicher nicht get\u00e4uscht werden wollen \u2013 und zwar die, in der wir jemanden in den Armen halten, von dem oder der wir geliebt werden wollen. Das w\u00e4re zumindest eine Ausnahme vom Betrogenwerdenwollen der ganzen Menschheit. Ernst Tugendhat formuliert eine Ausnahme. Eine Ausnahme \u2013 das ist noch kein Gegenbeweis. Der Satz, die Menschheit will nicht betrogen sein bzw. die Menschheit will betrogen sein, ist deshalb noch nicht falsch oder richtig, denn Ausnahmen neigen ja dazu, Regeln zu best\u00e4tigen.<br \/>\nBei Ernst Tugendhat hat die Ausnahme etwas mit der Liebe zu tun. Und damit haben wir einen wichtigen Zusammenhang entdeckt: Die Liebe ist ein Kernthema vom Betrogensein.<br \/>\nJacques Lacan, der Held des heutigen Helden August Ruhs, hat einiges \u00fcber die Liebe gesagt. Besonders bekannt ist ein Satz von ihm, der m\u00f6glicherweise weiter hilft: Lieben hei\u00dft geben, was man nicht hat. Das klingt jetzt gar nicht mehr logisch.<br \/>\nLogisch w\u00e4re \u2013 und Aristophanes sagt das auch in Platons Gastmahl: Du kannst einem anderen nicht geben, was Du nicht hast. Lacans Behauptung klingt dagegen unlogisch oder fast ein wenig betr\u00fcgerisch. Denn, wer etwas gibt, was er gar nicht hat, hat es vielleicht jemandem anderen abgenommen, jemanden anderen darum betrogen. Lacan lehnt das Betr\u00fcgen vielleicht nicht ganz ab, oder er nimmt es zumindest in Kauf. Daf\u00fcr gibt es \u00fcbrigens noch ein anderes Indiz, n\u00e4mlich seine mehrfach ge\u00e4u\u00dferte Annahme, dass Frauen M\u00e4nner notorisch mit einem Gott betr\u00fcgen w\u00fcrden.<br \/>\nDas sind jetzt alles Betrachtungen von M\u00e4nnern, was angesichts der Tatsache, dass wir einen m\u00e4nnlichen Jubilar feiern, nicht ganz abwegig ist. Trotzdem \u2013 wenden wir uns kurz der Seite der Frauen zu. Nicht zuletzt deshalb, weil die Liebe auf der Seite der Frau am Anfang der Psychoanalyse stand.<br \/>\nBegonnen hat alles mit Berta Pappenheim, die in der Geschichte der Psychoanalyse als Anna O. gef\u00fchrt wird. Berta Pappenheim verliebte sich in Josef Breuer, ihren Arzt. Im Nachhinein l\u00e4sst sich ihre Liebe zu Josef Breuer als ein Fall von mistaken identity lesen: Berta erlag dem, was Freud eine falsche Verkn\u00fcpfung genannt hat, einer \u00dcbertragungsliebe.<br \/>\nEine hat diese Liebe f\u00fcr eine besonders falsche Verkn\u00fcpfung gehalten, n\u00e4mlich Breuers Frau Mathilde, die f\u00fcrchtete, betrogen zu werden. Und das wollte Mathilde Breuer-Altmann nicht. Sie wollte nicht betrogen sein. Sie ist damit die n\u00e4chste Ausnahme von der ganzen Menschheit und von deren Wunsch, betrogen zu sein. Sie ist eine weibliche Ausnahme. Wir k\u00f6nnen daraus schlie\u00dfen, dass der Wunsch nicht betrogen zu sein, kein Geschlecht hat. Er kommt bei einzelnen M\u00e4nnern wie bei einzelnen Frauen vor.<br \/>\nAugust Ruhs ist einer historischen Zugangsweise zur Frage der Liebe in der Psychoanalyse gewiss zugeneigt. Und doch muss hier hervorgehoben werden, dass sein Forschungsinteresse nicht in erster Linie der Liebe, sondern mehr noch den damit zusammenh\u00e4ngenden Themengebieten des Genie\u00dfens und der Geschlechterverh\u00e4ltnisse gilt. August Ruhs hat &#8211; wie wir heute \u00fcbrigens noch h\u00f6ren werden &#8211; mit Bezugnahme auf Pierre Klossowski, eine, in gewisser Hinsicht vergleichbare Konstellation wie jene zwischen Breuer und den beiden Frauen beschrieben. Nur dass nicht zwei Frauen und ein Mann, sondern zwei M\u00e4nner und eine Frau im Spiel sind, eine geschlechtliche Verkehrung der Verh\u00e4ltnisse gewisserma\u00dfen.<br \/>\nDie m\u00e4nnlichen Protagonisten sind Oktave und ein jeweils Anderer. Roberte vertritt die Seite der Frau. Der siebzigj\u00e4hrige Oktave \u2013 bei diesem Alter haben wir es mit einem, in der Psychoanalyse so gut wie nie vorkommenden Zufall zu tun, &#8211; ein seines Amtes enthobener Professor einer theologischen Fakult\u00e4t, ist mit Roberte, einer deutlich j\u00fcngeren Frau und Pr\u00e4sidentin des Zensurbeirates verheiratet. Oktave hat eine recht spezielle Vorliebe. Er genie\u00dft es, wenn er seine Frau Roberte in den Armen eines anderen beobachten kann. Voyeuristisch genie\u00dft er ihr Genie\u00dfen. Er kann es nicht nur ertragen, betrogen zu sein, sondern er strebt es geradezu an. Wir haben es bei Oktave also mit einem prototypischen Vertreter der Menschheit, die betrogen sein will, zu tun.<br \/>\nNun k\u00f6nnen wir uns nat\u00fcrlich fragen, ob es sich bei Oktave \u00fcberhaupt um ein Betrogen-Sein handelt. Wenn er es wiederholt w\u00fcnscht, Roberte hingegeben an einen anderen zu beobachten, wei\u00df er doch sp\u00e4testens ab dem zweiten Mal bereits im Vorhinein, was ihm bevorsteht. Das klingt nicht nach einem Betrug. Denn zum Betrogensein geh\u00f6rt ein Nicht-Wissen. Der Beseitigung des Nicht-Wissens widmet sich die Wissenschaft. Indem sie das Nicht-Wissen beseitigen will, stellt sich die Wissenschaft dem Betrug und dem Betrogensein entgegen. Bemerkenswerterweise st\u00fctzt sie sich dabei auch auf Methoden, die an Klossowskis bzw. Oktaves Arrangement erinnern.<br \/>\nZwei Pioniere der Sexualforschung, Virginia Johnson und William Masters, haben sich in der zweiten H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts ausgiebig mit dem Nicht-Wissen in der Liebe, speziell auf sexuellem Gebiet besch\u00e4ftigt. Er, ein U.S. amerikanischer Gyn\u00e4kologe, und sie, seine Assistentin, haben sich verschiedene Forschungsdesigns ausgedacht, die es ihnen gestatteten, dem Genie\u00dfen anderer zuzuschauen. Masters und Johnson forderten ihre Probanden zu unterschiedlichen sexuellen Aktivit\u00e4ten auf \u2013 allein oder zu zweit in einem Raum mit einem spanischen Spiegel, einem Einwegspiegel, hinter dem sich die beiden mit ihren Blicken verschanzten.<br \/>\nSie haben Hirnstr\u00f6me, Herzt\u00f6ne, Pulsfrequenzen, Bewegungsabl\u00e4ufe, Erektionsmuster, Orgasmusl\u00e4ngen und \u00c4hnliches apparatetechnisch gemessen. Sie schauten und schauten und schauten, lie\u00dfen fotografieren und filmen. Und sie sammelten Daten \u00fcber Daten.<br \/>\nUnd haben sie gefunden, was sie suchen? Lie\u00df sich das Nicht-Wissen, mit dem es die beiden ForscherInnen aufgenommen haben, verringern? In der \u00d6ffentlichkeit wurden ihre Forschungen zun\u00e4chst kritisch rezipiert, sp\u00e4ter als Grundstein zur Behandlung sexueller Funktionsst\u00f6rungen anerkannt. Die Ergebnisse ihrer physiologischen und zum Teil auch psychologischen Untersuchungen f\u00fcllten offensichtlich eine L\u00fccke. Ob sie aber dort hinein gekommen sind mit ihren Blicken, wohin sie wollten, ob f\u00fcr sie das am Genie\u00dfen sichtbar geworden ist, worauf sie es abgesehen hatten, das muss wohl offen bleiben.<br \/>\nWas sagt uns dies alles nun \u00fcber die Frage nach dem Wunsch der ganzen Menschheit, betrogen zu sein? Der Wunsch betrogen zu sein oder nicht, hat mit der Liebe und mit dem Genie\u00dfen zu tun. Und mit dem Nicht-Wissen. Soviel steht wohl fest. Manche wollen es genau wissen, andere nicht. Manche versuchen sich dem Betrogensein zu widersetzen, indem sie immer mehr wissen wollen, andere tr\u00e4umen lieber von dem, was sich nicht einfach sehen l\u00e4sst. Zum Beispiel im Vorspann der Serie <em>Masters of Sex<\/em>, einer Verfilmung des Lebens von William Master und Virginia Johnson.<br \/>\nAuf welche Seite August Ruhs geh\u00f6rt, ob er lieber tr\u00e4umt oder noch mehr wissen will, das m\u00fcssen Sie ihn selbst fragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist mir eine gro\u00dfe Ehre, August Ruhs heute hier in aller Form zu seinem siebzigsten Geburtstag gratulieren zu d\u00fcrfen. 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