{"id":4868,"date":"2017-05-06T15:39:24","date_gmt":"2017-05-06T15:39:24","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4868"},"modified":"2017-05-06T15:39:24","modified_gmt":"2017-05-06T15:39:24","slug":"4868","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2017\/05\/06\/4868\/","title":{"rendered":"Sich einen Karl machen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ist subjektive Identit\u00e4t und die Suche nach ihr vor allem ein Theater der T\u00e4uschungen, wie es von differenzbetonenden Ans\u00e4tzen in der Psychoanalyse nahegelegt wird? Oder ist die Identit\u00e4t einer Person als ein notwendiges Fundament anzusehen, wie es vonseiten ichpsychologisch beeinflusster Theorien immer wieder unterstrichen wird? Wovon ist die Rede, wenn dezentrierend gegen die Vorstellung einer Identit\u00e4t des Subjekts argumentiert wird?\u00a0<!--more-->Welche psychoanalytischen Facetten von Identit\u00e4t sind zu ber\u00fccksichtigen, um etwas von jenen politischen Bewegungen zu begreifen, die mit identit\u00e4ren Parolen auf zunehmende Zustimmung sto\u00dfen?<br \/>\nIdentit\u00e4t und das argumentative Spiel mit ihr ist nichts Neues, auch nichts prim\u00e4r Psychoanalytisches. Ein Beispiel daf\u00fcr w\u00e4re ein Bischof im Mittelalter, der trotz des Z\u00f6libats ganz offiziell eine Frau heiratete. Er sei schlie\u00dflich beides, argumentierte der Mann, Baron und Bischof. Als Baron st\u00fcnde ihm das Heiraten ja zu. Und dann, wenn er sich als Bischof verst\u00fcnde, w\u00fcrde er sich ohnedies an den Z\u00f6libat halten (vgl. Kantorowicz 1981, 43).<br \/>\nAls Begriff ist Identit\u00e4t ein neuzeitliches Konzept. Der Bischof hat sich nicht die explizite Frage nach seiner Identit\u00e4t stellen k\u00f6nnen, weil es Identit\u00e4t als eine Selbstzuschreibung, als eine Beschreibung, f\u00fcr wen ich mich selbst halte, so noch gar nicht gab. Ein\u00a0psychoanalytisch wirkm\u00e4chtiges Konzept der Identit\u00e4t von Erik Erikson stammt \u00e4hnlich wie Freuds Todestriebhypothese aus Erfahrungen, die mit Krieg zusammenh\u00e4ngen. Eriksons \u00dcberlegungen zur Identit\u00e4t nehmen ihren Ausgang von Identit\u00e4tskrisen, die bei Soldaten auftraten, die in den 1940 ger Jahren aus K\u00e4mpfen im Pazifik zur\u00fcckkehrten. Erikson schreibt \u00fcber sie in <em>Kindheit und Gesellschaft<\/em>: \u201eSie wu\u00dften, wer sie waren; sie besa\u00dfen eine pers\u00f6nliche Identit\u00e4t. Aber es war, als ob ihr Leben subjektiv nicht mehr zusammenhinge \u2013 und nie wieder zusammenh\u00e4ngen k\u00f6nnte. Es handelte sich um eine zentrale St\u00f6rung dessen, was ich damals begann, Ich-Identit\u00e4t (Ego-Identity) zu nennen\u201c (Erikson 1971, 36). Den Soldaten war es nicht m\u00f6glich, ihre Existenz als eine zeitliche Kontinuit\u00e4t zu erleben. Anders als der Bischof konnten sie ihr Problem auch damit nicht l\u00f6sen, dass sie sich einmal so und dann wieder anders begriffen h\u00e4tten.<br \/>\nEriksons Identit\u00e4tskonzept (vgl. auch f\u00fcr das folgende Descombes 2013, 27ff.) hat in mancher Hinsicht \u00c4hnlichkeit mit dem Konzepten des Selbst, der Pers\u00f6nlichkeit, des Charakters, wie sie heute in Kernbergs Strukturverst\u00e4ndnis verwendet werden. Es finden sich Verbindungen zu Ichpsychologie, die kritisiert worden sind (vgl. Bohleber 1999, 510). Von Seiten psychoanalytischer TheoretikerInnen wurde Erikson vorgeworfen, dass er einer sozialen Kategorie wie der Identit\u00e4t so gro\u00dfes Gewicht beimessen wollte. Erikson setzte dagegen, dass Freuds Zugangsweise sich einer bestimmten sozialen Situation verdankte, in welcher Psychoanalyse vor allem die Aufgabe hatte, Hemmungen und St\u00f6rungen zu behandeln, die sich bei PatientInnen innerhalb einer stabileren sozialen Ordnung mit grosso modo \u00fcberzeugenderen Gruppenidealen und -vorbildern zeigten. Im Unterschied dazu w\u00fcrden seine, Eriksons, PatientInnen daran leiden, dass ihnen solche Vorbilder suspekt waren oder gar abgingen.<br \/>\nErikson, ein Analysant von Anna Freud, hat sich seinen Namen \u00fcbrigens selbst gegeben \u2013 seinen Vater hat er nicht gekannt; seine Mutter hatte seinen Stiefvater, der Eriks Kinderarzt war, geheiratet, als Erik drei Jahre alt war. Er bekam vom Stiefvater dessen Nachnamen, Homburger und legte ihn in dem Moment ab, als er im Rahmen seiner Emigration in die Vereinigten Staaten die amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft annahm. Namen sind wie zu Schrift erstarrte Br\u00f6ckel von gesprochener fl\u00fcssiger Identit\u00e4t. Um jemanden wieder zu finden, um uns anderen bekannt zu machen, um uns an andere zu erinnern, um einander an zu sprechen, verwenden wir Namen. Und wenn wir sicher gehen m\u00f6chten, dass solche Namen etwas l\u00e4nger bestehen bleiben als der Lufthauch, der sich mit ihrem Aussprechen verkn\u00fcpft, dann schreiben wir sie auch nieder.<br \/>\nVorgestern hat Karl den Karl gebeten, im Karl dr\u00fcben den Karl zu \u00fcberpr\u00fcfen, da Karl annahm, heute dr\u00fcben den Karl zu brauchen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4879\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/karl.jpg\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/>Wie sich allerdings nun zeigt, hat Karl seine Karl ohne den Karl gemacht. Denn Karl kam heute gar nicht in dem Karl, wie bef\u00fcrchtet oder erwartet worden war. Die Karl, die Karl gehabt hatte, war also \u00fcberfl\u00fcssig gewesen, eine typische Karl-Karl.<br \/>\nAn solchen S\u00e4tzen, hier frei nach Konrad Bayer formuliert, l\u00e4sst sich ermessen, wozu Identit\u00e4t auch f\u00fchren kann: zu einem sch\u00f6nen Wirrwarr. Dabei ist anzumerken, dass in Wien die Redewendung &#8222;sich einen Koarl machen&#8220; soviel wie &#8222;sich einen Spa\u00df machen&#8220; bedeutet. Wir verstehen nichts mehr, wenn alle Satzgegenst\u00e4nde identische Namen haben. Und doch ist es irgendwie angenehm, was mit diesen Karls\u00e4tzen anklingt. Das Sich-einen-Karl-machen ist etwas Lustvolles. Die Karl-Erfahrung erinnert an etwas, was Freud als primitive Form eines Befriedigungserlebnis im Erreichen einer Wahrnehmungsidentit\u00e4t beschrieben hat: Der S\u00e4ugling kennt nichts Befriedigenderes als das &#8222;Bild der Mutterbrust und ihrer Warze in Vollansicht&#8220; (Freud 1895, 424). Jedes Vorkommen von Karl stellt f\u00fcr einen kurzen Moment einen Zustand her, in welchem \u00e4hnliche Empfindungen der Befriedigung einsetzen wie damals, als das Kind den Kopf drehte und aus der Seitenperspektive wieder in eine Vollansicht des einzig gew\u00fcnschten Objekts gelangte. Das kindliche Befriedigungserlebnis wird gewisserma\u00dfen herangeholt in Erinnerungsbruchst\u00fccken. Diese Wahrnehmungsidentit\u00e4t ist aber nicht dasselbe wie die oben angesprochene Ichidentit\u00e4t. Sie zieht das Subjekt in Richtung eines sprachlosen Bads erf\u00fcllter W\u00fcnsche, vielleicht in die Zone jener Spannung, von der <a href=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4862\">De M&#8217;Uzan<\/a> schreibt.<\/p>\n<p><em>Literatur<\/em><br \/>\nBohleber, Werner (1999): Psychoanalyse, Adoleszenz und das Problem der Identit\u00e4t. Psyche 53\/6, 507-529, zug\u00e4nglich <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/profile\/Werner_Bohleber\/publication\/37918829_Adoleszenz_und_Identitaet\/links\/550adc930cf290bdc11095c6.pdf\">hier<\/a><br \/>\nDescombes, Vincent (2013): Die R\u00e4tsel der Identit\u00e4t. Frankfurt\/M.: Suhrkamp.<br \/>\nErikson, Erik (1971): Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart: Klett Verlag.<br \/>\nFreud, Sigmund (1895): Entwurf einer Psychologie. GW. Texte aus den Jahren 1885 bis 1938, 1-905.<br \/>\nKantorowicz, Ernst (1981): The King&#8217;s Two Bodies: A Study in Medieval Politcal Theology. Princeton: Princeton University Press.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist subjektive Identit\u00e4t und die Suche nach ihr vor allem ein Theater der T\u00e4uschungen, wie es von differenzbetonenden Ans\u00e4tzen in der Psychoanalyse [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[30,91],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4868"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4868"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4868\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4868"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4868"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4868"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}