{"id":4831,"date":"2017-02-20T14:19:59","date_gmt":"2017-02-20T14:19:59","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4831"},"modified":"2017-02-20T14:19:59","modified_gmt":"2017-02-20T14:19:59","slug":"innen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2017\/02\/20\/innen\/","title":{"rendered":"*innen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Topologisch betrachtet, bilden Menschen Schl\u00e4uche. Menschliche K\u00f6rper umgeben eine zentrale \u00d6ffnung, die vom Mund bis zum Ausgang des Darms reicht. (Arme und Beine sind in topologischer Perspektive vernachl\u00e4ssigbare Anh\u00e4ngsel.) Angesichts solcher Schlauchbildung f\u00fchrt <!--more-->eine psychologisch motivierte Rede von der inneren Welt zu einer topischen Unklarheit: Ist diese innere Welt innerhalb des (Darm) Schlauches zu denken? Oder meint sie alles, was zwischen diesem Schlauch und der \u00e4u\u00dferen Haut liegt? Manch eine mag sich wundern \u00fcber das Problem. Aber &#8222;Innen&#8220; ist ein r\u00e4umlicher Begriff, was die Frage nach dem Ort des Beschriebenen nahe legt.<br \/>\nAngenommen die innere Welt liegt zwischen Darmwand und Haut, so w\u00e4re als n\u00e4chstes zu fragen, wie in diese sogenannte innere Welt etwas anderes, von au\u00dfen, hinein kommen kann, wie also der Vorgang, der mit &#8222;Introjektion&#8220; bezeichnet wird, zu denken ist. Das ist nicht leicht vorstellbar. Die Vorstellungskraft st\u00f6\u00dft an (Haut)Grenzen. Die zweite Lesart der inneren Welt &#8211; die innere Welt innerhalb des Darmschlauches &#8211; scheint noch weniger attraktiv, bietet eine solche Welt doch aufgrund der zweiten \u00d6ffnung des Darmschlauches ihren Inhalten keinen stabilen Halt.<br \/>\nBegriffe sind der Verst\u00e4ndigung dort dienlich, wo der Umfang ihrer Bedeutung(en) gekl\u00e4rt ist. Die Kl\u00e4rung von Bedeutungen &#8211; eine philosophische Aufgabe &#8211; ist Arbeit am Verst\u00e4ndigungsprozess. Die Rede von der inneren Welt st\u00f6\u00dft nicht \u00fcberall auf Verst\u00e4ndnis in der Psychoanalyse. Sie ist aber auch weit verbreitet. Gegen\u00fcber den oben beschriebenen Bedenken topologischer Art l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich einbringen, dass wir Menschen nicht als Schl\u00e4uche, sondern als sprechende Subjekte ansehen, die in der Regel mit Metaphern umgehen k\u00f6nnen. Die &#8222;innere Welt&#8220; k\u00f6nnte also auch eine Metapher sein f\u00fcr etwas, was nicht au\u00dfen ist.<br \/>\nEine solche L\u00f6sung w\u00e4re aber vorschnell. Die Bezugnahme auf die Metapher w\u00fcrde vor allem dazu dienen, die Bedeutung des Ausdrucks &#8222;innere Welt&#8220; gerade nicht n\u00e4her zu untersuchen, sondern sie in einer Wolke der Unbestimmtheit zu belassen. Darian Leader macht aufmerksam, dass die Rede von der inneren Welt historische Vorl\u00e4ufer hat (vgl. auch f\u00fcr das Folgende Leader 2000, 49-87). Sie st\u00fctzt sich auf Konzepte des Bewusstseins, das seit dem 17. Jahrhundert nach dem Modell der <em>Camera obscura<\/em> als hohler Raum vorgestellt wurde. Die <em>Camera obscura<\/em> hatte als Erkl\u00e4rung daf\u00fcr gedient, wie ein Auge funktioniert, bevor sie zum Modell f\u00fcr den Geist wurde. Der schottische Philosoph Thomas Reid kritisiert die Innen-Au\u00dfen-Unterscheidung solcher Modelle. Sie mache vergessen, dass es sich nicht in erster Linie um eine r\u00e4umliche Unterscheidung, sondern um eine Unterscheidung von Gegenst\u00e4nden der Besch\u00e4ftigung handelt. Bewusstseinsgegenst\u00e4nde sind nicht unbedingt Gegenst\u00e4nde der Realit\u00e4t. \u00dcber den Inhalt des innen gedachten Hohlraums wurde viel spekuliert: Enth\u00e4lt er Bilder? Besteht er aus abstrakten Ideen, wie Descartes nahelegt? Werden (mit Hume) Eindr\u00fccke gesammelt? Wie sind die Objekte im dunklen Innenraum des Geistes vorzustellen?<br \/>\nLeader unterstreicht, dass Reids Kritik an der Betonung der Innen-Au\u00dfen-Unterscheidung in der psychoanalytischen Konzeptbildung der Introjektion durch Ferenczi unbeachtet geblieben ist. Dazu tr\u00e4gt eine entwicklungspsychologische Aneignung des <em>Camera-obscura<\/em>-Modells bei: Die Innen-Au\u00dfen-Unterscheidung und der Gedanke einer Aufnahme von etwas \u00c4u\u00dferem in etwas Inneres wird einer entwicklungspsychologisch fr\u00fchen Phase zugeordnet. Auch in den Controversial Discussions taucht das Problem in der Diskussion um den Status der inneren Objekte auf. Kleinianischer Theoriebildung wird vorgeworfen, dass sie zwischen einer fr\u00fchen Phantasievorstellung und dem metapsychologischen Konzept eines psychischen Mechanismus nicht unterscheidet. Es wird deutlich, dass mit inneren Objekten dreierlei gemeint sein kann: geistige, innerliche und imagin\u00e4re Gegenst\u00e4nde. Und oft ist nicht klar, welche der drei Attribuierungen gerade aufgerufen ist.<br \/>\nTopologische Modelle wie das Moebiusband oder die Kleinsche Flasche, die Lacan in seinen Seminaren herangezogen hat, sind Hinweise auf ein Problem unserer gewohnten Sprechweisen. Es l\u00e4sst sich nicht genau sagen, wo das Innen des Innenraums ist. Heute, wo die Grenzen unserer Seele wie unserer K\u00f6rper in verschiedenen Formen elektronischer Kommunikation neu zu erforschen sind, k\u00f6nnen topologische Modelle hilfreich sein, unvorstellbare r\u00e4umliche Verh\u00e4ltnisse zu (be)zeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur:<\/em><br \/>\nLeader, Darian (2000): <em>Freud&#8217;s Footnotes.<\/em> London: Faber and Faber.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4851 aligncenter\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/KleinFlasche-193x300.jpg\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Topologisch betrachtet, bilden Menschen Schl\u00e4uche. Menschliche K\u00f6rper umgeben eine zentrale \u00d6ffnung, die vom Mund bis zum Ausgang des Darms reicht. 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