{"id":4814,"date":"2015-08-16T17:47:06","date_gmt":"2015-08-16T17:47:06","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4814"},"modified":"2015-08-16T17:47:06","modified_gmt":"2015-08-16T17:47:06","slug":"4814","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2015\/08\/16\/4814\/","title":{"rendered":"Radikaler Dialog?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Guy-Felix Duportail (2014) Existence et psychanalyse, in: ders. (Hg.): Penser avec Lacan. Nouvelles lectures, Paris: \u00c9ditions Hermann, 175-212.<\/em><br \/>\nDer Artikel gliedert sich in f\u00fcnf Abschnitte:<br \/>\n1) Die Dynamik der Knoten<br \/>\n2) Die Existenz mit Heidegger und Patocka<br \/>\n3) F\u00fcr eine fleischliche K\u00f6rperlichkeit (corpor\u00e9it\u00e9 charnelle)<!--more--><br \/>\n4) Die existentielle Ewigkeit: Merleau-Ponty als Leser Freuds<br \/>\n5) Zur\u00fcck zu Lacan: Vom Borrom\u00e4ischen Knoten als existentielles Schema und von einer Knotenbewegung als vierte Bewegung der Existenz.<\/p>\n<p>D strebt einen radikalen Dialog zwischen Philosophie und Psychoanalyse an (189).<br \/>\nEr nennt zun\u00e4chst einige Autoren, die ein Interesse f\u00fcr die Psychoanalyse entwickelt haben: Binswanger, Sartre, Merleau-Ponty, Deleuze, Foucault, Derrida, Davidson, Cavell. Einzelne wie Merleau-Ponty, Sartre, Ricoeur, Derrida h\u00e4tten vor allem den Abstand zwischen Philosophie und Psychoanalyse hervorgehoben. D will den nicht leugnen. Sein Projekt sei das einer gelebten Topologie (topologie v\u00e9cue) bzw. einer Prototopologie des Fleisches (chair). \u201cDie R\u00e4umlichkeit der Psyche, die Freud und Lacan betont haben, findet in der k\u00f6rperlichen R\u00e4umlichkeit des Zur-Welt-Seins ihre Aufkl\u00e4rung\u201d (176).<\/p>\n<p>1) D st\u00fctzt sich auf einen <a href=\"http:\/\/www.cairn.info\/article_p.php?ID_ARTICLE=ESS_021_0045\">Text von M. Vapperau<\/a>, in welchem einerseits das Konzept des generalisierten Borrom\u00e4ischen Knotens und andererseits eine Theorie der Knotenbewegung beschrieben ist. Die Knotenbewegungen folgen den sogenannten R-Bewegungen, die Reidemeister beschrieben hat. Vappereau, der seit 1970 bei Lacan in dessen Seminaren und auch bei Lacan in Analyse gewesen ist, war zusammen mit Soury und wenigen anderen ein Berater f\u00fcr Lacan in Knotenangelegenheiten. Zusammen mit Porge, Darmon und Fierens hat er f\u00fcr eine Auffassung von Psychoanalyse als Ent- und Wiederverknotung votiert.<br \/>\nDie Bewegungen der Knoten sind etwas Mathematisches, genau genommen Geometrisches, nichts K\u00f6rperliches. Eine psychoanalytische Besch\u00e4ftigung mit ihnen impliziert so etwas wie eine platonistische Reduktion des Unbewussten (179). Allerdings k\u00f6nnte diese Behauptung missverstanden werden: Lacans Form der Reduktion habe mehr etwas Apokalyptisches, Antiplatonisches. Das zeige sich in dem, was Lacan am Unbewussten betont, wenn er es vor allem als etwas Nicht-Seiendes vorstellt. Die Aphanisis, die Kluft, die Abwesenheit \u2013 mit diesen und anderen Ausdrucksformen des Mangels charakterisiert Lacan das (Lacansche) Unbewusste.<br \/>\n2) D \u00fcbernimmt von Patocka dessen Auffassung der grundlegenden Bedeutung der Bewegung f\u00fcr die Existenz. Bewegung entspricht einer Realisation von M\u00f6glichem (183). Mit Patocka unterscheidet er drei Formen der Bewegung, bezogen auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (letztere sei mit Heidegger am wichtigsten). Obwohl der K\u00f6rper bei Patocka insofern hereinspielt in die Bewegung, als Existenz k\u00f6rperlich verstanden wird, w\u00fcrde Patocka letztlich doch zu wenig Aufmerksamkeit f\u00fcr die fleischliche Dimension des Daseins aufbringen (188). Um diese Schw\u00e4che auszugleichen, bezieht D Merleau-Ponty ein.<br \/>\n3) Der Wirbel kennzeichnet unser gelebtes Verh\u00e4ltnis zu Raum und Zeit. Diese Annahme impliziert eine Abkehr vom Cogito. Der Wirbel des Fleisches entfremdet uns von uns selbst. (190) D unterscheidet mit Merleau-Ponty (Sorbonnevorlesungen) sogenannte \u201cultra-choses\u201d (Ultradinge?). Sie geh\u00f6ren in einen vorobjektiven Bereich. F\u00fcr das Kind z\u00e4hlt der Himmel dazu oder die Erde. F\u00fcr den Erwachsenen bildet der Tod eine solche \u201cultra-chose\u201d. D will auch das Unbewusste und das Fleisch (chair) dazu z\u00e4hlen. Ultradinge lie\u00dfen sich nur topologisch zum Ausdruck bringen (191).<br \/>\nDie Bewegung des Fleisches begreift D (vermutlich mit Merleau-Ponty) als eine Bewegtheit des Seins, die nichts mit physikalischen Begriffen von Bewegung zu tun hat. Er situiert die Bewegung des Wirbels vor allem im Visuellen. \u201cDer Sehende ist nur eine Falte im Gewebe des Sichtbaren-in-Bewegung, er ist nur eine H\u00f6hlung im Fleisch der Welt\u201d (194). Anklingend an einen fr\u00fchen Text Lacans (der eine v\u00f6llig andere Ausrichtung hat), schreibt D von drei logischen Zeiten der Bewegtheit des sensiblen Seins (195). (Oder gibt es den Ausdruck \u201clogische Zeit\u201d auch bei Merleau-Ponty?).<br \/>\n4) D bemerkt, dass die Ausf\u00fchrungen ziemlich barock werden (197) und liest in den Sorbonne-Vorlesungen eine Anwendung auf die konkrete Existenz. Da ist von einem praktischen Schema die Rede, das sich als symbolische Matrix der Interpretation einer Fallgeschichte bei Freud (Madame B.) eigne. (Frau B. d\u00fcrfte \u2013 was D nicht angibt, aus einem Manuskript von Freud mit dem Titel \u201cEine erf\u00fcllte Traumahnung\u201d (1899) stammen). Der gesamte Exkurs dient dazu, die Beschr\u00e4nkung der bisherigen \u00dcberlegungen auf das Feld des Sehens aufzuheben und eine Kapazit\u00e4t des Fleisches zur passiven Verkn\u00fcpfung von Ereignissen (liaison passive des \u00e9v\u00e9nements) (201f.) hervorzuheben.<br \/>\nStatt eines vierten Axioms postuliert D in diesem Artikel eine vierte Form der Bewegung. Sie erf\u00fclle die Aufgabe, das praktische Schema des Existierenden einzuf\u00fchren und aufrecht zu erhalten; das k\u00f6nnen die drei anderen Bewegungen der Existenz, die an die Irreversibilit\u00e4t der Zeit gekn\u00fcpft sind, prinzipiell nicht realisieren (202).<br \/>\n5) D will die Knoten Lacans als topologische Spuren eines existentiellen Schemas lesen (203). Die Knotenbewegungen des Topologen w\u00fcrden dabei zu einer Art \u201cFiguren der vierten Bewegung der Existenz des Philosophen\u201d. Das bedeutet, dass Lacans Schemata f\u00fcr D nichts Formelhaftes (204) (d.h. nicht den Charakter von Mathemen, siehe unten) haben.<\/p>\n<p>D gliedert seine Zusammenf\u00fchrung des bisher Gesagten mit einzelnen Theoremen von Lacan in vier Unterabschnitte und bemerkt,<br \/>\na) dass Merleau-Ponty in seiner Wirbelmetaphorik das Loch im Zentrum eines Wirbels unbeachtet l\u00e4sst. Lacan hingegen w\u00fcrde das Sein durchl\u00f6chern und damit eine \u201cNegativit\u00e4t in die Prototopologie des Sensiblen\u201d hereinbringen (205).<br \/>\nb) dass sich das Fehlen des Lochs als eine Art Enthaltung gegen\u00fcber der Kastration verstehen lasse (im Hinblick auf das SE XI).<br \/>\nc) dass sich die Frage nach falschen und wahren L\u00f6chern stelle. Als richtig anerkennt D nur solche, die borrom\u00e4isch werden k\u00f6nnten. Unter den falschen macht er \u201cschwarze L\u00f6cher\u201d (208) aus, die er als Werk des Todestriebs auffasst. Der Todestrieb sei philosophisch das andere einer Bewegung in Richtung des Seins (208). Die vierte Bewegung wird damit zu einer Bewegung im Kampf mit der Aggression. K\u00fchn wagt sich D auch noch weiter: Er schreibt von einer gelungenen Analyse, die eine lebendige Praxis des Sprechens hervorbringe, die eine Bewegung des Begehrens entlang einer Kunst des Sprechens wiedereinf\u00fchrt. Das phallische Genie\u00dfen liege dann nicht ganz au\u00dferhalb des K\u00f6rpers, das Genie\u00dfen des Anderen nicht ganz au\u00dferhalb der Sprache, der Sinn nicht ganz au\u00dferhalb des Realen. F\u00fcr die letzten drei Thesen verweist D auf eine Lesart von F. Baudry (1986): <em>in l\u2019intime<\/em>. Paris: Les \u00e9ditions des l\u2019\u00c9clat. Im \u00dcbrigen sei die vierte Bewegung gleichzusetzen mit der Knotenbewegung. Bemerkenswert auch noch ein weiterer Satz \u00fcber die Rolle der Psychoanalyse f\u00fcr die Philosophie: Wenn die Philosophie die Psychoanalyse einbeziehe, dann spanne sich die menschliche Existenz auf, sie problematisiere sich, verknote sich, zeige eine Resonanz mit den gro\u00dfen Trag\u00f6dien.<br \/>\nd) dass die Ontologie des Fleisches die normative Funktion der Kastration \u00fcbernehme. Das Loch im Sein f\u00fchre den Borrom\u00e4ischen Knoten und mit ihm die Kastration als Norm des Begehrens ein. Der Wirbel m\u00fcsse dazu \u2013 in irgendeiner von unz\u00e4hlig vielen Formen \u2013 einen Namen des Vaters ausspucken (211). Der Vater des Namens bildet die M\u00f6glichkeitsbedingung f\u00fcr den Namen des Vaters, sei insofern wichtiger als dieser.<br \/>\nDer Wirbel des Fleisches sei ein Freudscher Versprecher (211).<br \/>\nDie verbindende Lekt\u00fcre Ds hat einige Probleme:<\/p>\n<ul>\n<li>Die existentielle Aufladung des Knotens (und der Psychoanalyse als Ganze) erinnert mehr an Sartre (und wohl Merleau-Ponty) als an Lacan.<\/li>\n<li>Terminologisch geht D locker mit Differenzen um, die zumindest genannt werden m\u00fcssten. <em>Ex-sistence<\/em> im Lacanschen Sinn etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, unterscheidet sich deutlich von <em>Existence<\/em> bei Merleau-Ponty.<\/li>\n<li>Vor dem Hintergrund von Badious Besch\u00e4ftigung mit dem sp\u00e4ten Lacan in seinem vor kurzem \u00fcbersetzten Buch mutet es sehr ungew\u00f6hnlich an, dass die Formeln, mit denen Lacan sein Lebtag lang argumentiert hat, keine Formeln sein sollen, sondern etwas Existentielles.<\/li>\n<li>Die falschen L\u00f6cher als schwarze L\u00f6cher kann ich nicht mit Lacans Text verkn\u00fcpfen, wobei auch Rolf Nemitz <a href=\"http:\/\/lacan-entziffern.de\/reales\/das-loch-im-zentrum-des-realen\/\">diese Assoziation<\/a> hat. Gewagt erscheint mir der triebtheoretische Ausflug. Der Kampf gegen die Aggression klingt wie ein moralisches Anliegen. Psychoanalytisch w\u00e4re eher \u00fcber Integration, \u00fcber Vermischung von Triebqualit\u00e4ten zu sprechen.<\/li>\n<li>Die normativen Annahmen \u00fcber die Kur verwundern, zumal beim sp\u00e4ten Lacan.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guy-Felix Duportail (2014) Existence et psychanalyse, in: ders. (Hg.): Penser avec Lacan. Nouvelles lectures, Paris: \u00c9ditions Hermann, 175-212. 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