{"id":4791,"date":"2016-04-30T14:04:48","date_gmt":"2016-04-30T14:04:48","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4791"},"modified":"2016-04-30T14:04:48","modified_gmt":"2016-04-30T14:04:48","slug":"4791","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2016\/04\/30\/4791\/","title":{"rendered":"K\u00f6rperwiderstand"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Catherine Malabou (2016) vertritt folgende These: Clonen und epigenetische Prozesse, die in den vergangenen Jahrzehnten in biologischen Wissenschaften erforscht worden sind, lassen Konzepte, die eine Formierung unseres K\u00f6rperverst\u00e4ndnisses nur bzw. prim\u00e4r durch Symbolisierungsprozesse nahelegen, unzureichend erscheinen. Der K\u00f6rper selbst ist ein Ort des Widerstandes.<!--more--><br \/>\nM. versteht Foucaults Konzept der Biomacht als Synonym f\u00fcr Kontrolle, Regulierung, Ausbeutung und Instrumentalisierung von Lebewesen. Biomacht greift auf die K\u00f6rper der Lebewesen zu. M. legt nahe, dass diese K\u00f6rper &#8211; im wenig ausgearbeiteten Begriff der Biomacht &#8211; vielfach als passive Matrix gedacht sind. M. fokussiert dagegen (seit tausend Jahren diskutierte) aktive Momente\/Keime (beides sind meine Worte, um zu beschreiben, was M. macht) in der Materie (wobei M. nur von &#8222;K\u00f6rper&#8220; schreibt, nicht von der Materie). M. denkt das Verh\u00e4ltnis &#8222;K\u00f6rper-Politik&#8220; wechselseitig verschr\u00e4nkt (an Merleau-Ponty erinnernd). Der Politisierung des Lebens w\u00e4re in diesem Sinne eine Biologisierung der Politik zur Seite zu stellen. Sie interessiere sich f\u00fcr den BIOpolitischen Widerstand gegen\u00fcber dem BioPOLITISCHEN.<br \/>\nBeispiele von Agamben und Esposito (&#8222;biologische Realisierung des Nationalsozialismus) \u00fcber die enge Verkn\u00fcpfung zwischen dem Politischen und dem Biologischen im Nationalsozialismus werden von ihr angef\u00fchrt. Dabei wird M.s Punkt weniger deutlich als beim Thema Clonen und Epigenetik.<br \/>\nIn zeitgen\u00f6ssischen biologischen Konzepten werden Lebewesen als offene Strukturen gedacht, in denen sich mehrere Regime des Ged\u00e4chtnisses, der \u00dcbermittlung von Erinnerung und Vererbung \u00fcberkreuzen. M. scheint hervorheben zu wollen, dass Ankn\u00fcpfungsstellen f\u00fcr Machttechniken nicht an der Oberfl\u00e4che der K\u00f6rper liegen, sondern tiefer im Organismus, wo sie auf k\u00f6rpereigene Machttechniken treffen.<br \/>\nIn der Epigenetik wird heutzutage das erforscht, was an Modifikation des genetischen Codes durch Umwelteinfl\u00fcsse auf das Individuum geschieht. Auf zellul\u00e4rer Ebene handelt es sich dabei um die Aktivierung und Desaktivierung von genetischen (DNA-codierten) Sequenzen durch Boten-(RNA)Sequenzen. Diese Aktivierung\/Desaktivierung wird weiter vererbt (ein Beweis f\u00fcr den lange bezweifelten Lamarckismus, der Vererbung von erworbenen Eigenschaften).\u00a0 M. liest diese Prozesse als eine nicht-symbolische Pr\u00e4gung des Organismus.<br \/>\nDas Clonen betrifft zwei Zusammenh\u00e4nge: die asexuelle Reproduktion und die Regeneration von Zellen. M. hebt die Bedeutung der heutigen Stammzellforschung hervor. Stammzellen (=fr\u00fch in der Entwicklung eines Organismus vorhandene pluripotente Zellen) verk\u00f6rpern eine bis dato wenig ber\u00fccksichtigte Vorstellung der Reversibilit\u00e4t von Leben, als enthielte jeder K\u00f6rper ewiges Leben \u00fcber die im Organismus schlafenden &#8222;Sporen&#8220;. Biotechnologische Innovation w\u00e4re in diesem Sinn keine vor allem \u00e4u\u00dfere Manipulation an Organismen, sondern sie w\u00fcrde auf bereits im Organismus vorhandene, \u00e4ltere M\u00f6glichkeiten zur\u00fcckgreifen, nachdem den S\u00e4ugern eine Selbstreparatur auf diesem (Um)Weg evolution\u00e4r verloren gegangen ist.<br \/>\nWas hat das alles mit M.s Thema des Widerstandes zu tun? M. unterstreicht die Koinzidenz von symbolischem und biologischem Subjekt, die sie in den angesprochenen Konzepten verwirklicht sieht. Genome werden permanent reprogrammiert durch den Organismus selbst und widersetzen sich damit einem symbolischen Einfluss. Prothesenfreier Ersatz von K\u00f6rperteilen erfolgt durch den K\u00f6rper selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Catherine Malabou (2016): One Life Only: Biological Resistance, Political Resistance, in:<em> Critical Inquiry <\/em>42 (Spring 2016), 429-438.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Catherine Malabou (2016) vertritt folgende These: Clonen und epigenetische Prozesse, die in den vergangenen Jahrzehnten in biologischen Wissenschaften erforscht worden sind, lassen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4791"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4791"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4791\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4791"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4791"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4791"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}