{"id":4773,"date":"2017-02-08T10:33:28","date_gmt":"2017-02-08T10:33:28","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4773"},"modified":"2017-02-08T10:33:28","modified_gmt":"2017-02-08T10:33:28","slug":"body-intercourse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2017\/02\/08\/body-intercourse\/","title":{"rendered":"Body Intercourse"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In einem rezenten Artikel macht Wolfgang Leuschner (2017) auf Paul Schilders K\u00f6rperbildstudien (1933, 1935, 1942) aufmerksam, auf welche auch Maurice Merleau-Ponty (1966 [1945]) teilweise Bezug nimmt. Leuschner erinnert an einzelne Aspekte des Schilderschen Ansatzes &#8211; die &#8222;Appersonisierung&#8220; und den von Schilder so bezeichneten <!--more-->&#8222;Body Intercourse&#8220; &#8211; die er f\u00fcr zu Unrecht vergessen haelt. Ausf\u00fchrlich wird das K\u00f6rperbild von Leuschner als aktiver Operator geschildert, der ins Somatische wie ins Libidin\u00f6se, aber auch in die Umwelt reicht, als Operator von Bewegungen und Kommunikationen zwischen Physis, Psyche und Welt. Nicht nur werden alte Gem\u00e4lde wie Giottos <em>Beweinung Christi<\/em> oder literarische Belege von Marcel Proust herangezogen, um Spiegelph\u00e4nomene zu illustrieren, sondern auch Fallvignetten von nonverbaler Kommunikation zwischen Komapatienten und ihren Angeh\u00f6rigen, bei welchen sich (nicht mit Spiegelneuronen erklaerbare) Beruhigungen mit technischen Mitteln objektivieren lie\u00dfen, kommen ins Spiel (Leuschner 2017, 135).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar lose Anmerkungen zu Leuschners Darstellungen:<br \/>\n&#8211; Das K\u00f6rperbild mutiert zu einem vor allem aktiven Element. Die Auffassung, das K\u00f6rperbild sei &#8222;Gestalter und Exekutive der \u00bbHardware\u00ab&#8220; (Leuschner 147) macht aus einem unbewussten Geschehen eine intendiert anmutende Handlungsfolge. Ob hier nicht ein Moment von T\u00e4uschung im Spiel ist? Vor dem Spiegel hat das Kind den Eindruck, es bei seinem Bild mit einem Akteur zu tun zu haben. Und als &#8222;Erwachsener werden wir auch weiterhin aufgrund \/ eines magischen Glaubens im Bild ein Doppel unserer Selbst sehen&#8220; (Merleau-Ponty 1994, 324).<br \/>\n&#8211; Der Ausdruck &#8222;Body Intercourse&#8220; zieht Aufmerksamkeit auf sich. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass er nicht zum g\u00e4ngigen Vokabular der Psychoanalyse geworden ist. Schilder m\u00f6chte damit einen, wie in einem Sexualakt verschmelzenden Zustand von K\u00f6rperbildern beschreiben. Die Verschmelzungsakte beziehen sich durchwegs auf Teilobjekte wie Milch, Brust, mit Kestenberg (1975) werden auch Kot und Urin einbezogen. Die Nachtr\u00e4glichkeit einer phantasierten Sexualisierung von Erfahrungen der Aufnahme, der Aussto\u00dfung im Bereich von Mund, Darm, Harnr\u00f6hre geht im Ausdruck &#8222;Body Intercourse&#8220; wie auch in Leuschners Darstellung verloren.<br \/>\n&#8211; Manche Argumentationslinien des Texts erstaunen. Es wird zwar mehrfach affirmativ auf Merleau-Ponty verwiesen, um am Ende zum hastig begr\u00fcndeten und nicht nur deshalb erstaunlichen Schluss zu kommen, dass dessen Beitrag &#8222;in mehrfacher Hinsicht nicht \u00bbanschlussf\u00e4hig\u00ab&#8220; sei (Leuschner 2017, 147).<br \/>\n&#8211; Merlau-Ponty (1994) hat sich\u00a0 in seinen Sorbonne Vorlesungen ausf\u00fchrlich mit Lacans Spiegelstadium besch\u00e4ftigt. Teile dieses Ansatzes reichen in Leuschners Thema hinein und werden von ihm ungenannt und unzitiert mithilfe eines unver\u00f6ffentlichten Manuskripts von H. Gekle hereingeholt (vgl. Leuschner 2017, 130). Weshalb hier eine Erw\u00e4hnung des Lacanschen Originaltextes fehlt, bleibt unklar &#8211; als w\u00e4re hier noch immer eine alte <a href=\"http:\/\/sammelpunkt.philo.at:8080\/1767\/1\/06roudinesco.pdf\">Ausl\u00f6schung<\/a> wirksam.<br \/>\n&#8211; Die von Leuschner betonte soziale Seite des K\u00f6rperbilds wird \u00fcbrigens auf eigenst\u00e4ndige und originelle Weise in Lacans Sp\u00e4twerk dargestellt, wo das Symbolische vor allem mit dem Loch (im Borrom\u00e4ischen Knoten) assoziiert ist, die Untrennbarkeit des K\u00f6rpers in seiner Bildhaftigkeit vom &#8211; durch das Soziale gepr\u00e4gten &#8211; Symbolischen illustriert und beider Verflechtung mit weniger fassbaren, realen Aspekten in barocker Blumigkeit behauptet ist. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4781 aligncenter\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/Corps-im-Knoten-300x278.jpg\" alt=\"corps-im-knoten\" width=\"300\" height=\"278\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leuschner, Wolfgang (2017): Paul Schilders K\u00f6rperbild-Modell und der &#8222;Body Intercourse&#8220;, in: Psyche 2\/2017, 123-150.<br \/>\nMerleau-Ponty, Maurice (1966 [1945]): Ph\u00e4nomenologie der Wahrnehmung. Berlin: De Gruyter.<br \/>\nMerleau-Ponty, Maurice (1994): Keime der Vernunft. Vorlesungen an der Sorbonne 1949-1952 (hg. B. Waldenfels). M\u00fcnchen: Fink.<br \/>\nSchilder, Paul (1933): Das K\u00f6rperbild und die Sozialpsychologie, in: Imago 19, 367-376.<br \/>\nSchilder, Paul (1935): The Image and appearance of the human body: Studies in the constructive energies of the psyche. London: Kegan Paul, Trench, Trubner.<br \/>\nSchilder, Paul (1942): The body image in dreams, in: Psychoanalytic Review 29, 113-126.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem rezenten Artikel macht Wolfgang Leuschner (2017) auf Paul Schilders K\u00f6rperbildstudien (1933, 1935, 1942) aufmerksam, auf welche auch Maurice Merleau-Ponty (1966 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4773"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4773"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4773\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4773"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4773"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4773"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}