{"id":4629,"date":"2016-12-19T12:31:50","date_gmt":"2016-12-19T12:31:50","guid":{"rendered":"http:\/\/kadicorps.philo.at\/?p=4629"},"modified":"2024-08-16T19:04:18","modified_gmt":"2024-08-16T17:04:18","slug":"schleiermauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2016\/12\/19\/schleiermauer\/","title":{"rendered":"Schleiermauer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Umgangssprachlich ist der Ausdruck Schleiermauer nicht gebr\u00e4uchlich; selbst dort, wo viel von Mauern und von Schleiern die Rede ist, fehlt er noch. Die Definition der Schleiermauer bedarf zun\u00e4chst einiger Abgrenzungen gegen\u00fcber jenen Ausdr\u00fccken, die zwar klanglich mit ihm verbunden, aber inhaltlich weit entfernt sind.<br \/>\nEine Schleiermauer ist keine Schleiereule. Sie ist nicht wie diese vom Feldmausbestand abh\u00e4ngig, und sie meidet auch ihre Feinde nicht. <!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4631 size-medium\" src=\"http:\/\/kadi.philo.at\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Bellmer-248x300.jpg\" width=\"248\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Abb. 1<\/em>: Hans Bellmer (2014), Kleine Anatomie des k\u00f6rperlichen Unbewussten oder die Anatomie des Bildes, Berlin: Brinkmann &amp; Bose: 44.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weder tr\u00e4gt sie ein Dunenkleid, noch scheut sie das Mittagslicht. Eine Schleiermauer ist auch kein Schleiermacher. Die Kunst der Auslegung liegt ihr fern. Sie stellt keine Schleier her. Und die Verschleierung von Verh\u00e4ltnissen geh\u00f6rt nicht zu ihrem Zweck. Eine Feuermauer ist die Schleiermauer ebenfalls nicht. Von dieser unterscheidet sie sich morphologisch vor allem durch ein meist verbliebenes Loch in Augenh\u00f6he. Und au\u00dferdem ist sie anders als die Feuermauer nicht daf\u00fcr gemacht, ein Feuer zu verhindern, sondern sie f\u00fchrt im Gegenteil zu einer Temperatursteigerung im Inneren wie au\u00dfen.<br \/>\nEine Schleiermauer ist eine Mauer, darin der Sonnenbrille oder der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft vergleichbar . Sie eignet sich als Grundbegriff einer philosophischen Physik \u2013 mit \u00e4sthetischen, ethischen und politischen Implikationen, die im Folgenden angedeutet werden sollen.<br \/>\nDie Schleiermauer macht etwas sichtbar, was gleicherma\u00dfen bekannt wie unbekannt ist, n\u00e4mlich einen verborgenen K\u00f6rper (vgl. Abb. 1). Sie selbst h\u00e4lt ihn verborgen. Sie sch\u00fctzt ihn vor dem Blick und den Blick vor ihm. Daher ist sie, wenn wir ihre Funktion ins Extremistische ausdehnen, auch als ein Instrument einer sogenannten \u201eEinbildungs-Operation\u201c anzusehen. Sie erm\u00f6glicht die Einbildung, dass es den verh\u00fcllten K\u00f6rper gar nicht g\u00e4be. Dazu fungiert sie als Wahrnehmungsschutz, als \u201eReizschutz\u201c , als Schutz vor \u201eWirkungen, die uns [\u2026] \u00fcberfallen\u201c. Vor Wirkungen eines K\u00f6rpers.<br \/>\nAls eine Mauer, die einen gesamten K\u00f6rper verh\u00fcllt, ist die Schleiermauer nicht nur ein Bau, sondern beinahe ein ganzes Geb\u00e4ude. Beinahe, denn es fehlt ihr der bein-nahe Abschluss nach unten. Als Beinahe-Geb\u00e4ude ist sie geeignet, die Unterscheidung zwischen einem Aufenthaltsbau und einem Verkehrsbau zu unterlaufen. Denn die Schleiermauer kann beides: Sie gestattet den Aufenthalt von Menschen, und sie dient, auch wenn sie selbst keine, einer Stra\u00dfe, einer Br\u00fccke oder sonst einem Weg vergleichbare feste Unterlage f\u00fcr den Verkehr bildet, doch dem Transport: Der nahezu unsichtbare K\u00f6rper im Inneren der Schleiermauer kann unter Bewahrung seiner Unsichtbarkeit von einem Ort zum anderen gelangen, verkehren. Als bewegliche Behausung \u2013 hierin einer M\u00fctze oder einem St\u00fcck Eierschale vergleichbar \u2013 geleitet die Schleiermauer den verh\u00fcllten K\u00f6rper zu seinen jeweiligen Zielen.<br \/>\nDoch die Mauer als Schleier verh\u00fcllt nicht nur einen K\u00f6rper. Sie allein ist schon ein K\u00f6rper. Eine Schleiermauer verbirgt einen K\u00f6rper hinter einem K\u00f6rper. Sie selbst bildet eine K\u00f6rper-Grenze zwischen Innen und Au\u00dfen. Nach au\u00dfen zu gestaltet sich der Schleiermauerk\u00f6rper abweisend, leblos, reizabweisend, w\u00e4hrend innen eine durchaus hohe Empfindlichkeit bestehen kann. Diese wird nur an jener Stelle erkennbar, an welcher sich \u2013 was nicht in jedem Fall, aber dennoch \u00fcberh\u00e4ufig geschieht \u2013 ein Loch der Mauer darstellt: der Sichtschlitz (vgl. Abb.2). Durch ihn k\u00f6nnen die Augen Stichproben nehmen von den \u00fcberw\u00e4ltigenden \u00e4u\u00dferen Reizmengen, vor denen die Schleiermauer den K\u00f6rper im Inneren wie eine zweite Haut bewahrt.<br \/>\nDie Schleiermauer ist ein Statement gegen die Nacktheit als Kleidung (Seitter 1997d). Indem sie Schleier ist, reiht sich die Schleiermauer in den Reigen derjenigen Utensilien, die ein Ineinsfallen von Geschlechtern hintanzuhalten erfunden worden sind. Denn der Schleier verschleiert gleicherma\u00dfen Selbiges wie Anderes und s\u00e4mtliche Abstufungen zwischen beiden. Die Schleiermauer ist eine Statthalterin der Differenzen. Die Verschleierung der Unterschiede h\u00e4lt den Raum f\u00fcr Unterschiede offen, wie sie der Psychiater Cl\u00e9rambault \u00fcbrigens zwischen m\u00e4nnlicher und weiblicher fetischistischer Stoffleidenschaft gefunden hat: M\u00e4nner suchen&#8230;<\/p>\n<p><em>Der vollst\u00e4ndige Text und die Quellenangaben sind zu lesen in: Gurschler, Ivo \/ Sophia Panteliadou, Christopher Schlembach (Hg.): Sehen und Sagen. F\u00fcr Walter Seitter. Wien: Sonderzahl 2016.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4632 size-medium\" src=\"http:\/\/kadi.philo.at\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Clerambault-189x300.jpg\" alt=\"clerambault\" width=\"189\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Abb. 2<\/em>: Ga\u00ebtan Gatian de Cl\u00e9rambault (1997), Fotografische Gewandstudien, in: Tumult. Zeitschrift f\u00fcr Verkehrswissenschaft. Bd. 12\/1988. Ga\u00ebtan Gatian de Cl\u00e9rambault (1872-1934). Ein Augenschicksal, M\u00fcnchen: Boer: 33.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umgangssprachlich ist der Ausdruck Schleiermauer nicht gebr\u00e4uchlich; selbst dort, wo viel von Mauern und von Schleiern die Rede ist, fehlt er noch. 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