{"id":4052,"date":"2013-10-13T10:24:56","date_gmt":"2013-10-13T10:24:56","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=4052"},"modified":"2013-10-13T10:24:56","modified_gmt":"2013-10-13T10:24:56","slug":"unbewusstesformen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2013\/10\/13\/unbewusstesformen\/","title":{"rendered":"Die \/ Das Formen von Unbewusstem"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In ihrem Text \u00fcber Lacan und das von Neuem erfundene Unbewusste schreibt Colette Soler, dass die Psychoanalyse nicht einfach eine Kunst sei. Denn\u00a0 wenn sie nur eine Kunst w\u00e4re, dann lie\u00dfen sich der Erfindung in der Psychoanalyse keine Grenzen setzen. Die Psychoanalyse sei ebenso sehr ein soziales Regelsystem, f\u00fcr das AnalytikerInnen mitverantwortlich sind und dessen Effekte auf die AnalysantInnen nicht unabh\u00e4ngig davon sind, wie Analyse gedacht wird (vgl. Soler 2009, VIII).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soler hat mit diesem Gedanken einen wunden Punkt getroffen, der bei der Lekt\u00fcre von Werner Bohlebers Einleitung zu einem Sonderheft der Psyche \u00fcber das Unbewusste (vgl. auch f\u00fcr das Folgende Bohleber 2013) neuerlich sp\u00fcrbar wird. Bohleber beginnt mit zwei Formen des Unbewussten, mit dem verdr\u00e4ngten Unbewussten und mit jenem Unbewussten, das sich aus nicht verbalisierten Selbstzust\u00e4nden, die dissoziiert existieren, zusammen setzt. Freud habe sich bei aller Anerkennung dieser zweiten Form vornehmlich f\u00fcr das verdr\u00e4ngte Unbewusste interessiert. Seit Freud habe sich das Verst\u00e4ndnis des Unbewussten allerdings erweitert. Bohleber nennt neben dem dynamischen und dem nicht-verdr\u00e4ngten noch ein kreatives Unbewusstes. Das nicht-verdr\u00e4ngte Unbewusste bestehe aus fr\u00fchen Phantasien, fr\u00fchen Objektbeziehungen (in Form von Repr\u00e4sentanzen und inneren Objekten), aus der k\u00f6rperlich verankerten sensomotorischen Koordination, aus Interaktions- und Handlungsschemata, aus unausgesprochenen Erwartungen, aus Bindungsverhalten im Sinne eines impliziten relationalen Wissens. Die dritte Form, das kreative Unbewusste, verweise auf das romantische Erbe in Freuds Theorien. Es stehe in Zusammenhang mit der Balance, die das Unbewusste aufrecht zu halten suche, mit der stabilisierenden Funktion unbewusster Phantasien, mit der Probleml\u00f6sungskapazit\u00e4t von Tr\u00e4umen, einer von Bion beschriebenen Transformation von Erfahrung im Traum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Historisch und auch systematisch stellt Bohleber einzelne Entwicklungen des Begriffs des Unbewussten klar dar und leistet damit eine (angesichts der F\u00fclle der vorhandenen Koordinaten notwendigerweise unvollst\u00e4ndige) Standortbestimmung. Sein Text ist daher gut geeignet, einige \u00dcberlegungen anzukn\u00fcpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auffallend ist, dass die Modifikationen, die Bohleber beschreibt, keine geringf\u00fcgigen sind. Das Unbewusste als eine Folge von konflikthaften Entwicklungen des Subjekts ist etwas deutlich anderes als ein System von Zustandsdifferenzen. Angesichts der F\u00fclle von Modellbildungen, die sich an das nicht-verdr\u00e4ngte Unbewusste anschlie\u00dfen, ist der Eindruck wohl berechtigt, dass die psychoanalytische Forschung sich heute weniger mit dem verdr\u00e4ngten als mit dem nicht-verdr\u00e4ngten und dem kreativen Unbewussten besch\u00e4ftigt. Das gibt zu denken. Wir k\u00f6nnen selbstverst\u00e4ndlich jeden Begriff des Unbewussten pr\u00e4gen und etwa auch Pflanzen oder Tieren ein Unbewusstes zuordnen. Weg mit dem verr\u00e4terischen Anthropozentrismus. Gleichgewichte werden an vielen Stellen der Welt aufrecht erhalten. Und Bewusstsein ist selten dabei. Der kunstvollen Erfindung von neuen, zu erforschenden nicht bewussten Regionen sind von daher keine Grenzen gesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist dabei nicht zu \u00fcbersehen, dass mit der Verschiebung weg vom verdr\u00e4ngten zum nicht-verdr\u00e4ngten und kreativen Unbewussten eine Bewegung von der Negation zur Position verbunden ist. Auch wenn das verdr\u00e4ngte, \u00f6dipal gestaltete Unbewusste nicht v\u00f6llig von der Bildfl\u00e4che verschwindet, f\u00fchren die beiden anderen Typen des Unbewussten in ein &#8211; systematisch betrachtet &#8211; v\u00f6llig neues Feld: Nicht Einschnitt, Mangel, Verbot stehen im Vordergrund, sondern Setzung, Wissen, Gegebenheit. Das moderne Unbewusste scheint sich mehr mit der L\u00f6sung als mit dem R\u00e4tsel zu verschwistern. Es scheint dem Somatischen n\u00e4her als dem Psychischen. Es kehrt (etwa in habitualisierten Bewegungen) st\u00e4ndig wieder, ohne besonders widerst\u00e4ndig zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine m\u00f6gliche Ann\u00e4herung an die Verschiebung besteht in der Untersuchung ihrer Motive. Wird mit dem modernen Unbewussten einer Ver\u00e4nderung im Selbstverst\u00e4ndnis des Subjekts Rechnung getragen? Oder folgen PsychoanalytikerInnen einer aktuellen Tendenz, sich vornehmlich auf, im Vorhinein eng definierte Zust\u00e4nde des Fleisches zu berufen, wie es in der medizinischen Forschung derzeit \u00fcblich ist? Ist der Wunsch nach Anerkennung in einer am nachweisbaren Erfolg ausgerichteten, gegenw\u00e4rtigen Forschungslandschaft Anlass f\u00fcr eine Neuorientierung psychoanalytischen Forschens? Oder sind es klinische Ph\u00e4nomene, die mit den Freudschen Paradigmata nicht erfasst werden k\u00f6nnen und die daher die Verschiebung eines etablierten Begriffs erforderlich machen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die begrifflichen Formen des Unbewussten bestimmen die Analyse selbst. Sie formen Unbewusstes. Lacan hat die beschriebene Verschiebung im Laufe seiner Lehre mitvollzogen. Soler hat den Weg, den er zur\u00fcck legt von einem symbolischen zu einem realen Unbewussten, sorgf\u00e4ltig nachgezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur:<\/em><br \/>\nBohleber, Werner (2013): Editorial, in: <em>Das Unbewusste. Metamorphosen eines Kernkonzepts.<\/em> Sonderheft der <em>Psyche<\/em> 09-10 \/ September 2013, 207-216.<br \/>\nSoler, Colette (2009): <em>Lacan. L&#8217;inconscient r\u00e9invent\u00e9.<\/em> Paris: PUF.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem Text \u00fcber Lacan und das von Neuem erfundene Unbewusste schreibt Colette Soler, dass die Psychoanalyse nicht einfach eine Kunst sei. 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