{"id":3980,"date":"2013-08-30T10:58:17","date_gmt":"2013-08-30T10:58:17","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3980"},"modified":"2013-08-30T10:58:17","modified_gmt":"2013-08-30T10:58:17","slug":"zu-welchen-sachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2013\/08\/30\/zu-welchen-sachen\/","title":{"rendered":"Zu den Sachen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ob im Freundes- und Bekanntenkreis oder in akademischen Diskussionen: immer wieder ist der Vorwurf zu h\u00f6ren, Psychoanalyse w\u00fcrde den Dingen ungerechtfertigt eine sexuelle Bedeutung unterstellen, die diese eigentlich gar nicht haben. Ein Baum sei ein Baum, ein Haus bleibe ein Haus, auch wenn wir von einem tr\u00e4umen oder es nicht mehr betreten wollen. Psychoanalyse suggeriere auf Basis von l\u00e4ngst der Vergangenheit angeh\u00f6renden sozialen Gebilden (wie der Familie) ein Eigenleben sexueller Konnotationen, das ohne die Psychoanalyse nicht (mehr) existieren w\u00fcrde.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3986\" title=\"Steinhaus\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/Steinhaus.jpg\" alt=\"\" width=\"452\" height=\"225\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lohnt sich, diesem Vorwurf nachzugehen. Er reicht weit hinein in unsere Vorstellungen \u00fcber die Existenz von Dingen und \u00fcber die Bedeutung von Worten. Wenn ich schreibe, ein Haus ist ein Haus, beziehe ich mich mit einem verbalen Ausdruck, einem Signifikanten, auf eine Sache, ein Objekt. Das scheint eine klare Angelegenheit zu sein: Das Objekt erh\u00e4lt einen Namen. Mit diesem Namen kann ich mich mit anderen \u00fcber das Objekt auch bei Abwesenheit des Objekts verst\u00e4ndigen. Der Name funktioniert als Symbol.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solche Bezugnahme auf Sachen l\u00e4sst sich als Hinweis auf einen g\u00fcnstigen Verlauf lesen. Die Sachen in einen symbolischen Zusammenhang bringen, ist &#8211; auf den ersten Blick &#8211; Teil einer sogenannten Erfolgsgeschichte des Subjekts. Es macht sich die Dingwelt untertan. Es kann sich auf das Haus beziehen, auch wenn das Haus gar nicht da ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings ist eine desinteressierte, coole Bezugnahme auf Sachen bei den meisten Sachen gar nicht m\u00f6glich. F\u00fcr das Haus z.B. gilt: manche werden Architekten, andere befassen sich nur mit dem Bau eines eigenen Hauses, wieder andere haben einen Blick f\u00fcr H\u00e4user von Fremden, noch mehr interessieren sich gar nicht f\u00fcr H\u00e4user (oder glauben das zumindest). Und eine kleine Gruppe von Leuten kann gar nicht hinein gehen in (meistens: bestimmte) H\u00e4user, weil sie sich von Angst \u00fcberw\u00e4ltigt f\u00fchlen. Sie leiden z.B. an einer Klaustrophobie, einem Symptom.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudolf Heinz (1995) unterstreicht mit Fenichel (1982) eine \u201eWahrnehmungsgefahr\u201c, die aus bedrohlichen Triebqualit\u00e4ten des Subjekts gegen\u00fcber den Sachen resultiert. Er nennt im Hinblick auf unseren Umgang mit den Sachen angesichts der Gefahr, etwas Unliebsames, weil mit gr\u00f6\u00dferem Triebdruck Verbundenes wahrnehmen zu m\u00fcssen, zwei M\u00f6glichkeiten: wir k\u00f6nnen ein Symbol bilden oder ein Symptom. F\u00fcr das im Vollsinn funktionierende Symbol bedarf es eines untergegangenen \u00d6dipuskomplexes. Andernfalls bilden sich Symptome, die von einfachen Fehlleistungen bis hin zu kompliziert aufgebauten Arrangements mit strukturbildender Funktion reichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Haus als Symbol f\u00fcr das weibliche Genital zu verwenden, ist wie bei vielen symbolischen Ersetzungen ein impliziter Akt, der sich auf \u00c4hnlichkeiten in der Morphologie st\u00fctzt zwischen Haus und genitalem Innenraum der Frau. Allerdings bestehen, und darauf weist Heinz hin, in der Regel sehr viel mehr Unterschiede als \u00c4hnlichkeiten zwischen Symbol und Sache. Bei der Ersetzung von Scheide und Geb\u00e4rmutter durch das Haus wird beispielsweise etwas Lebendiges durch etwas Lebloses, etwas Kleines durch etwas vergleichsweise Gro\u00dfes, etwas Weiches durch etwas Hartes, etwas Zug\u00e4ngliches durch etwas sehr viel weniger Zug\u00e4ngliches, etwas Privates durch etwas \u00d6ffentliches etc. ersetzt. Ist es ein \u00fcbergro\u00dfer Wahrnehmungsdruck, den es mit solchen auch unpassenden Ersetzungen auszugleichen gilt, sodass auf Details wenig R\u00fccksicht genommen werden kann?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-4003\" title=\"Korbhaus\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/09\/Korbhaus.jpg\" alt=\"\" width=\"425\" height=\"302\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welche Ersetzungen symptomatischer wie symbolischer Art vorgenommen werden, ist \u2013 so eine auch heute noch immer wieder verbreitete Annahme \u2013 eine subjektive Angelegenheit. Welche Bedeutung ein Signifikant tr\u00e4gt, ist nur zu begreifen, wenn die Bedeutungen f\u00fcr ein Subjekt gefunden, erfasst, ausgesprochen sind. Doch Heinz widerspricht hier. Diese konstruktivistische Lieblingslinie freudomarxistischer Argumentation sei nie besonders zielf\u00fchrend gewesen. Die Annahme, das Subjekt verf\u00fcge \u00fcber \u00f6dipal vermittelte Reaktionsreserven gegen\u00fcber den Sachen, greift zu kurz. Der Subjektivismus der Psychoanalyse hat allen Grund, einem Objektivismus zu weichen und zu den Sachen selbst zur\u00fcck zu kehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was w\u00fcrde das bedeuten? Nicht erst ein \u00f6dipales Geschehen w\u00fcrde den Sachen ihren Index verleihen, sondern die Konstitution der Sache f\u00e4nde sich bereits eingebettet in einen triebhaften Kontext. Anders gesagt: anstelle sich an den a\/anderen zu wenden, verdinglicht das Subjekt seine Wahrnehmungen zu Sachen, die eigenen Wahrnehmungen auf diese Weise entsch\u00e4rfend. Heinz\u2018 \u00dcberlegungen erinnern ein wenig an Melanie Kleins Vorstellung, dass es die Angst sei, die bei der Symbolbildung kleiner Kinder zu einer Gleichsetzung von \u201eOrgane[n] mit anderen Dingen\u201c f\u00fchre (Klein 1930, 353). K\u00f6rperliche und sexuelle Wahrnehmungen und damit verbundene Fantasien geh\u00f6ren zum Entstehungskontext der Sachen und werden sekund\u00e4r durch symbolische Differenzierungsbewegungen m\u00f6glichst unkenntlich gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das k\u00f6nnte erkl\u00e4ren, weshalb sexuelle Konnotationen als Erinnerungsspur enthalten bleiben in den Symbolen auch in gar nicht psychoanalyseaffinen Weltgegenden und obwohl so viele meinen, ein Haus sei doch einfach nur ein Haus. <span style=\"mso-spacerun: yes;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenichel, Otto (1982):<em> Hysterien und Zwangsneurosen. Psychoanalytische spezielle Neurosenlehre.<\/em> Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.<br \/>\nHeinz, Rudolf (1995): Kann es ein \u201ePsychoanalyse der Sachen\u201c (Sartre) geben? In: <em>texte. psychoanalyse. \u00e4sthetik. kulturkritik<\/em> 1995\/3, 7-19.<br \/>\nKlein, Melanie (1930): Die Bedeutung der Symbolbildung f\u00fcr die Ich-Entwicklung, in: dies. (1995): <em>Gesammelte Schriften<\/em> I\/1, 351-368.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob im Freundes- und Bekanntenkreis oder in akademischen Diskussionen: immer wieder ist der Vorwurf zu h\u00f6ren, Psychoanalyse w\u00fcrde den Dingen ungerechtfertigt eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[20,95,132],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3980"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3980"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3980\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3980"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3980"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3980"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}