{"id":3825,"date":"2013-07-28T19:46:28","date_gmt":"2013-07-28T19:46:28","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3825"},"modified":"2013-07-28T19:46:28","modified_gmt":"2013-07-28T19:46:28","slug":"therip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2013\/07\/28\/therip\/","title":{"rendered":"THERIP conference 2013"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Einer bef\u00fcrchteten Fragmentierung in der psychoanalytischen Welt war eine kleine Konferenz gewidmet, die <a href=\"http:\/\/therip.org.uk\/\">THERIP<\/a> an diesem Wochenende in London veranstaltet hat. Als gemeinsames Ausgangsmaterial hatte man <a href=\"http:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1516\/P2WF-57VJ-25MY-3RM4\/pdf\">The Need for True Controversies in Psychoanalysis<\/a> von Ricardo Bernardi (Montevideo) gew\u00e4hlt und bereits im Vorfeld elektronisch eine <a href=\"http:\/\/therip.org.uk\/index.php\/discussion\">Diskussion<\/a> \u00fcber diesen Artikel zu f\u00fchren begonnen. Ist \u00fcberhaupt ein Dialog m\u00f6glich? So lautete der Untertitel der Tagung. Oder haben wir die bestehenden Grenzen so zu nehmen, wie sie historisch gewachsen sind?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Psychoanalyse hat es immer schon Kontroversen und Debatten gegeben. Deborah\u00a0 L\u00fcpnitz (Philadelphia) erw\u00e4hnt gleich zu Anfang die Differenz zwischen Andr\u00e9 Green und Daniel Stern hinsichtlich des Status der S\u00e4uglingsforschung. Die sei weniger <em>Science<\/em> als <em>Science fiction<\/em>, soll Green gesagt haben. Der Status der Psychoanalyse im derzeit g\u00fcltigen Kanon von Wissenschaften ist bis heute Gegenstand endlosen Streitens. L\u00fcpnitz vertritt eine klare Position: Ist nicht in erster Linie zu betrauern, dass die Psychoanalyse eben keine harte Wissenschaft ist, anstatt sich energievoll mit ihrer, von jeder\/m KlinikerIn erlebten, aber empirisch erst noch nachzuweisenden Wirksamkeit zu befassen? Ein Gro\u00dfteil des Publikums folgt ihre<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">m stringenten Argument. Und David Henderson (London) best\u00e4tigt es in seinem Vortrag, in welchem er Psychoanalyse vor allem mit einem &#8222;Zwischen&#8220; in Verbindung bringt &#8211; zwischen <em>Scienc<\/em>e und <em>Humanities<\/em>, zwischen Vater und Mutter, zwischen 15 Uhr und 15:50 Uhr. Da allerdings erhebt L\u00fcpnitz Einspruch und fragt, ob Henderson durch diese Festlegung alle Analysen, in denen skandiert wird, diskreditieren m\u00f6chte. Die Klinik mit ihren verschiedenen Stilen und Techniken der Arbeit bildet schon lange ein gro\u00dfes Feld von Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Bereich von dialogbed\u00fcrftigen Divergenzen ist eine Konsequenz von historischen Verl\u00e4ufen, die durch verschiedene Trennungen Freuds und seiner NachfolgerInnen bestimmt sind, z.B. jene zwischen Freud und C.G. Jung, der George Hogenson (Chicago) besonderes Interesse entgegen bringt, und beispielsweise die Trennungen zwischen Melanie Klein und Anna Freud oder\u00a0 zwischen Lacan und der <em>Quatri\u00e8me Groupe<\/em>. Auch schulen\u00fcbergreifende Differenzen \u00fcber psychoanalytische Grundbegriffe w\u00e4ren hi<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">er zu nennen. Vivian Burgoynes (London) Diskussionsbeitrag spricht aus, was viele sich denken: Wie kommt es, dass\u00a0 es so wenig Vergleich innerhalb der Psychoanalyse gibt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernardi hatte in seinem Text vorgeschlagen, dass verschiedene Regeln und Bedingungen einzuhalten sind, damit ein fruchtbarer Diskurs gef\u00fchrt werden kann. Im Ausgang von einer Konferenz in Uruguay, auf der Leclaire 1972 polemisch und unwirsch strukturalpsychoanalytische Thesen gegen eine objektbeziehungstheoretische Lesart der Psychoanalyse vertreten hat, macht Bernardi seinen Standpunkt deutlich: wo von einer intrinsischen Superiorit\u00e4t des eigenen Standpunktes ausgegangen wird, ist kaum mehr ein kreativer Dialog zu erwarten. Denn inhaltliche Divergenzen werden in einer solchen Atmosph\u00e4re rasch zu Machtfragen stilisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernhard Burgoyne (London) gibt der Diskussion eine etwas andere Richtung. Die Psychoanalyse ist nicht allein. Auch andere Disziplinen wie etwa die Mathematik zerfallen in Subdisziplinen, zwischen denen der Dialog schwierig oder unm\u00f6glich ist. Interessanterweise w\u00fcrde kaum jemand von einer Fragmentierung der Mathematik sprechen. F\u00fcr PhilosophInnen gilt das auch. Einzelne philosophische Str\u00f6mungen wie die Ph\u00e4nomenologie, die Philosophie des Deutschen Idealismus oder die Analytische Philosophie verf\u00fcgen nicht \u00fcber dieselben Grundkonzepte und befassen sich mit ganz unterschiedlichen Fragen. Angesichts solcher Beobachtungen ist es vor allem auff\u00e4llig, dass die Identit\u00e4t von PsychoanalytikerInnen anders als etwa von MathematikerInnen an eine Idee von Einheitlichkeit und \u00dcberschaubarkeit des theoretischen wie des klinischen psychoanalytischen Feldes gebunden zu sein scheint. Man k\u00f6nnte auf den Gedanken kommen, dass dieser Wunsch nach einer m\u00f6glichst geschlossenen Ganzheit narzisstischen Ursprungs ist, dass die Psychoanalyse als noch sehr junge Diszipli<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">n auf ein koh\u00e4rentes Selbstbild setzen muss, um die <em>eigenen<\/em> \u00c4ngste der Fragmentierung auszuhalten. Bernhard Burgoyne situiert die Logik der Psychoanalyse innerhalb eines gr\u00f6\u00dferen wissenschaftstheoretischen Rahmens und bettet die \u00c4ngste vor Zerst\u00fcckelung auf diese Weise symbolisch ein. Er weist einmal mehr darauf hin, dass Freud selbst die Orientierung an der Wissenschaft gefordert hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ersehnten inneren Homogenit\u00e4t stehen allerdings nicht nur die verschiedenen Ausrichtungen der Psychoanalyse entgegen. Auch kulturelle, gesellschaftliche und darauf antwortende Entwicklungen der Psychoanalyse widerstreben einer ungebrochenen Koh\u00e4renz: Werner Prall (London) nennt als Beispiel den Wandel im Deutungsstil, der sich in den meisten psychoanalytischen Techniken eingestellt hat. Z\u00f6gern und Uns<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">icherheit, die lange Zeit nicht zu den Tugenden von PsychoanalytikerInnen gez\u00e4hlt haben, geh\u00f6ren heute geradezu zu deren Repertoire. Hier ist nat\u00fcrlich an den Begriff des <em>sujet suppos\u00e9 savoir<\/em> zu denken, dem sein Nichtwissen konzeptuell eingeschrieben ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An die offensichtlich fragile Identit\u00e4t von PsychoanalytikerInnen wendet sich Bernardi mehrmals im Verlauf der Konferenz. Weshalb wird noch immer von Kleinianischen, Lacanianische oder klassisch Freudianischen Analysen gesprochen? Sind es nicht die PatientInnen, die den Verlauf von Analysen bestimmen? Und haben wir kein Vertrauen in unsere eigenen F\u00e4higkeiten, in einem Dialog mit unserer klinischen Arbeit konzeptuelles Neuland zu betreten? John Heaton (London) bringt von Wittgenstein her ein, dass auch Psychoanalytiker die Grenzen ihrer eigenen Sprache im Blick haben m\u00fcssen. Jenseits von ausformulierten Ideen haben PsychoanalytikerInnen keinen Zugang zur Welt der Ph\u00e4nomene, die ihnen auf\u00a0 Seiten von AnalysantInne<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">n begegnen. Claire Pajczkowska (London) macht im Hinblick auf die Arbeit an der psychoanalytischen Theorie aufmerksam auf einen geschlechtertheoretischen Aspekt: Sehr viel psychoanalytische Theorie ist von M\u00e4nnern erdacht worden. Die klinische Arbeit heutzutage wird zum gr\u00f6\u00dferen Teil von Frauen getragen und erf\u00e4hrt damit wie alle Arbeit, die von Frauen gemacht wird, eine Entwertung. F\u00fcr Psychoanalyse ist dieser <em>gender-gap<\/em> zwischen Theorie und Praxis ein Problem, droht ihr doch damit ihre sehr eigene Form der Generierung von neuen Theorien verloren zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war eine vor allem lebendige Konferenz, die Schulengrenzen nur an wenigen Stellen in den Vordergrund ger\u00fcckt hat. Ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr, wie theoretische Neugier auch vor fremdem Territorium nicht halt machen braucht, bot Luke Thurston (London) mit seinem humorvollen Herangehen an das D\u00e4monische, das in der Jung-Freud Kontroverse aufleuchtete. Ist Dialog also m\u00f6glich? Die Frage hat sich verschoben. Dialog findet statt. Und er kann Lust bereiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3826\" title=\"Therip2013\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/07\/Therip2013.gif\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"127\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer bef\u00fcrchteten Fragmentierung in der psychoanalytischen Welt war eine kleine Konferenz gewidmet, die THERIP an diesem Wochenende in London veranstaltet hat. 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