{"id":3732,"date":"2013-06-30T08:17:12","date_gmt":"2013-06-30T08:17:12","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3732"},"modified":"2013-06-30T08:17:12","modified_gmt":"2013-06-30T08:17:12","slug":"lachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2013\/06\/30\/lachen\/","title":{"rendered":"Nichts mehr zu lachen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Psychoanalytische Diskussionen sind gegenw\u00e4rtig, abgesehen von wenigen Ausnahmen, kaum mit kreativen, k\u00fcnstlerischen, kulturstiftenden oder politischen Ph\u00e4nomenen befasst. Die klinischen Diskussionen um Behandlungstechniken, Behandlungssettings oder um die schwer zu sichernde Behandlungsfinanzierung nehmen mehr und mehr Platz ein. Eine Neuerscheinung zu Ernst Kris macht deutlich, warum diese Entwicklung, sollte sie sich fortsetzen, bedauerlich w\u00e4re. Denn Psychoanalyse w\u00fcrde<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sich in denselben Fallstricken verlieren wie die Medizin. Ohne ihre Kulturtheorie w\u00e4re Psychoanalyse nicht mehr in der Lage, den sozialen und das hei\u00dft auch politischen Rahmen der psychischen Entwicklung adaequat und differenziert zu thematisieren und w\u00e4re in Gefahr, einem sinnarmen cerebralen Paradigma zugeordnet zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ernst Kris hat bekanntlich zusammen mit Heinz Hartmann und Rudolph Loewenstein Schriften zur Ich-Psychologie verfasst.\u00a0 Dabei sei es in erster Linie Kris gewesen, der die Texte schrieb, und zwar deshalb, weil er von den dreien am besten Englisch konnte (vgl. Thompson 2013, 185). Lacan, Analysant von Rudolph Loewenstein, sah in Kris einen, der vor allem das Begehren auf einen Anspruch zu reduzieren suchte. Diese Kritik, \u00fcber deren Berechtigung diskutiert werden kann (vgl. Fink 2004), hat im strukturalpsychoanalytischen Kontext einige Aufmerksamkeit erfahren &#8211; vielleicht mehr als die Tatsache, dass Kris ein politisch wacher, wenn auch monarchistisch ausgerichteter (vgl. Kris 2013, 10) B\u00fcrger der 1930ger Jahre und\u00a0 sp\u00e4ter aktiv im Dienste eines Propagandaabwehrkampfes gegen das nationalsozialistische Deutschland war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kris hatte zun\u00e4chst Kunstgeschichte studiert und war bis zu seiner Emigration am Kunsthistorischen Museum in Wien angestellt. In engen Kontakt mit Freud kam er, der sich als Psychoanalytiker ausbilden lie\u00df, \u00fcber seine Frau Marianne Kris, geb. Rie, die ebenfalls Psychoanalytikerin war. Im Kontext seiner erzwungenen Emigration begann er sich mit Propaganda (Wilke 2013) und \u00f6ffentlicher Meinungsbildung auseinander zu setzen. Er sch\u00e4tzte das Experimentelle (vgl. Rose 2013, 34), was sich etwa in seinen nie ver\u00f6ffentlichten Studien zum mimischen Ausdruck von Skulpturen im Naumburger Dom (vgl. Levy 2013) widerspiegelt. Und er w\u00e4hlte politisch unkonventionelle Formen des Aufbegehrens, wenn er beispielsweise 1936 in Wien gemeinsam mit seinem Assistenten Ernst Gombrich eine Ausstellung zu Honor\u00e9 Daumiers Karikaturen, einem vitalen Ausdruck republikanischen Widerstandes gegen das franz\u00f6sische K\u00f6nigtum, organisierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als Lacan, der auf dem Kongress in Marienbad 1936 seinen Vortrag \u00fcber <em>Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion<\/em> ja nicht zur G\u00e4nze halten durfte, wurde Kris auf derselben Veranstaltung nicht daran gehindert, seine <em>Bemerkungen \u00fcber das Lachen<\/em> zu Ende zu f\u00fchren. Ob das am Thema gelegen haben mag? Kris setzte sich zu dieser Zeit intensiv mit Humor und Komik auseinander. Und es waren auch bei ihm vor allem Bilder, mit denen er sich befasste. Er reagierte mit seinen Arbeiten zur Karikatur (vgl. Kris 1933, 1934, Kris\/Gombrich 1938, 1940), so Patrick Merziger in seinem lesenswerten Text, auf einen deutschsprachigen, nationalsozialistischen Forschungsdiskurs, der das Lachen und die Komik vor allem in strategischer Hinsicht untersuchte. Lachen und Komik waren interessant nur im Hinblick auf ihre politischen Effekte (vgl. Merziger 2013, 122). Kris dagegen analysierte eine solche &#8222;Politik der Gef\u00fchle&#8220; (ebd.). Die Karikatur sah er vor allem durch ein Umschlagen von Lust in Unlust (vgl. Kris 1934, 459) charakterisiert, durch die Tatsache, dass die Karikatur mit einer besonderen Einladung arbeite &#8211; einer Einladung zu Aggression und Regression. Karikaturist und Betrachter h\u00e4tten sich implizit darauf geeinigt, das Bild lediglich als Bild mit Unwirklichkeitscharakter anzusehen. Und das vom Betrachter zun\u00e4chst zu l\u00f6sende R\u00e4tsel, worauf und auf wen eine Karikatur anspiele, gestatte es, die enthaltene Aggression ebenso wie die Regression nicht zu sehen. Das Lachen sei Folge dieser Bewegungen. Denn wenn ein Subjekt das Aggressive und Regressive an Karikaturen wahrn\u00e4hme, w\u00fcrde ihm (bzw. seinem \u00dcberich) das Lachen im Halse stecken bleiben (vgl. Merziger 2013, 129).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Band besteht haupts\u00e4chlich aus Beitr\u00e4gen einer Konferenz zu Ernst Kris&#8216; Schaffen, die 2008 in Berlin stattgefunden hat. Er weckt in mancher Hinsicht Neugierde, z.B. auf die provokante These (vgl. Kr\u00fcger 2013), dass der \u00dcbergang zwischen Mythos und Wissenschaft im Hinblick auf die K\u00fcnstlerbiographie flie\u00dfend sei (Kris\/Kurz 1934). Die Textsammlung verweist auf eine Vielzahl von Querverbindungen, die sich vom Psychoanalytiker Kris zu Prinzhorns <em>Kunst der Geisteskranken<\/em> (R\u00f6ske 2013), zur Erforschung der Renaissancekunst (Falgui\u00e8res 2013), zu gegenw\u00e4rtiger Kunsttherapie (Niederreiter 2013) oder zu heutigen Formen des Lachens im Fernsehen (Pfarr 2013) erstrecken. Pfarr weist \u00fcbrigens darauf hin, dass mit Lacan und Zizek die Regression anders als mit Kris nicht nur als ein Moment anzunehmen ist, das einem strengen \u00dcberich entgeht, sondern dass sie als ein Produkt des \u00dcberichs &#8211; des Imperativs zu genie\u00dfen &#8211;\u00a0 anzusehen ist (vgl. ebd., 172).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur<\/em>:<br \/>\nFalgui\u00e8res, Patricia (2013): Die Natur als Verteidigung, in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 35-48.<br \/>\nFink, Bruce (2004): <em>Lacan to the Letter. Reading \u00c9crits Closely.<\/em> Minnesota: University Press.<br \/>\nKris, Anton O. (2013): Vorwort, in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 9-12.<br \/>\nKris, Ernst (1933): <em>Die Karikaturen des Dantan, Paris-London, 1831-1839<\/em>. Ausstellungskatalog. Wien: Corps de Logis der neuen Hofburg.<br \/>\nKris, Ernst (1934): Zur Psychologie der Karikatur, in: <em>Imago<\/em> 20, 450-466.<br \/>\nKris, Ernst \/ Otto Kurz (1934): <em>Die Legende vom K\u00fcnstler<\/em>. Frankfurt\/M., 5. Aufl.: Suhrkamp 1995.<br \/>\nKris, Ernst (1936):<em> Honor\u00e9 Daumier; Zeichnungen, Aquarele, Lithographien, Kleinplastiken.<\/em> Ausstellungskatalog. Wien: Albertina, Kulturbund Wien.<br \/>\nKris, Ernst \/ Ernst H. Gombrich (1938): The Principles of Caricatures, in: <em>British Journal of Medical Psychology<\/em> 17, 319-342.<br \/>\nKris, Ernst \/ Ernst H. Gombrich (1940): <em>Caricature<\/em>. Middlesex: Hammondsworth.<br \/>\nKr\u00fcger, Steffen (2013): Die <em>Legende vom K\u00fcnstler<\/em> als Propagandastrategie, in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 99-117.<br \/>\nKr\u00fcger, Steffen \/ Thomas R\u00f6ske (Hg.) (2013): <em>Im Dienste des Ich. Ernst Kris heute.<\/em> Wien: B\u00f6hlau Verlag.<br \/>\nLevy, Evonne (2013): Ernst Kris und der Nationalsozialismus. Politische Subtexte in einem verschollenen Experiment \u00fcber Reaktionen auf die Chorfiguren des Naumburger Doms (1933-1935), in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 83-98.<br \/>\nMerziger, Patrick (2013): Gemischte Gef\u00fchle. Ernst Kris&#8216; Theore zur Karikatur und zum Lachen im Kontext der Diskussion \u00fcber den Humor im Nationalsozialismus 1934-1938, in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 119-136.<br \/>\nNiederreiter, Lisa (2013): Kris und die k\u00fcnstlerischen Therapien heute, in: 49-62.<br \/>\nPfarr, Ulrich (2013): Vom Kabarett zur Comedy. Lachen im Fernsehen und seine ideologischen Effekte, in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 157-173.<br \/>\nRose, Louis (2013): Von Wien nach New York: Ernst Kris&#8216; Kulturpolitik, in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 19-34.<br \/>\nR\u00f6ske, Thomas (2013): Ernst Kris und die &#8222;Kunst der Geisteskranken&#8220;, in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 63-81.<br \/>\nThompson, Nellie L. (2013): Ernst Kris in Amerika, in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 175-190.<br \/>\nWilke, J\u00fcrgen (2013): Ernst Kris&#8216; Propagandaforschung im institutionellen und theoretischen Kontext, in: Kr\u00fcger, R\u00f6ske 2013, 137-156.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3735 aligncenter\" title=\"KrisBuch\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/07\/KrisBuch.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"240\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Psychoanalytische Diskussionen sind gegenw\u00e4rtig, abgesehen von wenigen Ausnahmen, kaum mit kreativen, k\u00fcnstlerischen, kulturstiftenden oder politischen Ph\u00e4nomenen befasst. 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