{"id":3666,"date":"2013-06-09T09:59:50","date_gmt":"2013-06-09T09:59:50","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3666"},"modified":"2013-06-09T09:59:50","modified_gmt":"2013-06-09T09:59:50","slug":"gedankensprun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2013\/06\/09\/gedankensprun\/","title":{"rendered":"Gedankensprung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Unbewusste strukturiert als eine Sprache anzusehen, war einige Zeit lang ein Interesse Lacans. Im engeren Sinn wollte er damit Signifikanten als Elemente des Unbewusste begreifen, die auf Basis des im Unbewussten vorherrschenden Prim\u00e4rvorganges gegen\u00fcber verschiedenen Signifikaten frei verschieblich flottieren. Die Bewegung, in welcher ein Signifikant von einem Signifikat zu einem anderen gelangt, l\u00e4sst sich sprachlich als \u00dcbertragung begreifen. Das Unbewusste, strukturiert als eine Sprache, ist eine Versammlung von potentiellen Metaphern.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3677\" title=\"FormelMetapher1\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/06\/FormelMetapher1.jpg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"44\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Metapher ist, vereinfacht gesagt, ein Wort, das eine neue, ungewohnte Bedeutung tr\u00e4gt. Wie k\u00f6nnen wir uns diesen, oftmals als Sprung gedachten Prozess der Metaphorisierung im Unbewussten genauer vorstellen? Lacan hat Formeln erfunden, die einzelne Facetten der Metaphorisierung verst\u00e4ndlich machen sollen (vgl. dazu auch Kadi 2011). Die oben angeschriebene findet sich in seinem dritten Seminar \u00fcber die Psychose (Lacan 1981) und dem zugeh\u00f6rigen Text in seinen Schriften (Lacan 1966a). Sie besagt, dass ein Signifikant S einen Signifikanten S&#8216; ersetzt, wobei ihm eine zun\u00e4chst unbekannte (x), sich als neue (s) erweisende Bedeutung zukommt, die vom Imagin\u00e4ren I gepr\u00e4gt ist. Diese etwas trockene, linguistisch anmutende Notation l\u00e4dt Lacan auch familial auf, indem er sie in folgender Weise anschreibt:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3672\" title=\"FormelBegehren\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/\/wp-content\/uploads\/\/2013\/06\/FormelBegehren.jpg\" alt=\"\" width=\"461\" height=\"54\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie k\u00f6nnen wir uns in unserem Sprechen den permanent ablaufenden unbewussten Prozess der Metaphorisierung nun zurecht legen? Nehmen wir als Beispiel einen Ausschnitt aus einem Lied von <a href=\"http:\/\/www.triolepschi.at\/\">Trio Lepschi<\/a>:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&#8222;Sag&#8216; mir holde Maid aus Wulkaprodersdorf,<br \/>\nwann ich endlich Deine Wulka prodern doarf?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wulka, der Teil eines Ortsnamens in der ersten Zeile, wird in der zweiten Zeile zu einem Wort mit einer unbekannten Bedeutung, einer Metapher. Das bedeutet, dass wir den Signifikanten Wulka einsetzen k\u00f6nnen in die erste Formel:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3685\" title=\"Wulkametapher\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/06\/Wulkametapher.jpg\" alt=\"\" width=\"271\" height=\"66\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wulka, so k\u00f6nnte man zu Recht einwenden, ist allerdings keine Metapher, denn Wulka ist kein bekanntes Wort, dem eine neue Bedeutung zukommt, sondern ein Neologismus. Die Wulka dennoch als Metapher anzusehen, kann sich darauf st\u00fctzen, dass \u00dcbergangsfiguren zwischen verschiedenen rhetorischen Figuren\u00a0 existieren. So r\u00fccken in dem Moment, wo eine Wulka vermittels ihrer Klang\u00e4hnlichkeit mit der Vulva erstmals und insofern auch neu eine Bedeutung bekommt, die au\u00dferhalb von Wulkaprodersdorf funktioniert, die metaphorischen Aspekte des Ausdrucks in den Vordergrund. Auf den ersten Blick w\u00e4re Lacans Formel also in der Lage, uns verst\u00e4ndlich zu machen, wie der metaphorische Gebrauch eines halben Ortsnamens eine neue Bedeutung generiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den ersten Blick. Denn Lacan bleibt wie so oft nicht bei einer Argumentation stehen, sondern sch\u00f6pft aus einer Formulierung bereits die n\u00e4chste. Hinsichtlich der Metapher kreiert er wenige Jahre sp\u00e4ter in einer Intervention auf einem rechtsphilosphischen Kongress eine leicht modifizierte Formel (Lacan 1966b):<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3691\" title=\"FormelMetapher2\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/06\/FormelMetapher2.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"47\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem durchgestrichenen alten Signifikanten S&#8216; werden hier nun <em>zwei<\/em> alte Signifikanten.\u00a0 Sie sind nicht durchgestrichen. Und das neue Signifikat s wird gar zu s&#8220;. Was er damit bedeuten will, macht Lacan im Text dadurch klarer, dass er selbst eine metaphorische Bildung in seine Formel einsetzt. Er nimmt das Metaphernbeispiel eines Kollegen auf. Ein &#8222;Ozean falscher Gelehrsamkeit&#8220; ist zweifellos eine Metapher.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3694\" title=\"FormelOcean\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/06\/FormelOcean.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"42\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Wulka w\u00fcrde die entsprechende Formulierung hei\u00dfen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3697\" title=\"Wulkaproderndoarf\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/06\/Wulkaproderndoarf.jpg\" alt=\"\" width=\"277\" height=\"64\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist offensichtlich nicht dieselbe Formalisierung der Genese einer metaphorischen Bedeutung wie mittels der ersten Formel. Denn im zweiten Fall ist es der Kontext, der die Wulka zu einer Metapher macht, und nicht wie oben das Wegdr\u00e4ngen eines vorhergehenden Signifikanten. Und anstelle des neuen Signifikats steht gar nur ein Fragezeichen. \u00dcbersetzt lie\u00dfe sich das so verstehen: Die Bedeutung einer Metapher bestimmt sich kontextuell und bleibt doch stets in Frage. Was wir als eine Wulka ansehen, ist etwas Neues, zu dem das &#8222;Prodern d\u00fcrfen&#8220; dazu geh\u00f6rt. Und selbst, wenn wir prodern d\u00fcrfen, wissen wir gar nicht genau, was eine Wulka ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pitzler w\u00fcrden Lacan angesichts einer solchen frei flottierenden Argumentationsweise gerne Inkonsistenz und ein <em>Anything goes<\/em>, das wohlm\u00f6glich noch gegen psychoanalytische Theorie im Allgemeinen gewendet wird, vorwerfen. Aber damit verfehlen sie mehreres: Lacan hat in seinem Reden stets strategisch und momentan auf Probleme, Fragen, Theoreme reagiert. Sein Reden ist &#8211; im zweiten, hier vorgezeigten Sinn &#8211; oft metaphorisch, kontextuell verankert, nur am Ort seiner \u00c4u\u00dferung gut funktionierend und meist bereits am Sprung in die n\u00e4chste, oft unverbunden imponierende Behauptung. Lacans Gedankensprung st\u00f6\u00dft vor allem Gedanken an. Dass dabei jede Menge von Missverst\u00e4ndnissen vorgezeichnet ist, ist f\u00fcr eine Theorie der Psychoanalyse als einer Praxis, in der das Missverst\u00e4ndnis in der Regel als produktiv anzusehen ist, kein Fehler, sondern eine Notwendigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jegliches Festhalten an einzelnen Behauptungen Lacans, wie sie an vielen Orten psychoanalytischer und kulturtheoretischer Rezeption \u00fcblich ist, erweist sich vor diesem Hintergrund als fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p><em>Literatur<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kadi, Ulrike (2011): Salade de pens\u00e9es. Implications d\u2019un d\u00e9bat autour de la m\u00e9taphore entre Lacan, Laplanche, Leclaire et Lyotard, in: <em>Revue fran\u00e7aise de psychanalyse Numero<\/em> 75, 2011\/1, 169-184. Dtsch.: Gedankensalat. Implikationen eines Streits um die Metapher zwischen Lacan, Laplanche\/Leclaire und Lyotard, in: Panteliadou, Sophia \/ Elisabeth Sch\u00e4fer (Hg.): <em>Gedanken im freien Fall. Vom Wandel der Metapher.<\/em> Wien: Sonderzahl 2011, 167-185.<br \/>\nLacan, Jacques (1981): Das Seminar. Buch III. Die Psychosen (1955\u20131956). Weinheim, Berlin: Quadriga 1997 (frz.: Le S\u00e9minaire. Livre III. Les Psychoses. Paris: Seuil 1981).<br \/>\nLacan, Jacques (1966a): \u00dcber einer Frage, die jeder m\u00f6glichen Behandlung der Psychose vorausgeht, in: ders.: <em>Schriften II<\/em>. Weinheim, Berlin: Quadriga, 2. Aufl. 1991, 61-117 (frz.: D\u2019une question pr\u00e9liminaire \u00e0 tout traitement possible de la psychose \u00bb, in: <em>\u00c9crits<\/em>, Paris: Le Seuil 1966, 531-583).<br \/>\nLacan, Jacques (1966b): Die Metapher des Subjekts, in: ders.: <em>Schriften II<\/em>. Weinheim, Berlin: Quadriga, 2. Aufl. 1991, 56-59 (frz.: La m\u00e9taphore du sujet, in: <em>Ecrits<\/em>. Paris: Seuil, 2. Aufl. 1966, S. 889-892).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Unbewusste strukturiert als eine Sprache anzusehen, war einige Zeit lang ein Interesse Lacans. 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