{"id":3609,"date":"2013-05-12T20:16:10","date_gmt":"2013-05-12T20:16:10","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3609"},"modified":"2013-05-12T20:16:10","modified_gmt":"2013-05-12T20:16:10","slug":"reall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2013\/05\/12\/reall\/","title":{"rendered":"Re: all"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wie sprechen von Unaussprechlichem? Seit Jahrhunderten werden wir mit Literatur versorgt, die den Wahnsinn darstellt. Foucault war einige Zeit besch\u00e4ftigt damit zu kl\u00e4ren, wie sich Literatur zum Wahnsinn verhalten kann, ohne die Psychose zu romantisieren, zu ontologisieren, zu literalisieren oder als klinisches Syndrom abzutun (vgl. Unterthurner 2012, 288). <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Betrachtung eines \u00fcberaus lohnenden Films stellt sich erneut eine alte Frage: K\u00f6nnen wir \u00fcber psychotische Erfahrungen schreiben, sprechen oder Filme machen, ohne solche Erfahrungen gleichzeitig zu versch\u00fctten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcnf Frauen haben \u00fcber ihre Erfahrungen der Pychose erz\u00e4hlt. Die finnische K\u00fcnstlerin <a href=\"http:\/\/the-artists.org\/artist\/Eija-Liisa-Ahtila\/Eija-Liisa\">Eija-Liisa Ahtila<\/a> hat aus den Gespr\u00e4chen einen Film gemacht: <em>Love is a treasure \/ Rakkaus on aarre (2002)<\/em>. Gesch\u00fctzt oder eingezw\u00e4ngt am Fu\u00dfboden unter Krankenhausbetten, vom Dach aus auf alles hinunter schauend, im sanften Flug zwischen den B\u00e4umen &#8211; Ahtila setzt eine Reihe von unwahrscheinlichen Konstellationen, in denen sich die Frauen befinden, ins Bild. Als ZuschauerInnen des Films k\u00f6nnen wir uns selbst gut als ZuschauerInnen von Wahnsinn in der Realit\u00e4t vorstellen. Die Erfahrung f\u00fcr die Fliegende im Fliegen\u00a0 bleibt dennoch etwas Anderes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lacan kennzeichnet einen solchen individuellen Erfahrungsbestand wie das Fliegenk\u00f6nnen als zugeh\u00f6rig zum Realen. (Von au\u00dfen zeigt sich das radikalisiert Individuelle dieses Erlebens darin, dass kein Fliegen zu beobachten ist.) Lacan versteht unter\u00a0 dem Realen ab den fr\u00fchen Sechziger Jahren etwas Nicht-Symbolisierbares, etwas, was einer Symbolisierung widersteht. Damit verkn\u00fcpfen sich eine Reihe von Fragen: Ist das Reale, das in psychotischen Zust\u00e4nden erlebt wird, etwas, was vor allem durch das Fehlen (z.B. von Unterscheidung, von Symbolisierungsm\u00f6glichkeit) bestimmt ist? Oder richtet sich die Erfahrung der Psychose auf etwas Dichtes, auf ein Alles, re: all? Anderes gesagt: Ist sie ein Erleben im \u00dcberfluss von F\u00fclle, von Zuviel, von einer ununterscheidbaren Masse, der die Strukturierungsm\u00f6glichkeit fehlt, aber nicht abgeht? Und ist in dieser Erfahrung des Realen auch etwas davon enthalten, was im nicht-psychotischen Modus als Realit\u00e4t erlebt und bezeichnet wird?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das mag wie eine Ansammlung haupts\u00e4chlich akademischer Fragen klingen. F\u00fcr das Zuh\u00f6ren in der klinischen Arbeit ist es jedoch von nicht geringer Bedeutung, welcher Stellenwert der Erfahrung des Realen zugemessen wird und ob und woraus wir sie zusammengesetzt denken. Denn alles Nicht-Symbolisierbare wird zumindest eingebettet in Symbolisierungen, in welche unsere imagin\u00e4ren Vorannahmen einflie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterthurner, Gerhard (2012): Wahnsinn und Literatur bei Foucault. Bemerkungen zu einer Theorieverschiebung, in: ders. \/ Kadi, Ulrike: <em>Wahn. Philosophische, psychoanalytische und kulturwissenschaftliche Perspektiven.<\/em> Wien: turia+kant, 275-298.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3610\" aria-describedby=\"caption-attachment-3610\" style=\"width: 199px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3610\" title=\"loveTreasure1\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/05\/loveTreasure1.jpg\" width=\"199\" height=\"150\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3610\" class=\"wp-caption-text\">Filmstill aus Love is a Treasure<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sprechen von Unaussprechlichem? Seit Jahrhunderten werden wir mit Literatur versorgt, die den Wahnsinn darstellt. 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