{"id":3572,"date":"2013-04-29T11:49:25","date_gmt":"2013-04-29T11:49:25","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3572"},"modified":"2013-04-29T11:49:25","modified_gmt":"2013-04-29T11:49:25","slug":"missfallen-an-misswahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2013\/04\/29\/missfallen-an-misswahlen\/","title":{"rendered":"Missfallen an Misswahlen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In China wird alle Viertelstunde eine Lidspaltenoperation durchgef\u00fchrt. Ein operativer<em> nose-job<\/em> geh\u00f6rt im Iran zum Alltag vieler\u00a0 junger Frauen, die mit einer Nasen&#8220;korrektur&#8220; ihre Heiratschancen zu vergr\u00f6\u00dfern hoffen oder\u00a0 ihr Wohlbefinden ganz einfach steigern m\u00f6chten. <!--more-->Und vor wenigen Tagen erregten die s\u00fcdkoreanischen Misswahlen Missfallen, weil sich die Kandidatinnen voneinander kaum unterschieden, nachdem sie sich vorher den geltenden Sch\u00f6nheitsnormen chirurgisch anpassen hatten lassen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-3580 aligncenter\" title=\"Nosejob\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/05\/Nosejob.jpg\" alt=\"\" width=\"258\" height=\"131\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sander L. Gilman hat die plastische Chirurgie in die N\u00e4he der Psychoanalyse ger\u00fcckt (vgl. auch f\u00fcr das Folgende Gilman 1998, 12 ff.). Beide w\u00fcrden sich von Anfang an abheben von einem im 19. Jahrhundert etablierten medizinischen Behandlungsgestus, in welchem das Primat der Beschreibung des Leidens ebenso wie dessen Behandlung auf der Seite des Arztes lag. Beide st\u00fctzten sich auf ein\u00a0 &#8211; in einem weiten Sinn verstandenes &#8211; psychosomatisches Modell des Subjekt. Und Sigmund Freud selbst verglich seine Behandlungen mit chirurgischen Eingriffen (Freud 1893, 311).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Parallelit\u00e4t von Sch\u00f6nheitschirurgie und Psychoanalyse findet rasch ein Ende, wenn es darum geht, die Ph\u00e4nomene selbst zu untersuchen, welchen sich der operative Boom verdankt. Der sch\u00f6nheitschirurgische Grundsatz <em>mens felix in corpore pulcherrimo <\/em>(Gl\u00fccklich ist die Seele im sch\u00f6nsten K\u00f6rper) l\u00e4sst sich mit chirurgischen Mitteln nicht erl\u00e4utern oder gar verstehen, w\u00e4hrend es psychoanalytische Konzepte gibt, um solcherlei Folgen einer fr\u00fchen Spiegelerfahrung einzuordnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maurice Merleau-Ponty hat in seinen Sorbonne-Vorlesungen, in welchen er Lacans Lesart des Spiegelstadiums mit jener des Psychologen Henry Wallon vergleicht (Merleau-Ponty 1988, 324f.), unter anderem darauf hingewiesen, dass Lacan anders als Wallon die jubilatorische Reaktion und damit die affektive Seite der Spiegelerfahrung hervorhebt. Die t\u00e4nzerische Begr\u00fc\u00dfung des eigenen Spiegelbildes l\u00e4sst etwas erahnen von der Kraft der Anziehung des Bildes. Dabei ist zun\u00e4chst nicht klar, wen das Bild im Spiegel verk\u00f6rpert. Die Hoffnung auf einen lebendigen anderen wird von der Einsicht gefolgt, sich selbst in gro\u00dfartiger Pose zu begegnen. Wobei die Spiegelphase mehr enth\u00fcllt als nur den manischen Wunsch nach einer totalit\u00e4ren Gestalt. Die irritierende Erfahrung, mit dem eigenen Doppelg\u00e4nger nicht eins werden zu k\u00f6nnen, die Narziss in den Selbstmord treibt, bildet eine fr\u00fche Matrix f\u00fcr das Auftauchen paranoider \u00c4ngste. Lacan verweist auf eine t\u00f6dliche Herr-Knecht-Dialektik, die nun manifest wird. Objektbeziehungstheoretisch w\u00fcrde das Spaltungsmoment ins Auge springen, das die zunehmend polemische Atmosphaere kennzeichnet: Wenn mein Doppelg\u00e4nger nicht mein Freund ist, dann kann er nur mein Feind sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist zu erwarten, dass der Boom an k\u00f6rpermodifizierenden Eingriffen eine Tendenz zur Selbstlimitierung hat. Denn die archaische Verunsicherung durch den Doppelg\u00e4nger geh\u00f6rt zu Sch\u00f6nheitsoperationen dazu. Sie \u00e4u\u00dfert sich im \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dferten Missfallen an Misswahlen. Und sie wird selbstironisch in Szene gesetzt in amerikanischen Serien wie nip\/tuck.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3597\" title=\"niptuck\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2013\/05\/niptuck1.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"274\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur:<\/em><br \/>\nFreud, Sigmund (1893): Zur Psychotherapie der Hysterie.<em> GW I<\/em>, 252-312.<br \/>\nGilman, Sander L. (1998): <em>Creating Beauty to Cure the Sou<\/em>l. Durham \/ London: Duke University Press.<br \/>\nMerleau-Ponty, Maurice (1988): <em>Keime der Vernunft. Vorlesungen an der Sorbonne 1949-1952.<\/em> M\u00fcnchen: Fink 1994.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In China wird alle Viertelstunde eine Lidspaltenoperation durchgef\u00fchrt. 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