{"id":3295,"date":"2012-12-29T22:53:47","date_gmt":"2012-12-29T22:53:47","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3295"},"modified":"2012-12-29T22:53:47","modified_gmt":"2012-12-29T22:53:47","slug":"duerfenoderkoennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/12\/29\/duerfenoderkoennen\/","title":{"rendered":"D\u00fcrfen, K\u00f6nnen oder Tr\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Bilder aus der Arbeitswelt. Sie differieren in vielerlei Hinsicht. Sie stammen nicht aus derselben Zeit. Auf dem oberen, wohl \u00e4lteren Photo\u00a0 posiert eine kleine Gruppe, unten ein einzelner Mann. Die Gruppe von Arbeitern macht einen melancholischen Eindruck, der Unternehmer l\u00e4sst an einen manischen Zustand denken. Die Form ihrer Selbstdarstellung korreliert mit ihrer (supponierten) affektiven Befindlichkeit. Denn Melancholie f\u00fchrt zu einer Erstarrung, die manisch gehobene Stimmungslage hingegen macht \u00fcberm\u00e4\u00dfig beweglich.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3307 aligncenter\" title=\"autonomie\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/12\/autonomie.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"341\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der franz\u00f6sische Soziologe Alain Ehrenberg besch\u00e4ftigt sich seit langem mit der Tatsache, dass sich die Beschreibung dessen, was einen Menschen wesenlich ausmacht, ge\u00e4ndert hat. Aus dem <em>homme coupable<\/em> (dem schuldigen Menschen) ist ein <em>homme capable<\/em> (ein handlungsf\u00e4higer Mensch) geworden (vgl. Ehrenberg 2011). Im Zentrum dieser Neubeschreibung steht die Autonomie. Ehrenberg hat viel Zustimmung daf\u00fcr erhalten, dass er Depressionen (psychopathologisch die Kehrseite von Manien) als Folge eines gesellschaftlichen Zwangs zur Autonomie begreift. Dieser Zwang charakterisiere moderne, neoliberale Gesellschaften. Paradigma des modernen Individuums, so lie\u00dfe sich Ehrenberg lesen, ist nicht l\u00e4nger der unterdr\u00fcckte Arbeiter, sondern ein st\u00e4ndig mit seiner Autonomie besch\u00e4ftigte (und daran depressiv scheiternde) Kleinunternehmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter und \u00fcber diese These hinausgehend, hat Ehrenberg die vorherrschenden epistemologischen Gepflogenheiten im Umgang mit dem Thema der Autonomie kritisiert. In seiner Kritik zielt er unter anderem auf die Psychoanalyse. &#8222;Die Wertsch\u00e4tzung der Autonomie ist der Kern auch der Neubewertung von Subjektivit\u00e4t, Gef\u00fchlen, psychischem Leid&#8220; (Ehrenberg 2011a, 56). Alles ist neu. Die Psychoanalyse hingegen &#8211; und Ehrenberg meint hier Freud ebenso wie Lacan (vgl. Ehrenberg 2009) &#8211; sei einem inzwischen veralteten Paradigma der Disziplin verpflichtet. &#8222;In einer disziplinarisch organisierten Gesellschaft lautete die Frage noch: \u00bbDarf ich das?\u00ab Wenn Autonomie zum beherrschenden Zug der Gesellschaft wird, lautet sie dagegen: \u00bbKann ich das?\u00ab&#8220; (Ehrenberg 2011a, 54f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehrenberg lehnt es ab, \u00fcber Individuen vor allem als individuelle Subjekte mit psychischen Ausstattungen nachzudenken. Das sei keine im engeren Sinn soziologische Perspektive. &#8222;Die Hauptaufgabe f\u00fcr eine wirkliche Soziologie des Individualismus besteht darin, die Psychologie loszuwerden&#8220; (Ehrenberg 2011a, 60). Mit der Psychologisierung der Individualisierung, als deren Protagonisten Ehrenberg auch PsychoanalytikerInnen sieht, werde das Problem nur perpetuiert. Zu Freuds Zeiten sei die Gesellschaft als Tr\u00e4ger eines Verbots, dessen Nicht-Einhaltung schuldige Subjekte generiert hat, noch Ursache von psychischen Erkrankungen gewesen. Heute hingegen w\u00e4ren psychische Beeintr\u00e4chtigungen nicht mehr Folge einer (misslungenen) Auseinandersetzung des Subjekts mit der Gesellschaft, sondern sie seien Teil der sozialen Handlungsf\u00e4higkeit von Individuen (vgl. Ehrenberg 2011).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den ersten Blick ist seine Schlussfolgerung nachvollziehbar: Wenn es nicht mehr darum geht, die neurotischen Bildungen, die in Konfrontation mit einem Verbot auftreten, zu analysieren, ist die Aufgabe der Psychoanalyse unklar. F\u00fcr Freud waren es jedenfalls die Neurosen, die er als Kerngebiet einer psychoanalytischen Behandlung betrachtete. Depressive Bildungen im eigentlichen Sinn geh\u00f6ren im Unterschied zur Melancholie, bei der auch im Verlust eine Relation zum Anderen aufrecht erhalten wird, in den psychotischen Formenkreis. Hat Psychoanalyse angesichts eines \u00dcberhandnehmens von depressiven Bildungen also ausgespielt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein. Ehrenberg \u00fcbersieht n\u00e4mlich einiges. Er \u00fcbersieht, dass die Ver\u00e4nderung der subjektiven Strukturierung auch in der Psychoanalyse bemerkt worden ist. Die hier mehrfach erw\u00e4hnte Feststellung Lacans aus den fr\u00fchen Sechziger Jahren, dass der Andere seine konstitutive Rolle eingeb\u00fc\u00dft hat, steht f\u00fcr nichts anderes als f\u00fcr eine Verabschiedung eines Disziplinierungsmodells. Auch die objektbeziehungstheoretische Fokussierung von fr\u00fchen St\u00f6rungen (d.h. von St\u00f6rungen, deren Ausgangspunkt <em>vor<\/em> einer Strukturierung durch Auseinandersetzung mit einem Namen des Vaters anzunehmen ist), nimmt etwas von der von Ehrenberg beschriebenen Schwierigkeit auf. Ob sie damit ebenso weit geht wie Lacan in seiner Theorie des <em>Sinthoms<\/em>, w\u00e4re zu diskutieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Ehrenberg vor allem \u00fcbersieht, wenn er statt individueller Analyse kollektives <em>empowerment<\/em> (vgl. Ehrenberg 2011) favorisiert, ist die F\u00e4higkeit eines Individuums zu tr\u00e4umen. Gesellschaften k\u00f6nnen als solche nicht tr\u00e4umen. So wenig wie Tische, Kerzen oder Anoraks tr\u00e4umen k\u00f6nnen. Ehrenbergs Verabschiedung der individuellen psychischen Perspektive w\u00fcrde einer Gesellschaft den Blick auf die Tr\u00e4ume verstellen. Subjekte w\u00e4ren nichts anderes als Tische, Kerzen oder Anoraks. Die phantasmatischen subjektiven Bildungen, die sich in Tr\u00e4umen und im Sprechen \u00fcber Tr\u00e4ume zeigen, blieben unzug\u00e4nglich, weil sie ausgeblendet w\u00fcrden. Ehrenberg sch\u00fcttet mit seiner epistemologischen Kritik das Kind mit dem Bade aus: Die Unterscheidung zwischen Melancholie und Depression, auf die er aufbaut, w\u00e4re unter seinen eigenen Voraussetzungen gar nicht zu treffen.<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehrenberg, Alain (2009): Arr\u00eatons les conflits inutiles, in: <em>Les Tribunes de la sant\u00e9<\/em> 2009\/1 (n\u00b0 22), 146-147.<br \/>\nEhrenberg, Alain (2011): Das Unbehagen in der Gesellschaft \u2013 oder wie sich Freiheit und Angst verbinden, siehe <a href=\"http:\/\/vimeo.com\/35254378\">streitraum<\/a>.<br \/>\nEhrenberg, Alain (2011a): Depression: Unbehagen in der Kultur oder neuie Formen der Sozialit\u00e4t, in: Menke, Christoph \/ Julia Rebentisch (2011): <em>Kreation und Depression. Freiheit im gegenw\u00e4rtigen Kapitalismus<\/em>, Berlin: Kadmos Verlag, 52-62.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Bilder aus der Arbeitswelt. Sie differieren in vielerlei Hinsicht. Sie stammen nicht aus derselben Zeit. 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