{"id":3238,"date":"2012-12-15T18:37:47","date_gmt":"2012-12-15T18:37:47","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3238"},"modified":"2012-12-15T18:37:47","modified_gmt":"2012-12-15T18:37:47","slug":"brandmarke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/12\/15\/brandmarke\/","title":{"rendered":"Brandmarke"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Hinweise, dass f\u00fcr Psychoanalysen in Wien von den Krankenkassen l\u00e4ngerfristig tats\u00e4chlich kein Zuschuss mehr gew\u00e4hrt werden soll. Ob das gut oder schlecht, w\u00fcnschenswert oder abzulehnen, voraus zu sehen oder \u00fcberraschend ist &#8211; das sind alles wichtige Fragen. Wie in einer Psychoanalyse, in der es darum geht, ohne Bewertung das, was symptomatisch Leiden verursacht, zu erkennen, zu deuten, ist auch hier zun\u00e4chst zu \u00fcberlegen, was diese Entwicklung bedeutet, in welchem Kontext sie steht und welche R\u00fcckschl\u00fcsse auf die strukturelle Verfasstheit einer Kultur zul\u00e4ssig sind, die sich im Moment so wenig zu wehren scheint gegen eine Marginalisierung der Sprechkur.<!--more--><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3252 aligncenter\" title=\"Brandmarke\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/12\/Brandmarke-300x168.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"168\" \/><br \/>\nAnderswo hat die Psychoanalyse den zentralen Ort, den sie in der Beschreibung, der Deutung und der\u00a0 Behandlung von seelischen Ver\u00e4nderungen in der ersten H\u00e4lfte des letzten Jahrhunderts auch im Feld der Psychiatrie hatte, aufgeben m\u00fcssen. Sie hat ihn verloren an medikament\u00f6se L\u00f6sungen f\u00fcr schwer zu ertragendes Leiden und an st\u00f6rungsspezifische Psychotherapien. Der vielerorts hoffnungsvoll aufgenommene Gedanke, dass die Aufgabe der n\u00e4chsten Jahre f\u00fcr die Psychoanalyse vor allem darin besteht, durch intelligente Studiendesigns einen m\u00f6glichst hohen Evidenzgrad f\u00fcr den Nachweis ihrer Wirksamkeit zu erzielen, l\u00e4sst sich als ein Versuch lesen, sich dieser Entwicklung zu widersetzen.<br \/>\nAllerdings gibt es neben diesen beiden Transformationen &#8211; der medikament\u00f6sen Therapie und der st\u00f6rungsspezifischen Psychotherapie &#8211;\u00a0 inzwischen eine weitere zeitgem\u00e4\u00dfe Form, die Psychoanalysen wie Psychotherapien verdr\u00e4ngt: das zielorientierte Coaching. Es unterscheidet sich von Psychoanalysen und Psychotherapien im klassischen Sinn unter anderem durch die Bereitschaft, auf klassische Settings zu verzichten und durch die Akzeptanz der Notwendigkeit eines eindeutigen <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2012\/11\/25\/magazine\/psychotherapys-image-problem-pushes-some-therapists-to-become-brands.html?pagewanted=1&amp;_r=0&amp;emc=eta1\"><em>Brandings<\/em><\/a>. Mit <em>Branding<\/em> ist dabei eine Kennzeichnung gemeint, die potentiellen KundInnen signalisiert, die L\u00f6sung welchen Problems sie von den TherapeutInnen kaufen k\u00f6nnen. Das therapeutische Feld wird auf dieses Weise zu einer Versammlung von ExpertInnen f\u00fcr Mutterprobleme, f\u00fcr essensassoziierte Schwierigkeiten, f\u00fcr eine richtige Job-, Partner-, Genussmittel- oder Wohnungsauswahl und vielen anderen, vor allem klar umrissenen Unannehmlichkeiten. (Es w\u00e4re zu \u00fcberlegen, inwieweit st\u00f6rungsspezifische Therapien nicht auch schon Formen einer am <em>Branding<\/em> orientierten Therapieauffassung sind.)<br \/>\nEin <em>Branding<\/em> ist &#8211; ethymologisch betrachtet &#8211; die Folge einer Brandmarke. Eine solche dient zur Unterscheidung von Fleisch. Eine Brandmarke ist eine eindeutige Kennzeichnung: dieses Fleisch kommt von da oder von dort. Oder: dieses Fleisch weist diese oder jene G\u00fcteklasse auf. Das eingebrannte Symbol verbindet sich mit der Sache selbst. Es gibt weder \u00f6rtlich noch zeitlich eine Distanz zwischen dem Signifikanten und dem Sachobjekt, das mit dem Signifikat zusammenf\u00e4llt. Der Wunsch oder besser das Bed\u00fcrfnis nach einem <em>Branding<\/em> ist in diesem Sinne ein vorsprachlicher, denn Sprache im eigentlichen Sinn ist mit zeitlichen oder \u00f6rtlichen Erfahrungen von Distanz verbunden, die sich als Differenzen etablieren k\u00f6nnen. Fort und Da.<br \/>\nAnders als Tatooes sind Brandmarken unerotisch. Und sie sind vor jeglichem Denken. Eine Kultur, die es vorwiegend auf<em> Brandings<\/em> abgesehen hat, verharrt in einem grauenvollen, durch ein fr\u00fches archaisches \u00dcberich gestalteten Genie\u00dfen. Menschen in einer, von solchen Vorstellungen dominierten Kultur k\u00f6nnen sich nicht mehr vorstellen, was Lust bedeutet hat.\u00a0 Und dass es Lust nur um den Preis gibt, auch Unlust zu ertragen.<br \/>\nEine Kultur, die sich vor allem an <em>Brandings<\/em> orientiert, hat das Sprechen im eigentlichen Sinn noch nicht erlernt. Da braucht es vielleicht nicht so sehr zu wundern, dass sie mit Sprechkuren nicht viel anfangen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3274 aligncenter\" title=\"Brandmarke2\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/12\/Brandmarke2-300x201.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"201\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Hinweise, dass f\u00fcr Psychoanalysen in Wien von den Krankenkassen l\u00e4ngerfristig tats\u00e4chlich kein Zuschuss mehr gew\u00e4hrt werden soll. 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