{"id":3209,"date":"2012-11-11T08:02:25","date_gmt":"2012-11-11T08:02:25","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3209"},"modified":"2012-11-11T08:02:25","modified_gmt":"2012-11-11T08:02:25","slug":"la-borde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/11\/11\/la-borde\/","title":{"rendered":"La Borde"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Manche tragen die Juwelen, die sie geerbt haben, nie. Solcher Schmuck bleibt verborgen, bekannt nur denen, die sich noch erinnern k\u00f6nnen. Nazim Djema\u00efs Dokumentarfilm <em>\u00c0 peine ombre<\/em> (engl. <em>Out of Shadows<\/em>) (F 2012) macht auf ein solches Juwel aufmerksam: Die Klinik <em>La Borde<\/em>, 1953 von Jean Oury gegr\u00fcndet, ist in einem alten Schloss in der Region Centre im D\u00e9partement de Loir-et-Cher untergebracht.\u00a0<!--more--> Oury, der zur Zeit der Gr\u00fcndung in einem anderen Krankenhaus arbeitete, hatte das damals verlassene Schloss gemeinsam mit 33 Insassen des anderen Krankenhauses in Besitz genommen, nachdem die Gruppe vierzehn Tage unterwegs gewesen war, um ein neues Quartier zu finden. <em>La Borde<\/em> wurde zur Modellinstitution, an der der Psychoanalytiker und Philosoph Felix Guattari ein Leben lang t\u00e4tig war und \u00fcber das die Kinderpsychoanalytikerin Maud Mannoni in ihrem Buch\u00a0 <em>Le Psychiatre, son &#8222;fou&#8220; et la psychanalyse<\/em> (Paris 1970) unter anderem geschrieben hat. Anders als in s\u00e4mtlichen zeitgen\u00f6ssischen Kliniken und anders als heute, wo sich Kliniken auf Anorexie, Autismus oder Suchterkrankungen spezialisieren, wurde in <em>La Borde<\/em> die Psychotherapie in den Vordergrund der Behandlung ger\u00fcckt.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-3214\" title=\"V12apeine02\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/11\/V12apeine02-300x224.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Djema\u00efs&#8216; Film l\u00e4sst die Geschichte der Klinik ebenso au\u00dferhalb des Films wie den Alltag der heutigen BewohnerInnen oder institutionelle Fragen heutigen psychiatrischen Versorgungsdenkens. Statt dessen hat er Leute zum Sprechen gebracht &#8211; BewohnerInnen, BehandlerInnen, K\u00f6chInnen, HandwerkerInnen, TherapeutInnen. Und schon nach kurzer Zeit ist klar: Die ZuschauerInnen werden im Unklaren dar\u00fcber gelassen, wer spricht. Es gibt keine Einblendungen im Film, die das Gesagte autorisieren, indem die SprecherInnen einer Gruppe zugeordnet sind. Die Deutungsmacht liegt allein bei den ZuschauerInnen. Manchmal scheint eine klobige Aussprache oder eine sehr strukturierte Weise des Sprechens einen Hinweis auf die Zugeh\u00f6rigkeit zur einen oder zur anderen Gruppe zu geben. Auch eine ganz spezielle Art, die Zigarette anzuz\u00fcnden oder sie im Mund zu halten, wird zum Kriterium. Jean Oury taucht auf im Film und macht keinerlei Anstalten, sich als Nicht-Patient zu guerieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lacans sp\u00e4tes Postulat einer ungebrochenen Kontinuit\u00e4t zwischen Wahnsinn und Normalit\u00e4t wird in diesem Film zu einer Erfahrung, die auch beunruhigt. Wenn wir nicht wissen, wer der Andere ist, k\u00f6nnen wir auch uns selbst schwer eine Identit\u00e4t zuschreiben. Ob es diese Beunruhigung ist, die heute einer Medikalisierung in der Psychiatrie und einem Versorgungsdenken, das auch vor der Psychotherapie nicht halt macht, immer wieder Vorschub leistet? Vielleicht steckt ja sogar in einer Vorliebe f\u00fcr ein einziges Erkl\u00e4rungsmuster wie den \u00d6dipuskomplex etwas von dieser Beunruhigung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls ist es heute noch schwerer als vor sechzig Jahren, sich der psychotischen Struktur zu n\u00e4hern und sie gleichzeitig als eine eigenst\u00e4ndige Existenzweise anzuerkennen. \u00dcbrigens ist Djema\u00efs nicht der erste, der La Borde portraitiert. Auch Nicolas Philibert hat die Insassen von <em>La Borde<\/em> in ihrem sch\u00f6pferischen Tun in seinem Film <em>La moindre des choses<\/em> schon 1997 zu Wort kommen lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche tragen die Juwelen, die sie geerbt haben, nie. 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