{"id":3155,"date":"2012-10-21T07:54:59","date_gmt":"2012-10-21T07:54:59","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3155"},"modified":"2012-10-21T07:54:59","modified_gmt":"2012-10-21T07:54:59","slug":"normale-und-normalisierte-psychose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/10\/21\/normale-und-normalisierte-psychose\/","title":{"rendered":"Normale Psychose"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nahezu jedEr AnalytikerIn behandelt auch PsychotikerInnen. Allerdings wissen manchmal beide &#8211; AnalytikerIn und AnalysantIn &#8211; nichts davon (vgl. Leader 2012, 295). In seinem Buch <em>What is Madness?<\/em> stellt der britische Psychoanalytiker Darian Leader dar, wie es dazu kommt. Auf 360 Seiten f\u00fchrt er in das strukturalpsychoanalytische Verst\u00e4ndnis von Psychosen ein. Stilistisch bleibt er dabei \u00e4hnlich unangestrengt und leichtf\u00fc\u00dfig wie in seinem Buch<em> The New Black. Mourning, Melancholia and Depression<\/em> (2009) oder in dem mit David Corfield gemeinsam verfassten Text <em>Why People Get Sick. Exploring the Mind-Body Connection<\/em> (2008). <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Psychosen werden heutzutage &#8211; wie vieles andere auch &#8211; allzu vereinfacht betrachtet. Sie werden in ein biologisches Register verbannt. Sie werden mit einer Reihe von krisenhaften Symptomen assoziiert und vor diesem Hintergrund vor allem als gef\u00e4hrlich konzipiert. Sie werden mit einer revolution\u00e4ren politischen Haltung verwechselt. Und sie werden als ein Gegenstand von Fragebogenerhebungen angesehen. Leader erl\u00e4utert, weshalb eine Orientierung an historischen psychopathologischen Konzepten weiter f\u00fchrt als die zeitgen\u00f6ssische DSM-Kategorisierung. Er macht deutlich, worin sich die verschiedenen psychotischen Strukturen (Paranoia, Schizophrenie und Melancholie) aus strukturalpsychoanalytischer Perspektive voneinander unterscheiden. Ob weitere Spezifizierungen in Autismus und manisch-depressive Erkrankung sinnvoll sind, wird gegenw\u00e4rtig diskutiert (vgl. ebd., 74).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">LeserInnen des Buches werden vertraut gemacht mit psychoanalytischen Voraussetzungen wie den drei Aufgaben, die im Rahmen einer \u00f6dipalen Strukturierung zu l\u00f6sen sind &#8211; n\u00e4mlich einer Einf\u00fchrung von Bedeutung im Kontext des elterlichen Begehrens, einer Lokalisierung der Libido, f\u00fcr die der m\u00fctterliche K\u00f6rper den Horizont bildet, und der Bildung einer Relation zum Anderen samt der F\u00e4higkeit, eine sichere Distanz zu ihm zu w\u00e4hlen (vgl. ebd., 66). Psychotische Strukturen l\u00f6sen einzelne oder alle diese Aufgaben nicht in der \u00fcblichen Weise oder sie (er)finden andere L\u00f6sungen. Ihre Formen des Sprachgebrauchs spiegeln diese L\u00f6sungen wider. Leader macht auch klar, weshalb gerade Stimme und Blick f\u00fcr die psychotische Struktur eine so wichtige Rolle spielen (vgl. ebd., 165).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verr\u00fcckt zu sein (being mad) und verr\u00fcckt zu werden (going mad) ist nicht dasselbe. Diese Formel bildet eine Art Kontrapunkt des Buches. Bisweilen entsteht der Eindruck, als stelle Leader mit ihr den Unterschied zwischen einer psychotischen Struktur und psychotischen Symptomen dar.\u00a0 An anderen Stellen dient der Satz zur Beschreibung der sogenannten &#8222;blanden Psychose&#8220;, die auch als &#8222;wei\u00dfe Psychose&#8220;, &#8222;normale Psychose&#8220;, &#8222;allt\u00e4gliche Psychose&#8220;, &#8222;gew\u00f6hnliche Psychose&#8220; bezeichnet wird (vgl. ebd., 11). Subjekte mit dieser Struktur fallen sich und anderen nicht auf, es sei denn, es kommt zu einer Triggerung, im Rahmen derer sich eine produktive Symptomatik entwickelt. Leader beschreibt die Triggerung als einen in Stadien ablaufenden Prozess, der sich im Umgang der Subjekte mit sprachlicher Bedeutung nachzeichnen l\u00e4sst (vgl. ebd., 170-174). Eine Vielzahl von klinischen Beispielen und Fallgeschichten aus der Literatur zeigt, dass es oft zun\u00e4chst r\u00e4tselhafte Signifikanten sind, die zum Ausbruch einer floriden Symptomatik f\u00fchren, wie bei einem Mann, der nach Gebrauch eines Insektizids in seinem Garten angesichts des Wortes &#8222;Gift&#8220; auf der Spraydose zu halluzinieren beginnt (vgl. ebd., 192). Das Moment der Triggerung spielt auch bei den l\u00e4ngeren Fallbeschreibungen im Buch eine wichtige Rolle: bei Freuds Wolfsmann, bei Lacans Aim\u00e9e und bei Harold Shipman, einem britischen Arzt, der viele seiner PatientInnen get\u00f6tet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leader betont, dass er keine allgemeinen Strategien und keine verallgemeinerbaren Techniken im Umgang mit psychotisch strukturierten Subjekten empfehlen kann. Gegen eine vor\u00fcbergehende medikament\u00f6se Behandlung wendet er sich nicht, wobei er ausdr\u00fccklich warnt vor deren gef\u00e4hrlichster Nebenwirkung: der Vorstellung der Behandelnden, die Medikamente k\u00f6nnten ausreichen (vgl. ebd., 329). Er stellt die innere Vielfalt der psychotischen Struktur in beeindruckender Weise dar und votiert daf\u00fcr, dass jeder Restrukturierungsversuch des Subjekts ernst zu nehmen ist (vgl. ebd., 301). Die einzelnen Vorschl\u00e4ge, die er erw\u00e4hnt, sind stets bezogen auf spezifische, individuelle Konstellationen von Subjekten. Oftmals ist ihm als Analytiker erst nachtr\u00e4glich aufgegangen, wodurch eine Ver\u00e4nderung statthaben konnte. So erz\u00e4hlt er etwa von einer AnalysantIn, der seine Begr\u00fc\u00dfung des Postboten mit &#8222;Hello Postman&#8220; (vgl. ebd., 304 f.) zu einer Halt gebenden Versteppung von Signifikant und Signifikat verholfen hat .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur<\/em>:<br \/>\nLeader, Darian (2012): <em>What is Madness?<\/em> London: Penguin Books.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3158 aligncenter\" title=\"DarianLEADERmadness\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/10\/DarianLEADERmadness-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nahezu jedEr AnalytikerIn behandelt auch PsychotikerInnen. Allerdings wissen manchmal beide &#8211; AnalytikerIn und AnalysantIn &#8211; nichts davon (vgl. Leader 2012, 295). 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