{"id":3101,"date":"2012-09-09T15:02:20","date_gmt":"2012-09-09T15:02:20","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3101"},"modified":"2012-09-09T15:02:20","modified_gmt":"2012-09-09T15:02:20","slug":"der-ursprung-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/09\/09\/der-ursprung-der-welt\/","title":{"rendered":"Der Ursprung der Welt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In einem Kapitel (vgl. Barzulai 1999, 48-67) ihres vor 13 Jahren erschienenen und bemerkenswert wenig beachteten Buches <em>Lacan and the Matter of Origins<\/em> macht Shuli Barzilai aufmerksam auf eine Denklinie, entlang derer Lacan seine Konzepte modifiziert hat: In seinem Lexikonartikel \u00fcber <em>Die Familie<\/em> unterscheidet er 1938, als er dem Denken einer psychischen Entwicklung in der Psychoanalyse noch etwas abgewinnen konnte, drei Komplexe: den Komplex der Entw\u00f6hnung, den Komplex des Eindringlings und den \u00d6dipuskomplex. Im folgenden Jahrzehnt verschiebt er sein theoretisches Grundger\u00fcst in zweierlei Hinsicht: <!--more-->Er r\u00fcckt den Entwicklungsgedanken in den Hintergrund, um die Nachtr\u00e4glichkeit ins Zentrum zu r\u00fccken. Und anstelle von den drei Komplexen spricht er nur noch vom Spiegelstadium und vom \u00d6dipuskomplex. W\u00e4hrend der Komplex des Eindringlings sich in modifizierter Form in den Theorien zum Spiegelstadium findet, verliert sich die Spur des ersten Komplexes ziemlich. Der Entw\u00f6hnungskomplex und mit ihm die m\u00fctterliche Imago, d.h. das Gesicht der Mutter und ihre Brust, b\u00fc\u00dfen ihre formative Kraft f\u00fcr das Subjekt ein. Anstelle der m\u00fctterlichen Imago tritt der Spiegel. Er wird zur Mutter des Ichs (Barzulei 1999, 88). Zu einer kalten Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glicherweise hatte Lacan eine Tendenz, das zu verstecken, worum es ihm in besonderer Weise ging. So jedenfalls liest Barzulai seinen Umgang mit dem <em>Ursprung der Welt<\/em>,<em> L&#8217;Origine du Monde.<\/em> Dieses Bild von Gustave Courbet hatte Lacan Mitte der F\u00fcnfziger Jahre mit Silvia Bataille gekauft. Schon der Maler hatte dieses Bild, das eine lange und wechselvolle Geschichte hatte (vgl. dazu auch Hentschel 2001,19-21), zum Schutz vor den Blicken mit einem zweiten Bild \u00fcberlagert: eine Schneelandschaft hatte aus dem Torso einen unauff\u00e4lligen Gegenstand werden lassen. Lacan beauftragte seinen Schwager, Andr\u00e9 Masson, mit der Herstellung eines neuen Kaschierbildes im selben Format. Solcherma\u00dfen verborgen verbrachte das Bild einige Jahrzehnte auf Lacans Landsitz in Guitrancourt. Es wird erz\u00e4hlt, dass Lacan nur f\u00fcr wenige erlesene FreundInnen und G\u00e4ste in besonderen Situationen Massons Tafel zur Seite schob. Und dass er stets schweigend wartete, bis die BetrachterInnen von selbst etwas sagten \u00fcber das Bild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser \u00fcberaus diskrete Umgang mit dem Gem\u00e4lde &#8211; es war lange Zeit unbekannt, ob das Bild noch existiert oder ob es w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs zerst\u00f6rt worden ist &#8211; l\u00e4sst sich verstehen als Reflex auf die Unm\u00f6glichkeit einer Suche nach dem Ursprung. Er kann auch gelesen werden als eine Suche nach einem passenden<a href=\"http:\/\/kunst.erzwiss.uni-hamburg.de\/pdfs\/leib_krystufek.pdf\"> Umgang mit der Scham<\/a>. Es versinnbildlicht jedenfalls etwas von Lacans Vorstellungen \u00fcber die Notwendigkeit, den Ursprung zu verbergen. Vielleicht gerade in einer Welt, die sich so gerne mit <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5hZ7z3QRmx4\">Orlans Version von Courbets Bild<\/a> besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur:<\/em><br \/>\nBarzilai, Shuli (1999): <em>Lacan and the Matter of Origins<\/em>. Stanford.<br \/>\nHentschel, Linda (2001): <em>Pornotopische Techniken des Betrachtens. Raumwahrnehmung und Geschlechterordnung in visuellen Apparaten der Moderne<\/em>. Marburg.<br \/>\nLacan, Jacques (1938): \u00bbDie Familie\u00ab, in: ders.: <em>Schriften III<\/em>, Weinheim, Berlin, 39-100.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3102\" aria-describedby=\"caption-attachment-3102\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3102 size-full\" title=\"Masson\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/09\/Masson.jpg\" width=\"250\" height=\"202\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3102\" class=\"wp-caption-text\"><em>Andr\u00e9 Masson: Cache pour &#8222;L\u2019Origine du monde&#8220; de Gustave Courbet, 1955<\/em><\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Kapitel (vgl. 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