{"id":3058,"date":"2012-08-13T21:56:23","date_gmt":"2012-08-13T21:56:23","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=3058"},"modified":"2012-08-13T21:56:23","modified_gmt":"2012-08-13T21:56:23","slug":"naturpuppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/08\/13\/naturpuppen\/","title":{"rendered":"Naturpuppen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Auf der dOCUMENTA (13) ist gleich hinter dem Eingang in die Documentahalle eine Vitrine mit 100 leeren Schmetterlingspuppen zu sehen. Die K\u00fcnstlerin <a href=\"http:\/\/www.b-a-u.it\/kristina-buch\/\">Kristina Buch<\/a> hat sie zusammengestellt. Eine Komplizin der Natur sei sie nicht, meinte Buch in einem &#8211; im Netz nicht mehr verf\u00fcgbaren &#8211; Interview, sondern sie verwende die Natur nur als Material &#8211; so wie andere K\u00fcnstlerInnen Pinsel und Farbe gebrauchen. In ihrer leisen Kunst ginge es ihr eher um ein Verlangen, um ein Ber\u00fchrtwerden von den Schmetterlingen, als um ein politisches statement. Nicht \u00d6kokunst, sondern etwas Tieferes wolle sie machen. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3062\" title=\"Raupenpuppen\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/08\/Raupenpuppen1.jpg\" alt=\"\" width=\"475\" height=\"122\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen Buchs Hinweis auf das Verlangen als einen Hinweis auf das Begehren im Lacanschen Sprachgebrauch \u00fcbersetzen. Auch mit den Bemerkungen zu ihrem Kunstwerk f\u00fchrt Buch in einen Kontext, in dem sich psychoanalytisches Denken seit langem bewegt und der sich in der Frage verdichten l\u00e4sst: Wie sollen wir uns unser Verh\u00e4ltnis zu dem, was seit langer Zeit Natur genannt wird, zurecht legen? Sind Schmetterlinge etwas Anderes als Pinsel? M\u00fcssen wir erhebliche Unterschiede machen zwischen Barbiepuppen und Naturpuppen? In manchen Lekt\u00fcren einzelner Lacanscher Texte wird betont, dass subjektkonstitutives Begehren zug\u00e4nglich wird nur \u00fcber einen Mangel, der mit der Einf\u00fchrung der Sprache als etwas, was nicht als Natur zu bezeichnen ist, zusammenh\u00e4ngt. Das nicht zu sehen hie\u00dfe, die besondere Funktion der Verneinung \u00fcbersehen. Insbesondere in Abhebung von einem objektbeziehungstheoretischen Zugang werden solche und \u00e4hnliche \u00dcberlegungen bisweilen angef\u00fchrt (vgl. z.B. Meyer zum Wischen 2005, 202).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht sind es etwas eingefahrene Denkgewohnheiten, aufgrund derer solche Gegen\u00fcberstellungen bis heute \u00f6fter in den Vordergrund r\u00fccken. Lacan jedenfalls bezieht sich mehrfach in seinem Werk auf Roger Caillois, f\u00fcr den nicht in erster Linie der K\u00fcnstler, sondern die &#8222;natura pinxit<em>&#8222;<\/em> und dem die Malerei als Fortsetzung eines Werkes der Natur gilt. Zu erw\u00e4hnen w\u00e4re hier etwa die Gottesanbeterin in Lacans Angstseminar, die das M\u00e4nnchen nach dem Begattungsakt verspeist und die zum Vorbild wird f\u00fcr eine existentielle menschliche Angstsituation. Auch in seinem Text \u00fcber das Spiegelstadium bezieht sich Lacan affirmativ auf Caillois&#8216; Forschungen, die die Mimikry im Tierreich in menschlichen Raumvorstellungen wiederentdeckt (Caillois 1935).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist gewiss zu fr\u00fch, aus solchen Verbindungen weitreichende Schl\u00fcsse zu ziehen. Jedenfalls aber ist es ein lohnendes Unternehmen, sich abseits von hinl\u00e4nglich Bekanntem mit solchen textuellen Verbindungen genauer auseinander zu setzen. An Buchs Bemerkung \u00fcber ihr Material irritiert zumindest der anthropozentrische Beigeschmack.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lit<\/em>.:<br \/>\nCaillois, Roger (1935): Mimese und legend\u00e4re Psychasthenie, in: ders. (2007): <em>M\u00e9duse &amp; C<sup>ie<\/sup><\/em>, Berlin: Brinkmann und Bose, 24-43.<br \/>\nMeyer zum Wischen, Michael (2005): Der Bruder an der Brust der Mutter. \u00dcberlegungen zu Neid und Psychose, in: <em>Jahrbuch f\u00fcr klinische Psychoanalyse 6: Aggressivit\u00e4t<\/em>, 199-228.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3075 aligncenter\" title=\"SchmetterlingMITpuppe\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/08\/SchmetterlingMITpuppe.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"345\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der dOCUMENTA (13) ist gleich hinter dem Eingang in die Documentahalle eine Vitrine mit 100 leeren Schmetterlingspuppen zu sehen. 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