{"id":2981,"date":"2012-07-14T13:40:39","date_gmt":"2012-07-14T13:40:39","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=2981"},"modified":"2012-07-14T13:40:39","modified_gmt":"2012-07-14T13:40:39","slug":"hirn-herz-niere-oder-magen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/07\/14\/hirn-herz-niere-oder-magen\/","title":{"rendered":"Hirn, Herz, Niere oder Magen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wegen ihrer Besch\u00e4ftigung mit pr\u00e4verbalen Phantasien wurde Melanie Klein von Jacques Lacan einmal als eine Innereienfleischhauerin (&#8222;tripi\u00e8re&#8220;, vgl. Lacan 1958, 302) bezeichnet. Julia Kristeva hat dieser Attribuierung zu anhaltender Bekanntheit verholfen, indem sie in ihrem Buch \u00fcber Melanie Klein ein Kapitel mit &#8222;Die Linke und die Feministinnen bem\u00e4chtigen sich der \u00bbinspirierten Innereienh\u00e4ndlerin\u00ab&#8220; (Kristeva 2001, 230) \u00fcberschrieben hat. Welche Innereien wurden da ver\/ge\/handelt? Hatte Lacan das Hirn, das Herz, den Magen, die Niere, die Milz oder gar das Bries im Blick? Und war seine Abneigung\u00a0gegen Innereien wirklich so gro\u00df, wie es in manchen Diskussionen den Anschein hat?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-2997\" title=\"Herzengirlande\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/07\/Herzengirlande1-1024x245.jpg\" alt=\"\" width=\"442\" height=\"106\" \/>Zu den wenig thematisierten Innereien der psychoanalytischen Behandlung z\u00e4hlt das Musikalische. Es ist in jeder Stunde inkludiert und wird nur selten in seine Bestandteile zerlegt &#8211; in den immer wieder neuen Klang der Stimmen, die wechselnde Tonh\u00f6he, das unerwartete Auftreten von St\u00f6rger\u00e4uschen, den verborgenen Rhythmus von \u00c4u\u00dferungen, das un\u00fcberh\u00f6rbare Schweigen, das Zusammenspiel, in auftauchende Dissonanzen, Atemger\u00e4usche, die Rhythmik von Behandlungen, das Mitklingen des Raums, aber auch des K\u00f6rpers in Form von Magenknurren oder Darmgrimmen. Musikalische Improvisationen gestatten es, verschiedene solcher musikalischer Dimensionen zu unterscheiden: Bei <a href=\"http:\/\/www.trashvortex.info\/xavierlopez\/axolotl.html\">axolotl<\/a> etwa lassen sich das Atmen, akustische Eindr\u00fccke unklarer Provenienz, das Fehlen jeglicher Rhythmen ebenso isolieren wie etwas mechanisch Klingendes. <a href=\"http:\/\/freemusicarchive.org\/music\/The_Necks\/Live_at_ISSUE_Project_Room_1225\/\">The Necks<\/a>, eine seit vielen Jahren zusammen musizierende Formation, beziehen sich wie selbstverst\u00e4ndlich aufeinander und st\u00fctzen sich auf Intensit\u00e4ten durch kleine Ver\u00e4nderungen in langen Zeitintervallen. <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uWJqJTdA26k\">John Butcher<\/a> macht deutlich, was einer mit einem Instrument vermag und welche Kraft aus der Wiederholung zu sch\u00f6pfen ist. Lacan, der sich wie Freud nur wenig zu Musik ge\u00e4u\u00dfert hat, meint in seinem Seminar XVII, dass ein Instrument wie die Fl\u00f6te etwas sei, was den K\u00f6rper aufspalte, weil beim Spielen Synergien und Gewohnheiten aufgegeben werden m\u00fcssen (vgl. Lacan 2006, 70).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Subjekte haben sehr viele Innereien, wenn mit Innereien etwas Nicht-Symbolisches, Pr\u00e4- oder Paraverbales gemeint ist. Und Lacans Innereienfleischhauer-Gedanke wendete sich gewiss nicht gegen die Existenz von solchen Momenten. Kristeva weist zu Recht darauf hin, dass Lacan einige Bestandteile von Kleins Theorie unter Verwischung der Spuren ihrer Herkunft in seine \u00dcberlegungen integriert hat &#8211; wie etwa das innere Objekt, das er in Form von imagines zerst\u00fcckelter K\u00f6rper thematisiert hat (Kristeva 2001, 225f.). Lacan ging es allerdings darum, die Phantasien \u00fcber den m\u00fctterlichen K\u00f6rper als Imaginationen von dem zu unterscheiden, was er Wahrheit genannt hat (und was er lange Zeit gerne mit dem Phallus in Verbindung gesehen hat). Improvisiertes Musikmaterial macht klar, dass es sehr vieles gibt, worauf sich Phantasien im Pr\u00e4verbalen richten k\u00f6nnen. Freilich ist dabei Gem\u00e4chlichkeit angebracht. Bevor Sinn verstanden werden kann, muss das Material in seiner F\u00fclle erst einmal geh\u00f6rt werden. Max Kleiner hat vor Kurzem wieder betont, dass sich Lacan in seinen sp\u00e4ten Seminaren sehr viel mehr f\u00fcr den Klang interessiert hat als f\u00fcr den Sinn (Kleiner 2012, 26).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Innereien lassen sich schmackhaft zubereiten. Am Bloomsday werden sie nicht umsonst gerne gegessen.<\/p>\n<p><em>Lit.:<\/em><\/p>\n<p>Kleiner, Max (2012): Lacans Sinthom &#8211; ein Jenseits des \u00d6dipus? In: <em>texte. psychoanalyse. \u00e4sthetik. kulturkritik<\/em> 32\/1, 7-33.<br \/>\nKristeva, Julia (2001): <em>Melanie Klein.<\/em> New York: Columbia University Press.<br \/>\nLacan, Jacques (1958):\u00a0 Jeunesse de Gide ou la lettre et le d\u00e9sir, in: <em>Critique<\/em> n\u00b0 131, 291-315.<br \/>\nLacan, Jacques (2006): <em>Le s\u00e9minaire. Livre XVII (1971). D&#8217;un discours qui ne serait pas du semblant.<\/em> Paris: Seuil.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wegen ihrer Besch\u00e4ftigung mit pr\u00e4verbalen Phantasien wurde Melanie Klein von Jacques Lacan einmal als eine Innereienfleischhauerin (&#8222;tripi\u00e8re&#8220;, vgl. Lacan 1958, 302) bezeichnet. 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