{"id":2934,"date":"2012-06-24T09:40:19","date_gmt":"2012-06-24T09:40:19","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=2934"},"modified":"2012-06-24T09:40:19","modified_gmt":"2012-06-24T09:40:19","slug":"einschnitte-in-den-korper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/06\/24\/einschnitte-in-den-korper\/","title":{"rendered":"Einschnitte in den K\u00f6rper"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Man kann das <a href=\"http:\/\/www.justiz.nrw.de\/nrwe\/lgs\/koeln\/lg_koeln\/j2012\/151_Ns_169_11_Urteil_20120507.html\">Urteil <\/a> des K\u00f6lner Landgerichts vom 7. Mai 2012 als einen Angriff sehen in einem Krieg zwischen und \u00fcber Religionen, der bis in die Antike reicht. Dazu wird nun ebenso wie zu den juridischen und rechtsphilosophischen Implikationen des Urteils vielerorts <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/autoren\/christianberlin\/beschneidung-verbieten-religion-beseitigen\">debattiert<\/a>. Psychoanalytisch spannend ist das Urteil auf andere Weise, wird doch die Thematik der Kastration an einzelnen Stellen mit einer Beschneidung eng gef\u00fchrt. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Noch heute beschimpft der T\u00fcrke den Christen als &#8218;unbeschnittenen Hund'&#8220;, meint Freud (1937, 128). Seine Haltung der Beschneidung gegen\u00fcber war wohl ambivalent. Es wird jedenfalls behauptet, dass er seine eigenen S\u00f6hne nicht beschneiden lie\u00df (vgl. Bonomi 2009, 559). Und auch sein Gedanke, dass ihm die Beschneidung als ein &#8222;Leitfossil&#8220; (Freud 1937, 139) in seinem Text diene, deutet nicht darauf hin, dass er die Frage nach der Beschneidung als etwas Lebendiges angesehen hat. Psychoanalytisch galt ihm die Beschneidung, was sich an zahlreichen Stellen seines Werkes zeigen l\u00e4sst (vgl. Bonomi 2009, 559), als \u00c4quivalent und Substitut der Kastration. Weder der medizinisch prophylaktische Hintergrund (Beschneidung aus hygienischen Gr\u00fcnden &#8211; z.B. unter der Annahme, es lie\u00dfe sich durch eine Beschneidung eine Erkrankung an Syphilis vermeiden) noch moralische Anmutungen (eine Beschneidung k\u00f6nnte sexuelle Begierden verringern) spielten f\u00fcr Freud dabei eine gro\u00dfe Rolle (ebd.).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-2938\" title=\"Skalpell\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/06\/Skalpell-300x51.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"51\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lacan macht aus der Vorhaut, die bei der Beschneidung verloren geht, ein Partialobjekt (Lacan 2004, 247). Das verweist auf den Kontext der Kastration: Es geht um eine Trennung unter Sexualisierung einzelner Trennungsschritte bzw. um die Einf\u00fchrung eines Mangels samt derjenigen eines subjektkonstitutiven Begehrens. Das (Partial)Objekt a, das sp\u00e4ter zum Phantasma mutiert, besteht aus Resten, die sich der Einf\u00fchrung dieses Mangels erfolgreich widersetzt haben. Im kleinfamilialen Jargon ausgedr\u00fcckt: Im Rahmen der Kastration soll eine (als schmerzhaft konzipierte) L\u00f6sung von der Mutter erfolgen. Diesen Schmerz f\u00fcgt der Vater zu, was sich in den verschiedenen Registern unterschiedlich darstellt &#8211; symbolisch als v\u00e4terliche Kastrationsdrohung, real erlebt als Einschnitt der Beschneidung. Die imagin\u00e4ren Wucherungen machen einen Teil des Phantasmas aus. (Sie k\u00f6nnen zum Beispiel in lebensbegleitenden neurotischen \u00dcberzeugungen bestehen, aus diesem oder jenem Grund immer leiden zu m\u00fcssen.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gegenw\u00e4rtig in Deutschland diskutierte Beschneidungsverbot fokussiert den K\u00f6rper und das Reale, indem es als Verbot einer K\u00f6rperverletzung und einer Schmerzzuf\u00fcgung aufgefasst wird. Gleichzeitig wird dabei auch eine imagin\u00e4re Chim\u00e4re aufgerufen: der perfekte, unverletzte, ganze K\u00f6rper des Spiegelstadiums, den ein Einschnitt zu fragmentieren droht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun gelten das Ideal des unverletzten K\u00f6rpers ebenso wie das Verbot einer Schmerzzuf\u00fcgung keineswegs generell: Einschnitte in den K\u00f6rper aus pr\u00e4ventivmedizinischen Gr\u00fcnden fallen nicht unter das Verbot der K\u00f6rperverletzung.\u00a0 Eine Probeexzision oder eine Biopsie werden bei aller Angst und allem Schmerz, die mit ihnen verbunden sind, nicht untersagt. Als w\u00e4re die Einschreibung in eine Genealogie, die sich mit der Beschneidung rituell verbindet, einer Einschreibung in ein Pr\u00e4ventionsprogramm gewichen. Positiver formuliert w\u00e4re zu fragen, ob es diese anderen, medizinisch indizierten Einschnitte sind, die dem Subjekt heute angesichts des Niedergangs einer v\u00e4terlichen Autorit\u00e4t Stabilit\u00e4t verleihen sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Literatur<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bonomi, Carlo (2009): The Relevance of castration and circumcision to the origins of psychoanalysis: 1. The medical context, in: <em>Journal of International Psychoanalysis<\/em> 90, 551-580.<br \/>\nFreud, Sigmund (1937): Der Mann Moses und die monotheistische Religion, <em>GW XVI<\/em>, 103-246.<br \/>\nLacan, Jacques (2004): <em>Le S\u00e9minaire. Livre X. L&#8217;Angoisse<\/em>. Paris: Seuil.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann das Urteil des K\u00f6lner Landgerichts vom 7. 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