{"id":2872,"date":"2012-05-23T22:23:43","date_gmt":"2012-05-23T22:23:43","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=2872"},"modified":"2012-05-23T22:23:43","modified_gmt":"2012-05-23T22:23:43","slug":"identifizierungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/05\/23\/identifizierungen\/","title":{"rendered":"Identifizierungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Bei Freud lassen sich drei Formen der Identifizierung unterscheiden (vgl. f\u00fcr das Folgende Freud 1921, 115 ff. und Bonnant 2010):<br \/>\n1) Eine erste Form, in der ein Ich (moi) sich nach dem Vorbild\u00a0 eines Anderen gestaltet. Sie entspricht einer oralen Inkorporation &#8211; Freud vergleicht sie mit einem kannibalistischen Verhalten. Sie geht jeder Objektbesetzung im eigentlichen Sinn voraus. Freud schwankt, ob der Gegenstand der Identifizierung der Vater der pers\u00f6nlichen Vorzeit oder die Eltern sind. Diese Identifizierung bildet jedenfalls die Grundlage des Ichideals.<!--more--><br \/>\n2) Bei der zweiten Form existiert\u00a0 eine\u00a0 Besetzung des Objekts, auf das das Ich verzichten musste. Die Mutter wird durch einen qu\u00e4lenden Husten, den sie einmal gehabt hat, ersetzt. Oder die Liebe f\u00fcr den Vater dr\u00fcckt sich darin aus, dass etwas, was den Vater kennzeichnet, \u00fcbernommen wird. Wie auch immer die Sache l\u00e4uft, sie st\u00fctzt sich nur auf einen einzigen Zug des Objekts.<br \/>\n3) Die dritte Form der Identifizierung ist nicht einer Objektbeziehung zuzuschreiben, sondern den \u00c4u\u00dferungen eines Objekts. Freud nennt als Beispiel ansteckende hysterische Anf\u00e4lle in Internaten. In dieser Identifizierung, die eine affektive Gemeinschaft gr\u00fcndet, finden Massen zu einer Koh\u00e4sion, indem sie sich an einen Anf\u00fchrer binden.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-2881 aligncenter\" title=\"Fingerabdruck\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/05\/Fingerabdruck2-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine koh\u00e4rente Theorie der Identifizierung fehlt bei Freud, insofern er beispielsweise das Verh\u00e4ltnis zwischen Identifizierung und Objektliebe nicht kl\u00e4rt (Evans 1996, 80).<br \/>\nUnter der Voraussetzung eines radikalisierten Sprachprimats versucht Lacan, eine stimmigere Theorie der Identifizierung zu entwickeln (Lacan o.J.), eine Theorie, die mit der Entwicklung des Subjekts \u00fcbereinstimmt. Auch er unterscheidet drei Arten der Identifizierung (Lacan o.J., Sitzung vom 13.12.1961):<br \/>\n1) \u00c4hnlich wie Freud, f\u00fcr den die Identifizierung mit der &#8222;fr\u00fcheste[n] Gef\u00fchlsbindung an eine andere Person&#8220; (Freud 1921, 115) zusammenh\u00e4ngt, findet Lacan in der Spiegelphase Hinweise auf erste Identifizierungen, die allerdings in narzisstischen Verwechslungen bestehen und wie bei Freud nicht als Objektbesetzungen anzusehen sind.<br \/>\n2) Von dieser Identifizierung mit dem eigenen K\u00f6rperbild ist ein n\u00e4chster Schritt zu unterscheiden: die Einschreibung dieser Erfahrung in das Feld des Anderen. Dies geschieht mittels des Blicks, der vom werdenden Subjekt wie ein Insignium, ein Zeichen, genommen wird. Er bildet den einzigen Zug, der auch bei Freud f\u00fcr eine Identifizierung mit Objektbesetzung wichtig war.<br \/>\n3) Die dritte Form der Identifizierung bezieht sich nicht auf das Zeichen, sondern auf den Signifikanten. &#8222;Le signifiant n&#8217;est point le signe&#8220; (Lacan o.J., Sitzung vom 6.12.1961). Das Zeichen hat einen Bezug zum Objekt, der dem Signifikanten g\u00e4nzlich fehlt. Wo ein Subjekt sich mit dem Signifikanten identifiziert, sich als Signifikant begreift, ist eine Erfahrung m\u00f6glich, in der Subjekt wie Anderer verschwinden (Bonnant 2010, 105), in <em>jouissance<\/em> aufgehen. Auch hier besteht ein Bezug zu Freuds dritter Form der Identifizierung: LeserInnen sind zumindest erinnert an eine Identifizierung mit dem Symptom, vorausgesetzt, dass sie den Signifikanten &#8211; den Phallus in seiner symbolischen Form &#8211; als Symptom auffassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als Freuds Identifizierung mit dem Symptom des Anderen denkt Lacan die dritte Form der Identifizierung begleitet von einem Verschwimmen jeglicher Grenzen zwischen Subjekt und Anderem &#8211; gegenw\u00e4rtig vielleicht wieder zu entdecken in Ph\u00e4nomenen wie der Schwarmweisheit. Lacans Votum f\u00fcr die Bedeutung einer solchen mystischen, argumentativ nicht fassbaren Zone zu durchdenken, ist nicht Fokus dieses Eintrags. Hier soll auf etwas Anderes hingewiesen werden: Lacan ist nicht der einzige, der solche Zust\u00e4nde mystischer Erfahrung in den Vordergrund r\u00fcckt. Sie finden sich etwa auch bei Wilfred Bion in Zusammenhang mit seiner Theorie des O. Es w\u00e4re zweifellos produktiv, \u00c4hnlichkeiten und Differenzen zwischen beiden Konzepten zu untersuchen. Eine Voraussetzung f\u00fcr einen derartigen Vergleich ist allerdings ein Verzicht auf den Typus der Identifizierung mit einem einzigen Zug: Ein &#8222;A muss B bedeuten&#8220;, &#8222;Das haben wir immer schon so gedacht&#8220; oder &#8222;Das kann ja gar nicht anders gemeint sein&#8220;, Identifizierungen des zweiten Typs also, sind f\u00fcr solche Untersuchungen eher hinderlich. In diesem Sinn: W\u00e4re jemand von unseren gesch\u00e4tzten LeserInnen bereit, Bions Vorstellungen vom O hier zu skizzieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lit.<\/em>:<br \/>\nBonnant, Mika\u00ebl (2010): L\u2019identification, in: Jodeau-Belle, Laetitia \/ Laurent Ottavi (2010): <em>Les fondamentaux de la psychanalyse lacanienne. Rep\u00e8re \u00e9pist\u00e9mologiques, conceptuels et cliniques.<\/em> Rennes: PUR, 91-108.<br \/>\nEvans, Dylan (1996): <em>Dictionary of Lacanian Psychoanalysis.<\/em> New York: Routledge.<br \/>\nFreud, Sigmund (1921): Massenpsychologie und Ich-Analyse. <em>GW XIII<\/em>, 73-161.<br \/>\nLacan, Jacques (o.J.): <em>Le Seminaire. Livre IX: L&#8217;identification (1961-1962)<\/em> (unver\u00f6ffent.).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Freud lassen sich drei Formen der Identifizierung unterscheiden (vgl. f\u00fcr das Folgende Freud 1921, 115 ff. und Bonnant 2010): 1) Eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[46,132],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2872"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2872"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2872\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2872"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}