{"id":2767,"date":"2012-04-07T18:04:43","date_gmt":"2012-04-07T18:04:43","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=2767"},"modified":"2012-04-07T18:04:43","modified_gmt":"2012-04-07T18:04:43","slug":"negativ","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/04\/07\/negativ\/","title":{"rendered":"Fortsetzungsroman"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Entwicklungspsychologische Beschreibungen, auf die auch in der Psychoanalyse zur\u00fcckgegriffen wird, teilen miteinander eine Schwierigkeit: Wie hat alles angefangen? Sollen wir zun\u00e4chst ein fr\u00fches Ich annehmen, das eine Erfahrung gemacht, eine Phantasie gehabt &#8211; ein Kind vor dem Spiegel, das sich (nicht) erkannt hat? Der Einspruch meldet sich sofort: Woher w\u00e4re ein solches Ich gekommen? Hat es eine Phantasie, eine Erfahrung gegeben, auf Basis derer sich das Ich gebildet hat? Wer aber h\u00e4tte dann diese Phantasie gehabt, wenn sich das Ich doch erst aus ihr konstituiert hat?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Laplanche und Pontalis (1992) haben sich diese Frage gestellt. Im Ausgang von der Phantasie, die von Anfang an das Hauptmaterial der Psychoanalyse war (vgl. Laplanche, Pontalis 1992, 10), haben sie Freuds \u00dcberlegungen zum Ursprung der Phantasien zusammengetragen. Steht am Anfang eine sexuelle Verf\u00fchrung durch den Vater in der Realit\u00e4t, wie sie Freud bis 1897 annahm? Ist es die sexuelle und biologische Konstitution des Kindes, die sich in Phantasien \u00fcbersetzt und zu Symptomen f\u00fchrt (vgl. Laplanche, Pontalis 1992, 30)? Oder war da etwas nicht Symbolisiertes am Beginn, das zun\u00e4chst \u00e4hnlich einem psychotischen Einschluss wie ein Fremdk\u00f6rper bestehen bleibt? Ein im Inneren ausgeschlossener Fremdk\u00f6rper, der sich weniger durch eine Wahrnehmung als durch den Wunsch der Eltern gebildet hat (vgl. Laplanche, Pontalis 1992, 34), das, was Laplanche an anderer Stelle <em>r\u00e4tselhafte Botschaft<\/em> nennt?\u00a0 Auf der Suche nach der L\u00f6sung des R\u00e4tsels stand Freud schlie\u00dflich nicht an, eine phylogenetische Pr\u00e4gung von einer Reihe von typischen Phantasien anzunehmen &#8211; Urszene, Verf\u00fchrung und Kastrationsdrohung entstammten dieser Annahme zufolge der Urzeit der menschlichen Familie (vgl. Laplanche, Pontalis 1992, 37). Freud f\u00fchrt 1915 den Ausdruck &#8222;Urphantasie&#8220; ein. Die Phantasien \u00fcber den Ursprung (die Urszene: Frage nach dem Ursprung des Subjekts, die Verf\u00fchrung: Frage nach dem dem Ursprung der Sexualit\u00e4t des Subjekts und die Kastration: Frage nach dem Ursprung der geschlechtlichen Identit\u00e4t des Subjekts) werden zum Kern dessen, was das neurotische Symptom ausmacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laplanche und Pontalis unterstreichen, dass es f\u00fcr Freud zweierlei Zufl\u00fcsse zu diesen Phantasien gibt: die einerseits in den jeweiligen Komplexen enthaltenen Schemata von Szenerien, die andererseits durch einen \u00e4u\u00dferen sensorischen Eindruck aktiviert werden. Konkret gesagt: ein Kind h\u00f6rt Ger\u00e4usche, die es mit elterlichem Geschlechtsverkehr bzw. seiner nachtr\u00e4glich dazu auftauchenden Phantasie in Verbindung bringt. Metaphorisch deuten Laplanche und Pontalis diese Ger\u00e4usche als ein Raunen, in dem sich die genealogischen Bez\u00fcge des Subjekts Geltung f\u00fcr dieses verschaffen (vgl. Laplanche, Pontalis 1992, 42).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch objektbeziehungstheoretisch spielt die Phantasie eine Hauptrolle in der Psychoanalyse (Isaacs 1948). Es wird das Verh\u00e4ltnis des\/der Patienten\/in zur\/m Analytiker\/in als ein Verh\u00e4ltnis angesehen, das allein durch unbewusste Phantasien (<em>phantasy<\/em>, nicht <em>fantasy<\/em>) bestimmt ist. Doch diese Phantasien werden anders als in einem strukturalpsychoanalytischen Zusammenhang (f\u00fcr den Laplanches und Pontalis&#8216; Lesart hier trotz ihrer im Vorwort unterstrichenen Distanznahme gegen\u00fcber Lacan firmieren kann) als mentale Repr\u00e4sentationen des Triebs angesehen (vgl. Isaacs 1948, 81 und 90). Diese Deutung beruft sich zwar zu Recht auf &#8222;gewisse[ ] Formulierungen Freuds&#8220; (vgl. Laplanche, Pontalis 1992, 53; Vgl. bez\u00fcglich einer Kritik an Isaacs Torok 1959). Was dabei allerdings schwerer thematisierbar ist, sind die symbolischen, die mit der Verdr\u00e4ngung und dem individuellen Konflikt in Zusammenhang stehenden Schicksale von Phantasiebildungen &#8211; das, was den Charakter der Phantasie als &#8222;Mischwesen&#8220; ausmacht, als einen &#8222;Fortsetzungsroman, den das Individuum sich zurecht legt und im Wachzustand sich erz\u00e4hlt&#8220; (Laplanche, Pontalis 1992, 49).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Graphik von Dorothee Golz wird diese Vielgestaltigkeit der Phantasie als eine Zirkularit\u00e4t zwischen Ich\/Je und Ich\/Moi aufgegriffen. Die Frage nach dem Anfang er\u00fcbrigt sich. Zerst\u00fcckelungs-, Einverleibungs- und Aussto\u00dfungsphantasien, Gr\u00f6\u00dfenvorstellungen und Projektionen befinden sich in einem engen, spannenden Zusammenhang mit a\/Anderen, (mit) \u00e4u\u00dferen strukturalen\u00a0 Zufl\u00fcssen (vgl. ebd.), in denen das Schicksal des Sexuellen in Konfrontation und Kooperation mit der bedeutungstragenden symbolischen Welt lustvoll bestimmt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lit.<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freud, Sigmund (1915): Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie widersprechenden Falles von Paranoia, <em>GW<\/em> X, 234.<br \/>\nIsaacs, Susan (1948): The Nature and Function of Phantasy, in: <em>International Journal of Psycho-Analysis<\/em> 29, 73-97.<br \/>\nLaplanche, Jean \/ Jean-Bertrand Pontalis (1992): <em>Urphantasie. Phantasien \u00fcber den Ursprung, Urspr\u00fcnge der Phantasie. <\/em>Frankfurt\/M.: Suhrkamp (orig. frz.: dies. (1964): Fantasme originaire, fantasmes des origines, origine du fantasme, in: <em>Les Temps modernes<\/em> 1964\/215, 1833-1868).<br \/>\nTorok, Maria (1959): Phantasie. Versuch einer begrifflichen Kl\u00e4rung ihrer Struktur und Funktion, in: <em>Psyche<\/em> 1997, 51, 33-45.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2769\" aria-describedby=\"caption-attachment-2769\" style=\"width: 259px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.dorothee-golz.com\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2769 size-medium\" title=\"LeJEetLeMoiDorotheGolz\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/04\/LeJEetLeMoiDorotheGolz-288x300.jpg\" width=\"259\" height=\"270\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2769\" class=\"wp-caption-text\"><em>Dorothee Golz: Le Je et le Moi (2004). Graphit auf Acryltafel.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entwicklungspsychologische Beschreibungen, auf die auch in der Psychoanalyse zur\u00fcckgegriffen wird, teilen miteinander eine Schwierigkeit: Wie hat alles angefangen? 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