{"id":2708,"date":"2012-03-24T00:20:02","date_gmt":"2012-03-24T00:20:02","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=2708"},"modified":"2012-03-24T00:20:02","modified_gmt":"2012-03-24T00:20:02","slug":"zeit-gemases","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/03\/24\/zeit-gemases\/","title":{"rendered":"Zeit-gem\u00e4\u00df?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">L\u00e4sst sich heute noch ein Phallusprimat behaupten? In Diskussionen wird darauf oft geantwortet, es gehe ja beim Phallusprimat um den Phallus als einen leeren Signifikanten. Als lie\u00dfen sich auf diese Weise s\u00e4mtliche Androzentrismus-Vorw\u00fcrfe gegen\u00fcber einer strukturalen Lesart der Psychoanalyse zur\u00fcckweisen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Sache weniger klar ist: <!--more--><\/p>\n<figure id=\"attachment_2740\" aria-describedby=\"caption-attachment-2740\" style=\"width: 270px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2740 \" title=\"Kirsch_neue Collagen_03\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/03\/Kirsch_neue-Collagen_03-300x286.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"257\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2740\" class=\"wp-caption-text\"><em>Suzy Kirsch: Phallus 1<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jacques Lacan versucht zwar, Penis und Phallus voellig voneinander zu trennen &#8211; etwa mittels der sonderbaren Vorstellung, es k\u00f6nnte einen Sprachausdruck wie den Phallus geben, dem prim\u00e4r keine und daher letztlich jede Bedeutung zugeordnet werden kann. Doch schon das Festhalten am Wort &#8222;Phallus&#8220; ist ein deutlicher Hinweis, dass f\u00fcr das Funktionieren aller wirksamen S\u00e4tze mit dem Phallus eine Verbindung in der Phantasie zwischen diesem Sprachausdruck und einer konkreten K\u00f6rperform, dem Penis, gedacht werden muss, der Sprachausdruck also trotz aller theoretischen Beschw\u00f6rungen seiner konventionellen Bedeutung niemals g\u00e4nzlich beraubt werden kann. Eine Streichung des Namens &#8222;Phallus&#8220; und sein Ersatz etwa durch &#8222;leere Kiste&#8220; (ohne jegliche Bedeutung) l\u00e4sst Lacans Theorie des Begehrens in sich selbst zusammen fallen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2744\" aria-describedby=\"caption-attachment-2744\" style=\"width: 266px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2744 \" title=\"Kirsch_neue Collagen_01\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/03\/Kirsch_neue-Collagen_01-295x300.jpg\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"270\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2744\" class=\"wp-caption-text\"><em>Suzy Kirsch: Phallus 2<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei war von Beginn an klar, dass die Wahl dieses Organs einer androzentrischen gesellschaftlichen Konstellation zugeh\u00f6rt: Innerhalb der Psychoanalyse waren die Stimmen (wie jene von August St\u00e4rke, Melanie Klein, Ernest Jones, Karen Horney, Phyllis Greenacre, Clara Thompson, Luce Irigaray &#8230;) nie zum Schweigen zu bringen, die <em>auch andere<\/em> k\u00f6rpergebundene Phantasien f\u00fcr subjektkonstitutiv angesehen haben. Ein Grund f\u00fcr die Dominanz der &#8211; angesichts der zu Freuds Zeiten l\u00e4ngst ins Wanken geratenen Position des Vaters &#8211; anachronistischen Idee, dass es nur eine einzige K\u00f6rperphantasie sei, die die gesamte symbolische Welt zu tragen in der Lage ist, liegt darin, dass die Penisphantasie eine Phantasie ist, mit der sich <em>zeitlich erfassbare<\/em> Ph\u00e4nomene verbinden lassen. Lacan formuliert das Ende der F\u00fcnfziger Jahre so, dass der Penis sich aufgrund seiner F\u00e4higkeit zur [De]Tumeszens besonders eignen w\u00fcrde, die Geschlechterdifferenz zu markieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2748\" aria-describedby=\"caption-attachment-2748\" style=\"width: 270px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2748 \" title=\"Kirsch_neue Collagen_02\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/03\/Kirsch_neue-Collagen_02-300x277.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"249\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2748\" class=\"wp-caption-text\"><em>Suzy Kirsch: Phallus 3<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6rperphantasien etwa \u00fcber die Scheide, die Geb\u00e4rmutter und damit \u00fcber den unerforschbaren Innenraum des nicht-phallisch markierten Geschlechts sind schwer in solche zeitlich strukturierten Zusammenh\u00e4nge einzubetten. Deswegen w\u00e4re weniger ein Phallusprimat zu diskutieren, als die Frage nach dem Primat der Zeit gegen\u00fcber einer Ber\u00fccksichtigung des Raums in der Theorie. Ein Temporozentrismus in manchen philosophischen Ans\u00e4tzen des letzten Jahrhunderts (vgl. Casey 1998) wird von einzelnen Str\u00f6mungen in der Psychoanalyse ungefragt \u00fcbernommen. In dabei entstandenen phallozentristischen Ans\u00e4tzen sieht es so aus, als lie\u00dfen sich manche Psychoanalytiker von Philosophen wie Henri Bergson, William James oder (dem fr\u00fchen) Martin Heidegger die Ohren zustopfen, um nicht zu h\u00f6ren, dass in den Phantasien ihrer PatientInnen neben zeitlich Bestimmtem ebenso r\u00e4umlich Bedrohliches und schwer Fassbares anklingt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lit.:<\/em><br \/>\nCasey, Edward S. (1998): <em>The Fate of Place. A Philosophical History. <\/em>Berkeley: University of California Press.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Band mit zahlreichen weiteren Collagen von Suzy Kirsch erscheint demn\u00e4chst im Verlag <a href=\"http:\/\/www.sonderzahl.at\/_aktuelles.htm\">Sonderzahl<\/a> unter dem Titel:<em> Phallus. Collage<\/em>. Gestaltung: Walter Pamminger und Nik Th\u00f6nen, 144 S., Fadenheftung, Hardcover, Format: 24 x 32 cm. \u20ac 33,\u2013. ISBN 978 3 85449 373 0<\/p>\n<figure id=\"attachment_2750\" aria-describedby=\"caption-attachment-2750\" style=\"width: 248px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2750 \" title=\"Kirsch_neue Collagen_04\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/03\/Kirsch_neue-Collagen_04-276x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"270\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2750\" class=\"wp-caption-text\"><em>Suzy Kirsch: Phallus 4<\/em><\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e4sst sich heute noch ein Phallusprimat behaupten? 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