{"id":2537,"date":"2012-01-29T09:51:22","date_gmt":"2012-01-29T09:51:22","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=2537"},"modified":"2012-01-29T09:51:22","modified_gmt":"2012-01-29T09:51:22","slug":"gefuehlskrank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2012\/01\/29\/gefuehlskrank\/","title":{"rendered":"Der Gef\u00fchlsschrank"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Emmi Rothner schreibt an Leo Leike: &#8222;R\u00fccke nur ja nie den Schl\u00fcssel zu deinem Gef\u00fchlsschrank heraus, mein Lieber&#8220;. Und er antwortet ihr zw\u00f6lf Minuten sp\u00e4ter: &#8222;F\u00fchlen ist niemals Betrug, liebe Emmi. Erst wenn man Gef\u00fchle auslebt und jemand anderen darunter leiden l\u00e4sst, hat man etwas Falsches gemacht&#8220; (Glattauer 2009, 135).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2546 aligncenter\" title=\"gefuehlsschrank\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2012\/01\/gefuehlsschrank-300x296.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"296\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In zeitgen\u00f6ssischen e-mail-Romanen l\u00e4sst sich das Reden \u00fcber Gef\u00fchle nach wie vor gut verkaufen. In der psychoanalytischen Theorie erweist es sich dagegen seit langem als nicht leicht, den Affekt theoretisch zu fassen. Die Psychoanalyse verf\u00fcgt \u00fcber keine koh\u00e4rente Gef\u00fchlstheorie (Wegener 2009). Und der Affekt wurde innerhalb der Psychoanalyse vor Jahrzehnten benutzt, um theoretische Herangehensweisen voneinander zu unterscheiden und zu trennen (Green 1973). Die innere Heterogenit\u00e4t psychoanalytischer Ans\u00e4tze zu den Affekten mag ein Grund daf\u00fcr sein, weshalb psychoanalytische Positionen in zeitgen\u00f6ssischen Anthologien unber\u00fccksichtigt bleiben (vgl. als Beispiel Landweer\/Renz 2008). Auch bei einer, im Kontext empirischer Psychotherapieforschung bisweilen geforderten, bruchlosen Eingliederung der Psychoanalyse in einen medizinischen Diskurs gibt es Probleme mit dem Affekt, wird dieser in solchen Diskursen doch mit dem Effekt einer Erregung von Gehirnarealen (Panksepp 1998, Solms, Turnbull 2002) verwechselt , was sich schon allein im Hinblick auf den affektiven Gehalt der e-mails zwischen Emmi und Leo als fragw\u00fcrdig erweist .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schwierigkeiten der Psychoanalyse mit den Affekten reichen bis zu Freud zur\u00fcck. Rapaport schreibt von drei Phasen: w\u00e4hrend der ersten Phase trennt Freud noch nicht deutlich zwischen der Psychoanalyse und der kathartischen Methode seiner Hypnoseanwendung. W\u00e4hrend der zweiten Phase, die 1900 beginnt, ordnet Freud seine Erkenntnisse in metapsychologischer Hinsicht und betont den \u00f6konomischen Gesichtspunkt seiner Anschauungen. Die Neuordnung w\u00e4hrend der dritten Phase verdankt sich dem \u00dcbergang von der ersten zur zweiten Topik. Zu jeder Phase geh\u00f6rt eine spezielle Auffassung\u00a0 vom Affekt: Zuerst setzt Freud Affekte mit Triebbesetzungen gleich. Dann betrachtet er sie als Triebrepr\u00e4sentationen, die die Entladung der Besetzungen verhindern und schlie\u00dflich werden sie zu Ichfunktionen, zu Signalen f\u00fcr das Ich (vgl. Rapaport 1953, 187).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die innere Diversit\u00e4t von Freuds Position den Affekten gegen\u00fcber ist in die Weiterentwicklung psychoanalytischer Theoreme zu den Affekten eingeflossen (vgl. Kadi 2012). W\u00e4hrend den (oft als unbewusste verstandenen) Gef\u00fchlen in den kleinianischen und postkleinianischen Konzepten wegweisende Funktion zum Verst\u00e4ndnis von Zust\u00e4nden, \u00dcbertragungssituationen und Bedeutungskontexten zugeschrieben wird, wird in vielen Lacanschen Fassungen der Psychoanalyse zur Vorsicht den Affekten gegen\u00fcber geraten. Dies droht einer gewissen <em>affectophobia lacanica<\/em> Vorschub zu leisten. Selbst wenn Affekte als Symbole im Wartestand (Fink 2004, 52) aufgefasst werden, gelten sie dem Affektophoben doch <em>vor allem<\/em> als T\u00e4uschung und Verf\u00fchrung ins Falsche. Lacans Auffassung des Affekts war indes nicht so einseitig, wie sie seine Gegner (Green 1973) und seine sp\u00e4ten Sch\u00fclerInnen gerne stilisierten. Er betont mehrfach, er habe den Affekt nie vernachl\u00e4ssigt (als Beispiel: Lacan 1974, 37f.). Und tats\u00e4chlich lassen sich in seinem \u0152uvre jede Menge Affekte von der Angst als einem Ausnahmeaffekt, der Traurigkeit und dem fr\u00f6hlichen Es-Wissen (le s\u00e7avoir), der Schuld, dem Gl\u00fcck, der Langeweile, der Leidenschaft (zu sein), dem Zorn bis hin zur Scham (zu leben) finden. Diese Affekte k\u00f6nnen geordnet werden (Soler 2011) &#8211; z.B. gem\u00e4\u00df ihrem Verh\u00e4ltnis zur Kastration oder zu jenen Affekten, die eine Epoche bestimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Glattauers Gef\u00fchlsschrankmetapher h\u00e4tte sich Lacan wohl trotzdem widersetzt: Gef\u00fchle in seinem Sinn sind keine W\u00e4schest\u00fccke. Sie finden sich genauso wenig wie Signifikanten in irgendeinem nach Mottenpulver riechenden, abgeschlossenen Raum, aus dem sie nicht heraus k\u00f6nnen und von dem aus sie als sogenannte wahre Gef\u00fchle wirken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lit.:<\/em><br \/>\nFink, Bruce (2004): <em>Lacan to the Letter. Reading \u00c9crits closely.<\/em> Minneapolis: University Press.<br \/>\nGlattauer, Daniel (2009):<em> Alle sieben Wellen.<\/em> Wien: Deuticke.<br \/>\nGreen, Andr\u00e9 (1973): <em>Le discours vivant.<\/em> Paris: PUF.<br \/>\nKadi, Ulrike (2012): Es m\u00fcssen Fragen bleiben. Zur nicht geschriebenen psychoanalytischen Theorie der Affekte, erscheint in: Elisabeth Mixa und Patrick Vogl (Hg.): <em>E-Motions. Transformationsprozesse in der Gegenwartskultur<\/em>, turia + kant, Wien.<br \/>\nLacan, Jacques (1974): <em>T\u00e9l\u00e9vision.<\/em> Paris: Seuil.<br \/>\nPanksepp, Jaak (1998): <em>Affective Neuroscience: The Foundations of Human and Animal Emotions. <\/em>New York: Oxfort University Press.<br \/>\nRapaport, David (1953). On the Psycho-Analytic Theory of Affects, in:<em> International Journal of Psycho-Analysis,<\/em> 34, 177-198.<br \/>\nRenz, Ursula (2008) (Hg.): Spinoza: Philosophische Therapeutik der Emotionen, in: Landweer, Hilge \/ Ursula Renz (2008): <em>Klassische Emotionstheorien. Von Platon bis Wittgenstein.<\/em> Berlin, New York: De Gruyter,\u00a0 309-330.<br \/>\nSoler, Colette (2011): Les affects Lacaniens. Paris: PUF.<br \/>\nSolms, Mark \/ Oliver Turnbull (2002):<em> Das Gehirn und die innere Welt. Neurowissenschaft und Psychoanalyse.<\/em> D\u00fcsseldorf, Z\u00fcrich: Walter Verlag 2004.<br \/>\nWegener, Mai (2009): Warum die Psychoanalyse keine Gef\u00fchlstheorie hat, in: Fehr, Johannes, Gerd Folkers (Hg.): <em>Gef\u00fchle zeigen. Manifestationsformen emotionaler Prozesse<\/em>. Edition Collegium Helveticum, Band 5. Z\u00fcrich: Chronos Verlag, 143-162<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Emmi Rothner schreibt an Leo Leike: &#8222;R\u00fccke nur ja nie den Schl\u00fcssel zu deinem Gef\u00fchlsschrank heraus, mein Lieber&#8220;. 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