{"id":2445,"date":"2011-12-28T22:05:18","date_gmt":"2011-12-28T22:05:18","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=2445"},"modified":"2011-12-28T22:05:18","modified_gmt":"2011-12-28T22:05:18","slug":"sexualitat-als-operator-des-unmenschlichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2011\/12\/28\/sexualitat-als-operator-des-unmenschlichen\/","title":{"rendered":"Sexualit\u00e4t als Operator des Unmenschlichen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2446 aligncenter\" title=\"Huelle\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/\/2011\/12\/Huelle-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"240\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrfach wurde in diesem blog schon \u00fcberlegt, was die gegenw\u00e4rtige, an verschiedenen Stellen zu beobachtende, kulturelle Animalisierung bedeuten k\u00f6nnte.\u00a0 Eine Intervention von Alenka Zupan\u010di\u010d macht hellh\u00f6rig f\u00fcr weitere Facetten dieser Entwicklung. Im Versuch, Differenzen zwischen Philosophie und Psychoanalyse<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">herauszuarbeiten, st\u00f6\u00dft Zupan\u010di\u010d auf die Sexualit\u00e4t als etwas Anst\u00f6\u00dfiges, was die Psychoanalyse (aus Sicht ihrer Gegner) im Unterschied zur Philosophie\u00a0 &#8222;eines universellen Geltungsbereichs beraube&#8220;. Deshalb m\u00fcsse die Frage der Sexualit\u00e4t &#8222;mit brutaler Offenheit diskutiert werden&#8220; (Zupan\u010di\u010d 2009, 11). Denn in &#8222;der freudschen Theorie ist das Sexuelle (verstanden als konstitutiv abweichende Partialtriebe, die man auch \u00bbLibido\u00ab nennt) nicht der \u00e4u\u00dferste Horizont<strong> des Tieres \u00bbMensch\u00ab<\/strong> (Hervorhebung UK), nicht etwa der Ankerpunkt irreduzibler Menschlichkeit in der psychoanalytischen Theorie sondern [&#8230;] der Operator der Entmenschlichung oder der \u00bbDe-Anthropomorphisierung\u00ab&#8220; (ebd., 17).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zupan\u010di\u010d wird ihren eigenen Vorgaben insofern gerecht, als sie &#8211; unter mehrfachem Hinweis, dass sich die Psychoanalyse Freuds von der Jungschen Konzeptualisierung in Sachen Sexualit\u00e4t und Lebensenergie unterscheidet &#8211; die andere, nicht-libidin\u00f6se Seite der Triebmodalit\u00e4ten in den Vordergrund r\u00fcckt. Es klingt in der Tat brutal, wenn sie von Sexualit\u00e4t als &#8222;Inkonsistenz&#8220; (ebd., 23), vom Sexuellen als &#8222;Operator des Unmenschlichen&#8220; (ebd., 17),\u00a0 einem &#8222;Begriff einer radikalen ontologischen Sackgasse&#8220; (ebd., 23) schreibt. Die Sto\u00dfrichtung ihrer \u00dcberlegungen legt sie dabei offen: Sie wendet sich mit ihren \u00dcberlegungen gegen eine (im 19. Jahrhundert propagierte) Nat\u00fcrlichkeit, die (nicht erst) sie als &#8222;paradoxe artifizielle Naturalisierung der origin\u00e4r de-naturalisierten Triebe&#8220; (ebd., 15) entlarvt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist die Psychoanalyse kein Erholungszentrum, sondern eine Formation mit durchaus brutalen Seiten. Anders als die Philosophie steht die theoretische Psychoanalyse in einem permanenten wechselseitigen Bezug zu einer Praxis, in der es um Ver\u00e4nderungen &#8211; um das Ertragen wie das Bef\u00f6rdern von Ver\u00e4nderungen gleicherma\u00dfen im Allgemeinen wie im Partikularen &#8211; geht. Nach Freuds sp\u00e4ter triebtheoretischer Auffassung (Zupan\u010di\u010d nimmt es nicht sehr genau mit ihren Bezugnahmen auf die in sich divergierenden Freudschen Konzepte des Triebs, aber das soll hier nicht diskutiert werden) k\u00f6nnen solche Ver\u00e4nderungen in zwei Richtungen erfolgen: in Richtung Spannungserhaltung und in Richtung Spannungsl\u00f6sung. Letztere Bewegung kennzeichnet Freud als die Tendenz der Todestriebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zupan\u010di\u010ds Beschreibung von Sexualit\u00e4t unterstreicht den bei Freud zweifellos gegebenen entfunktionalisierten Charakter des Sexuellen. Gleichzeitig hebt sie einen Bruch hervor, f\u00fcr den das Sexuelle stehen soll. Dieser Bruch ist weitreichend,\u00a0 weil er einen gro\u00dfen Teil dessen, was Philosophie (hier in einem bescheidenen Sinn als Arbeit am Begriff verstanden) ausmacht, au\u00dfer Kraft setzt: &#8222;Das Sexuelle ist keine Substanz, die genau be- und umschrieben werden k\u00f6nnte, sondern genau die Unm\u00f6glichkeit seiner eigenen Umschreibung oder Abgrenzung&#8220; (ebd., 16).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es scheint mir verfr\u00fcht (und methodisch schwer) zu entscheiden, ob Zupan\u010di\u010d mit dieser These kulturell wirksame Tendenzen des gegenw\u00e4rtigen Umgangs mit Sexualit\u00e4t erfasst. Meinem Eindruck nach \u00fcberwiegt in ihrer Darstellung etwas Destruktives, von Todestriebqualit\u00e4ten Bestimmtes. Was ihr beinahe entgeht, ist die Beunruhigung des Sexuellen als einem Spannungs<em>auf<\/em>bau, dem\u00a0 lustvolle und deshalb nicht minder bedrohliche M\u00f6glichkeiten offen stehen. Mit der Bestreitung der Nat\u00fcrlichkeit solcher Tendenzen (oder der Behauptung von deren kultureller Naturalisierung) ist meines Erachtens deren Gegebenheit nicht au\u00dfer Kraft zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine daran ankn\u00fcpfende \u00dcberlegung w\u00e4re, ob nicht das Tier &#8211; in der kulturellen Praxis ebenso wie in der kulturwissenschaftlichen Theorie &#8211; zum Tr\u00e4ger von solchen (im engeren Sinn) libidin\u00f6s bestimmten Strebungen wird. Dieser Eindruck bezieht sich auch auf Zupan\u010di\u010ds obiges Zitat, wo sie nicht das Tier, sondern den Menschen in Anf\u00fchrungsstriche setzt. Das Tier gibt es, der Mensch ger\u00e4t in Anf\u00fchrungsstriche. Als k\u00f6nnte das Tier eine geheime und in sich bruchlose \u00dcberzeugung verk\u00f6rpern, dass sexuell bestimmte Lust nicht nur unm\u00f6glich, sondern auch m\u00f6glich ist &#8211; ein notwendiges Phantasma, mit dem zumindest in der Praxis der Psychoanalyse durchaus gearbeitet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lit.:<\/em><br \/>\nZupan\u010di\u010d, Alenka (2009): Intervention I. Sexualit\u00e4t und Ontologie, in: dies.: <em>Warum Psychoanalyse?<\/em> Z\u00fcrich, Berlin: diaphanes, 11-30.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehrfach wurde in diesem blog schon \u00fcberlegt, was die gegenw\u00e4rtige, an verschiedenen Stellen zu beobachtende, kulturelle Animalisierung bedeuten k\u00f6nnte.\u00a0 Eine Intervention von [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[80,120,139],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2445"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2445"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2445\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2445"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2445"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2445"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}