{"id":2283,"date":"2011-11-09T07:12:46","date_gmt":"2011-11-09T07:12:46","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=2283"},"modified":"2011-11-09T07:12:46","modified_gmt":"2011-11-09T07:12:46","slug":"der-unerwunsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2011\/11\/09\/der-unerwunsch\/","title":{"rendered":"Der UnerWUNSCH"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sehr geehrter Herr Doktor Spielvogel!<br \/>\nHeute lese ich in einer \u00f6sterreichischen Qualit\u00e4tszeitung (<em>Anmerkung der Redaktion: <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1319182315246\/Psychotherapie-Misserfolge-Ein-Beipackzettel-fuer-gesunde-Seelen\">Der Standard<\/a>)<\/em>, dass Psychotherapien Nebenwirkungen haben k\u00f6nnen. Mein Analytiker hat mir davon zu Beginn meiner Behandlung nichts gesagt und auch bis jetzt keinen Beipackzettel ausgeh\u00e4ndigt.\u00a0Soll ich zuerst den Psychotherapeuten wechseln oder soll ich mich gleich an die Beschwerdestelle im Bundesministerium wenden? Was empfehlen Sie mir?<br \/>\nBitte um rasche Antwort, da ich heute eine Therapiesitzung habe, vor welcher ich unbedingt kl\u00e4ren muss, wie ich mich verhalte.<br \/>\nIhre ergebene M.H. (<em>Name der Redaktion bekannt<\/em>)<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr geehrte Frau H.,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">vielen Dank f\u00fcr Ihre Zuschrift! Bevor Sie sich entscheiden, wie Sie vorgehen, m\u00f6chte ich Ihnen umgekehrt einige Fragen stellen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stellen Sie sich vor, zwei Menschen haben eine Psychotherapie bei zwei verschiedenen PsychotherapeutInnen &#8211; beide Vertreter einer in \u00d6sterreich anerkannten Psychotherapiemethode &#8211; begonnen. Nehmen wir an, die beiden Patientinnen, Frau A. und Frau B., lassen sich gut vergleichen, denn beide leiden sie unter unerkl\u00e4rlichen Schmerzen, f\u00fchlen sich depressiv, leben &#8211; wiewohl \u00fcber 30 Jahre alt &#8211; noch bei ihren Eltern. Beide sind ohne Arbeit und haben seit langem keine engere Beziehung mehr eingehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einem Jahr Behandlung nimmt Frau A., die dem Druck vom AMS und den Forderungen ihrer Eltern, die sie seit vielen Jahren finanziell unterst\u00fctzen, nichts entgegensetzen kann, schlie\u00dflich wieder eine Arbeit in der Firma des Vaters an. Die manuelle T\u00e4tigkeit interessiert sie wenig, dient ihrer Ansicht nach vorwiegend dazu, ihre gr\u00f6\u00dften Geldn\u00f6te zu beheben. Sie beendet die Psychotherapie &#8211; nicht zuletzt um Geld zu sparen. Vom Praktischen Arzt erh\u00e4lt sie eine medikament\u00f6se antidepressive Therapie, da sie sich nach wie vor h\u00e4ufig lustlos f\u00fchlt und aufgrund von einer Antriebsst\u00f6rung oft in Krankenstand ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau B. verliebt sich sehr in ihren Therapeuten. Nach zwei Jahren Behandlung wird immer deutlicher erkennbar, dass bei Frau B. eine ausgepr\u00e4gte Autonomie- und Abh\u00e4ngigkeitsproblematik besteht. Die Schmerzen, deretwegen sie die Behandlung begonnen hat, treten in den Hintergrund. Auf Druck der Eltern, die die Behandlung von Frau B. teilweise mitfinanziert haben, beendet Frau B. jedoch nach zwei Jahren innerhalb von zwei Wochen die Behandlung, ohne dass sich die \u00dcbertragung, welche sich im Laufe der Behandlung entwickelt hat, l\u00f6sen kann. Frau B. zieht sich in der Folge verst\u00e4rkt zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Rahmen einer Studie zur Effizienzanalyse von Psychotherapie erhalten Frau A. und Frau B. einen Fragebogen, auf dem sie ihre Zufriedenheit mit ihrer Psychotherapie auf einer Skala von 1-5 (1=sehr zufrieden, 5=unzufrieden) angeben sollen. Frau A. und Frau B. kreuzen beide 4 an. Als Grund f\u00fcr ihre mangelnde Zufriedenheit f\u00fcgt Frau A. hinzu, dass sie zwar wieder zu arbeiten begonnen habe, ihre Depression aber nun erst recht mit Medikamenten behandelt werde. Frau B. schreibt, dass sie sich von ihrem Therapeuten abh\u00e4ngig gef\u00fchlt und er ihr zu wenig Halt gegeben hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Fragen an\/f\u00fcr Sie: Halten Sie die Unzufriedenheit der beiden Frauen f\u00fcr eine Nebenwirkung der Behandlung? Oder ist die\u00a0 Unzufriedenheit einer der beiden Frauen wohlm\u00f6glich als eine Wirkung der Behandlung zu verstehen? Ist die von Frau A. hervorgehobene R\u00fcckkehr ins Arbeitsleben eine er<em>w\u00fcnsch<\/em>te Wirkung\/Nebenwirkung der Behandlung? Sollen wir die erlebte Abh\u00e4ngigkeit von Frau B. als eine uner<em>w\u00fcnsch<\/em>te Nebenwirkung der Behandlung auffassen? Und last not least: Welcher Wunsch mag sich wohl in Ihrem Gedanken verstecken, dass Sie \u00fcber m\u00f6gliche Nebenwirkungen nicht informiert wurden, was Sie nun gar \u00fcberlegen l\u00e4sst, Ihre Behandlung abzubrechen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sigmund Freud, auf den in der Printausgabe des Standardartikels durch ein Bild seines Behandlungsraumes verwiesen wird, hatte nie ein anderes Ziel der Behandlung &#8222;als die praktische Genesung des Kranken, die Herstellung seiner Leistungs- und Genu\u00dff\u00e4higkeit&#8220; (Freud 1904, 7). Dieses Ziel ist allerdings nicht bei allen Menschen gleich rasch zu erreichen &#8211; wohl auch deswegen, weil in einer uner<em>w\u00fcnsch<\/em>ten Nebenwirkung oft ein Wunsch verborgen ist, verkleidet als ein Uner<em>WUNSCH<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den besten W\u00fcnschen f\u00fcr Sie und Ihre Entscheidung<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">verbleibe ich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dr. Spielvogel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Nachlesen noch der genaue Hinweis auf das Zitat: Es stammt aus Freud, Sigmund (1904): Die Freudsche psychoanalytische Methode, in: <em>GW V<\/em>, 3-10.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrter Herr Doktor Spielvogel! Heute lese ich in einer \u00f6sterreichischen Qualit\u00e4tszeitung (Anmerkung der Redaktion: Der Standard), dass Psychotherapien Nebenwirkungen haben k\u00f6nnen. 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