{"id":1344,"date":"2011-06-30T21:40:29","date_gmt":"2011-06-30T21:40:29","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=1344"},"modified":"2011-06-30T21:40:29","modified_gmt":"2011-06-30T21:40:29","slug":"katzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2011\/06\/30\/katzen\/","title":{"rendered":"Vaterfunktion und Psychose"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vor der Psychose soll ein Analytiker auf keinen Fall einen R\u00fcckzieher machen:\u00a0 \u00ab\u00a0La psychose, c\u2019est ce devant quoi un analyste, ne doit reculer en aucun cas.\u00a0\u00bb (Jacques Lacan, \u00ab\u00a0 Ouverture de la section clinique\u00a0\u00bb, le 1er janvier 1977, <em>Ornicar ?<\/em>, n\u00b0 9, 1977, S. 7-14.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum sollten AnalytikerInnen einen R\u00fcckzieher vor der Psychose machen? Freuds Vorstellung von der psychoanalytischen Unbehandelbarkeit der Psychose waren Jahrzehnte fr\u00fcher formuliert und inzwischen durch eine wachsende Tradition psychoanalytischer Psychosenbehandlung widerlegt. Was hatte Lacan im Blick, wenn er PsychoanalytikerInnen ein Zur\u00fcckweichen vor der Psychose unterstellt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zitierte Satz wird vielleicht ein bisschen besser verst\u00e4ndlich vor dem Hintergrund eines <em>shifts<\/em> in Lacans eigenen Vorstellung von der Psychose, im Rahmen derer er seine Position als Theoretiker (und auch als Praktiker) schw\u00e4cht. W\u00e4hrend Lacan n\u00e4mlich in den F\u00fcnfziger Jahren im Rahmen einer Lekt\u00fcre von Freuds Schreber-Text, den er in seinem <em>Seminar III <\/em>und in seinem Artikel <em>\u00dcber eine Frage, die jeder Behandlung einer Psychose vorausgeht <\/em>kommentiert, die psychotische Struktur vor allem mit einem singul\u00e4ren Ausfallen der v\u00e4terlichen Funktion, einer individuell fehlenden Annahme der Vatermetapher durch ein werdendes Subjekt in Zusammenhang bringt, baut seine sp\u00e4tere Theorie der Psychose in den Siebziger Jahren rund um das <em>Sinthom<\/em> auf einem allgemeinen Ausfall der Vaterfunktion auf: Es existiert kein gro\u00dfer Anderer, der die Vaterfunktion st\u00fctzt und auf den sich Strukturen beziehen k\u00f6nnten. Jedes Subjekt schafft sich seine eigene kreative L\u00f6sung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ian Parker hat Folgen dieser grundlegenden Ver\u00e4nderung des Ansatzes in seinem Beitrag der heurigen <em>Annual Conference of <a href=\"http:\/\/http:\/\/www.cfar.org.uk\">CFAR<\/a>: Psychosis &#8211; Lacanian Perspective<\/em>s ber\u00fchrt. Nicht nur das strukturstabilisierende <em>Sinthom<\/em> ist ihm zufolge als individuelle Kreation anzusehen, sondern jede Form von Produktion, zu der auch die psychoanalytische Theorie selbst geh\u00f6rt. Freud h\u00e4tte unter diesem Blickwinkel nichts entdeckt, sondern alles erfunden. Psychoanalyse als Kunstwerk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Beispiel einer solchen kreativen Arbeit f\u00fchrte Parker eine Arbeit von Zoe Beloff an. Die K\u00fcnstlerin hat vor wenigen Jahren ein Buch ver\u00f6ffentlicht, in dem sie die Geschichte einer bislang wenig bekannten amerikanischen psychoanalytischen Gesellschaft darstellt. Dem Buch beigelegt findet sich einiges Filmmaterial aus der fr\u00fchen Zeit der Gruppe: <a href=\"http:\/\/www.zoebeloff.com\/pages\/dream_films.html\">The Coney Island Amateur Psychoanalytic Society. Dream Films 1926-1972<\/a>. Nur den LeserInnen des Buches enth\u00fcllt Beloff, dass es sich bei der Ver\u00f6ffentlichung um ihre individuelle kreative Produktion handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier taucht eine Schwierigkeit, die in einer so radikal verstandenen Theorie des individuellen <em>Sinthoms<\/em> liegt, auf: LeserInnen oder FilmbetrachterInnen lernen vielleicht ihre eigene Kritiklosigkeit, ihre Bereitschaft, anderen zu glauben, kennen. Aber diese Einsicht macht in spezieller Weise hilflos. Denn Kritik an Positionen, an Konzepten und an klinischen \u00dcberlegungen wird schwierig, ja unm\u00f6glich, wenn es nichts mehr zu entdecken und alles zu erfinden gilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor der Psychose soll ein Analytiker auf keinen Fall einen R\u00fcckzieher machen:\u00a0 \u00ab\u00a0La psychose, c\u2019est ce devant quoi un analyste, ne doit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,7,13],"tags":[109,122],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1344"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1344"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1344\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}