{"id":1165,"date":"2011-04-13T18:01:28","date_gmt":"2011-04-13T18:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=1165"},"modified":"2011-04-13T18:01:28","modified_gmt":"2011-04-13T18:01:28","slug":"differenzen-und-das-begehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2011\/04\/13\/differenzen-und-das-begehren\/","title":{"rendered":"Differenzen und das Begehren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Um den Unterschied zwischen einer begehrensorientierten Zugangsweise gegen\u00fcber einer, vornehmlich an der <em>jouissance<\/em> orientierten Betrachtung genauer zu beschreiben, folgt hier ein Filmbeispiel mit ein paar Gedanken.<!--more--><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/7569175\" width=\"352\" height=\"288\" frameborder=\"0\" title=\"Picknic mit Weissman\" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jan Svankmajer (1968): <em>Picknick mit Weismann<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mittels einer knappen und vor allem \u00fcber den Rhythmus sehr dezidierten Kadrierung werden wir als BetrachterInnen dieses Films von der ersten Einstellung weg mit unserem Nicht-Sehen-K\u00f6nnen besch\u00e4ftigt (Details von unbekannten Gegenst\u00e4nden im Gro\u00dfformat, rasche Bildfolge, schnelles Wechseln der Einstellungen, \u00dcberblick \u00fcber die Szenerie aus einer Entfernung, die eine Detailwahrnehmung unm\u00f6glich macht etc.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das Dargestellte wirkt vor allem durch die Kargheit der Auslassung. Die Kastration f\u00fchrt Regie. Wie von einer maschinenartigen Geisterhand gelenkt, spult sich ein Geschehen ab, f\u00fcr das kein Urheber in Sicht ist. Der Plattenteller und mit ihm der Trieb drehen sich. Immer weiter. Um einzelne Partialtriebqualit\u00e4ten werden Erwartungshorizonte skizziert: neben dem dominierenden optischen Register, das mit der Bildseite der Tarockkarten und den Fotosequenzen M\u00e4nner und Frauen umfasst, wird der Bereich des Akustischen angesprochen. Mit den drei Schallplatten, dem Singen von Rio de Janeiro, dem Paradies und anderen verlockenden Orten und mit dem Namen &#8222;His master&#8217;s Voice&#8220; ist auf die Invokation, auf Sprechen, auf Sprache angespielt. Die kleiderhafte Pflaumenverdauung n\u00e4hert sich dem Oral\/Analen auf ironische Weise. Ein Lederphallus bl\u00e4st sich selber auf. Das Bett rauscht ab in den Wald.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mangel bleibt bestimmend, auch wenn der Blick sich in Form einer Verdoppelung der Filmkamera im Inneren des Films als Fotoapparat selbst\u00e4ndig macht. Wir sehen Rio de Janeiro nicht, was wir im fr\u00fchlingsgr\u00fcnen tschechischen Wald auch gar nicht erwarten k\u00f6nnen. Aber wissen wir, was wir suchen? Ein Spiel von Differenzen gibt R\u00e4tsel auf. Da ist etwas, und da ist doch nichts. Befriedigung\u00a0 im offenen R\u00e4tsel l\u00e4sst sich nur f\u00fcr Zwangsneurotiker finden. Wie der Schallplatte nach der Unterbrechung durch die Schnecke bleiben uns die Kreise des Begehrens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lacan befand sich mit einigen anderen in einem intellektuellen Rahmen, von dem Michel Foucault Jahre sp\u00e4ter meint, er sei durch einen Widerspruch und eine Konvergenz gekennzeichnet gewesen. Foucault sieht einen solchen Widerspruch bei all jenen, &#8222;die in den letzten f\u00fcnfzehn Jahren als\u00a0 \u00bbStrukturalisten\u00ab bezeichnet worden sind und &#8211; mit Ausnahme von L\u00e9vi-Strauss &#8211; trotzdem keine waren, n\u00e4mlich Althusser, Lacan&#8220; und er selbst (Foucault 1997, 42). Die Konvergenz zwischen ihnen habe darin bestanden, dass alle drei das Thema &#8222;Subjekt&#8220; auf neue Weise behandeln mussten. Mit den \u00fcberlieferten Theorien des Subjekts, das in Frankreich vornehmlich ein Cartesisches war, konnte keiner von ihnen weiter denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lacan hat das verschwundene Subjekt in seinen fr\u00fchen Seminaren als eine Leerstelle in die Szene aufgenommen, eine Szene, die sich durch ein Begehren, das sich \u00fcber diesen Mangel aufbaut, stabilisiert. Svankmajers Film akzentuiert die Leerstelle und endet mit einem Toten. Ob der Anblick des toten Mannes ein grausames Genie\u00dfen repr\u00e4sentiert, zu dem Lacan in diesen fr\u00fchen Jahren zwar auch gekommen w\u00e4re, von dem er aber Jahre sp\u00e4ter <em>auszugehen<\/em> scheint? Und &#8211; wenn diese Vermutung stimmt &#8211; was bedeutet ein solches, das Sp\u00e4twerk Lacans bestimmendes Nicht-die-Kastration-in-den-Vordergrund-R\u00fccken in der Behandlung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lit.<\/em>: Foucault, Michel (1997): <em>Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespr\u00e4ch mit Ducio Trombadori<\/em>, Frankfurt\/M.: Suhrkamp, 2. Aufl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um den Unterschied zwischen einer begehrensorientierten Zugangsweise gegen\u00fcber einer, vornehmlich an der jouissance orientierten Betrachtung genauer zu beschreiben, folgt hier ein Filmbeispiel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,12,13],"tags":[22,54,82,130],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1165"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1165"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1165\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1165"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1165"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1165"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}