{"id":1024,"date":"2011-01-22T18:32:35","date_gmt":"2011-01-22T18:32:35","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=1024"},"modified":"2011-01-22T18:32:35","modified_gmt":"2011-01-22T18:32:35","slug":"1024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2011\/01\/22\/1024\/","title":{"rendered":"Bedeutung. Verwerfung. Buchstabe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Auf einer kleinen Zeichnung, die nie ver\u00f6ffentlicht wurde, weil sie Aragon und Sadoul angeblich zu grausam erschien (Wilson 1999, 167) stellt Alberto Giacometti w\u00e4hrend seiner surrealistischen Phase eine Phantasie von einer fr\u00fchen Lebenssituation eines Kindes dar: Religion und Vaterland durchbohren Sch\u00e4del und Bauch. Der krokodilische Polizeihund mit Mistgabelschwanz liegt lauernd daneben und blickt doch nur stumm vor sich hin (vgl. Alberto Giacometti. Neugeborenes. 1932. Musee National d&#8216; Art Moderne, Paris).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Giacometti1930newborn.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1032 aligncenter\" title=\"Giacometti1930newborn\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/Giacometti1930newborn.jpeg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"514\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als in Aragons surrealistischer Zeitschrift haben solche Geschichten in einer psychoanalytischen Behandlung immer Platz. Sie werden als Narrativ zum Ausgangspunkt und Gegenstand von Wahrnehmungen, BeDeutungen, Uebertragungen und andere Arbeiten am Signifikanten. Ihre individuellen und kulturellen konflikthaften Aspekte, deren wechselseitige Abh\u00e4ngigkeiten und Widerspr\u00fcche sind Movens der psychoanalytischen Arbeit, sofern diese um das Sprechen und seine Bedeutungen herum angelegt ist.\u00a0 So k\u00f6nnte man denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lacan hat eine solche Ausrichtung der Kur in seinem sp\u00e4ten Werk zumindest in den Hintergrund ger\u00fcckt, wenn nicht sogar verabschiedet. Jacques-Alain Miller weist darauf hin, dass Lacan in den Siebziger Jahren zu einer Konzeption des Unbewussten gelangt ist, die mehr mit dem Realen als mit dem Symbolischen zu tun hat. Damit geriet Lacans Vorstellung vom Unbewussten in Widerspruch zu Freuds Begriff des Unbewussten, den Lacan, solange er das Unbewusste von der Sprache her, das hei\u00dft symbolisch begreifen wollte, stets als Bezugspunkt angegeben hatte (vgl. Miller 2008, 61). Miller betont, dass Lacans Lehre durch gro\u00dfe Br\u00fcche gekennzeichnet ist, die es zeitweise notwendig machen, dass dieser sich selbst erkl\u00e4rte, was er in einer anderen Schrift gemeint haben k\u00f6nnte. Miller erw\u00e4hnt in diesem Zusammenhang Widerspr\u00fcche zwischen <em>L&#8217;etourdit<\/em> und <em>SE XXIII Le Sinthome<\/em> (ebd., 70). Viel \u00f6fter hat Lacan die Aufgabe des Verbindens von heterokliten \u00dcberlegungen nicht selbst \u00fcbernommen und damit einen motivreichen Fundus f\u00fcr das weitere Nachdenken hinterlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lacans sp\u00e4te \u00dcberlegung, dass das Unbewusste als Reales und das hei\u00dft als &#8222;Sinn verwerfendes&#8220; (vgl. Lacan 2005, 65) zu denken ist, kann\u00a0 unterschiedlich gemeint sein: Es kann bedeuten, dass das Unbewusste bedeutungslos ist. Es kann hei\u00dfen, dass das Unbewusste jenseits von bestimmten Bedeutungen offen f\u00fcr unterschiedliche, wechselnde Bedeutungen ist, die sich aus der Konfrontation zwischen dem K\u00f6rper und dem Anderen ergeben. Es kann hei\u00dfen, dass das Unbewusste Bedeutung abzieht, dem Zugang entzieht (\u00e4hnlich wie Freud von einem Sog des Urverdr\u00e4ngten ausgeht), sodass sie nur in Spuren an Stellen wiederaufgefunden werden kann, wo sie nicht erwartet wird &#8211; im Klang, in einer Atmosph\u00e4re der Mitteilung, in einer F\u00e4rbung des Dialekts, in einer affektiv bestimmten Betonung oder \u00c4hnlichem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In schriftlichen Zusammenh\u00e4ngen k\u00f6nnen Hieroglyphen die dritte\u00a0 Lesart verdeutlichen. Sie lassen erkennbar werden, dass Buchstaben als materielle Tr\u00e4ger verworfener Bedeutungen fungieren k\u00f6nnen. (Wobei ich zugebe, dass der reale Aspekt im folgenden Beispiel durch den imagin\u00e4ren bereits \u00fcberformt und daher wieder verloren gegangen ist. &#8211; Dank an Walter Pamminger f\u00fcr den Hinweis auf diesen Buchstaben und f\u00fcr dieses Bild. Quelle:\u00a0 Hans U. Gumbrecht, K. Ludwig Pfeiffer, (Hrsg.) Materialit\u00e4t der Kommunikation, stw 750, Suhrkamp, 1988).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/KrokoPamminger.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1030\" title=\"KrokoPamminger\" src=\"http:\/\/kadicorps.philo.at\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/KrokoPamminger.jpg\" alt=\"\" width=\"455\" height=\"397\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giacomettis krokodilischer Polizeihund w\u00e4re dagegen mit sehr viel mehr <em>bestimmten<\/em> Bedeutungen beladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lit<\/em>.:<br \/>\nLacan, Jacques (2005): <em>Le S\u00e9minaire. Livre XXIII. Le Sinthom<\/em> (1975-1976). Paris: Seuil.<br \/>\nMiller, Jacques-Alain (2008): The Other Side of Lacan, in:<em> Lacanian Ink<\/em> 32, 60-71.<br \/>\nWilson, Laurie (1999): Alberto Giacometti&#8217;s Woman with Her Throat Cut: Multiple Meanings and Methodology, in: <em>The Annual of Psychoanalysis<\/em>, 26:143-172.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf einer kleinen Zeichnung, die nie ver\u00f6ffentlicht wurde, weil sie Aragon und Sadoul angeblich zu grausam erschien (Wilson 1999, 167) stellt Alberto [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,13],"tags":[20,31,72],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1024"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1024"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1024\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1024"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1024"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1024"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}