{"id":1007,"date":"2010-12-30T17:04:02","date_gmt":"2010-12-30T17:04:02","guid":{"rendered":"http:\/\/stuzzicadenti.at\/?p=1007"},"modified":"2010-12-30T17:04:02","modified_gmt":"2010-12-30T17:04:02","slug":"kulturell-unterschiedliche-versionen-des-odipuskomplexes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kadi.philo.at\/index.php\/2010\/12\/30\/kulturell-unterschiedliche-versionen-des-odipuskomplexes\/","title":{"rendered":"\u00d6dipus und die Seite der Mutter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den argentinischen Psychoanalytiker und Theoretiker L\u00e9on Rozitchner tritt der \u00d6dipuskomplex in kulturell unterschiedlichen Versionen auf. Die Unterschiede manifestieren sich in den verschiedenen Bedeutungen, die den Protagonisten der Narration, d.h. Vater, Mutter und Kind, in den einzelnen Kulturen zugeschrieben werden. Freud nimmt einen griechischen Mythos auf, den er gem\u00e4\u00df seiner j\u00fcdischen Identit\u00e4t aneignet. Lacan gibt dem \u00d6dipuskomplex eine christliche Form.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rozitchner stellt Unterschiede zwischen den drei Versionen des \u00d6dipuskomplex im Hinblick auf ihre jeweilige Konzeption der Mutter vor. F\u00fcr Jokaste sind in der griechischen Version zwei Szenen mit dem Kind zu finden: die erste, im Rahmen derer sie das Kind \u00d6dipus auf Gehei\u00df von Laios aussetzt \u2013 die f\u00fcr Rozitchner wahrhaft \u00f6dipale Trag\u00f6die. Hier findet sich der Todestrieb in Reinform mit dem M\u00fctterlichen amalgamiert. Die zweite Szene, bei der Jokaste unwissentlich mit ihrem Sohn schl\u00e4ft, sieht Rozitchner vor allem als Folge der \u00e4u\u00dferen Entwicklungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freuds Aneignung des \u00d6dipusmythos aus einem j\u00fcdisch gepr\u00e4gten Bedeutungshorizont heraus modifiziert das Bild der Mutter, was Rozitchner allerdings nicht anhand von \u00d6dipus, sondern am Beispiel des Moses darstellt. Freud zufolge ist Moses mit \u00d6dipus vergleichbar. Im Unterschied zu \u00d6dipus ist er nicht von sozial h\u00f6herer Herkunft. Aber auch er wird ausgesetzt. Und sein Schicksal wird im Judentum paradigmatisch begriffen. Was Moses\u2019 Mutter betrifft, so setzt sie diesen zwar aus, sorgt aber im Unterschied zu Jokaste daf\u00fcr, dass er gefunden wird. Sie wird letztlich als Mutter unerkannt zu seiner Amme. Die n\u00e4hrende und dem Todestrieb entgegengesetzte Position der Mutter tritt auf diese Weise in den Vordergrund. Rozitchner meint, dass diese Bedeutung des M\u00fctterlichen in einem j\u00fcdisch gepr\u00e4gten kulturellen Kontext zentral sei. (Dass auch solch eine Mutterkonzeption nicht frei von Irritation f\u00fcr den Sohn ist, stellt Woody Allen in seinem Film <em>\u00d6dipus Wrecks<\/em> eindr\u00fccklich dar.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die christliche Version des \u00d6dipus ist in der Biographie von Jesus Christus dargestellt. Das Schicksal seiner Mutter, ihre Verjungfr\u00e4ulichung, die einer Entsexualisierung entspricht und durch eine sekund\u00e4re Verherrlichung in Ritualen des Marienkults kaum kaschiert werden kann, versteht Rozitchner als Exklusion des M\u00fctterlichen. Lacans Betonung des kriminellen Inzestwunsches der Mutter (Krokodil), ihrer das v\u00e4terliche Gesetz in seiner Weitergabe deformierenden Kraft, ihrer fehlenden Signifikanz im Symbolischen \u2013 all diese Momente begreift Rozitchner ebenso wie die herausgehobene und in ihrer friedensf\u00f6rderlichen Kapazit\u00e4t von Freud abweichende Struktur eines v\u00e4terlichen Gesetzes als Teile einer christlichen Umformung des \u00d6dipuskomplexes durch Lacan. (Von der \u00dcberf\u00fchrung des \u00d6dipusdramas als einem Mythos in Gestalt einer Narration in eine abstrakte Struktur, der zu folge der \u00d6dipuskomplex bei Lacan nichts anderes markiert als den \u00dcbergang vom Bild zur Sprache, die in unterschiedlichen Phalluskonstellationen illustriert werden kann, braucht hier gar nicht die Rede zu sein. Eine solche Abstraktion l\u00e4sst offensichtlich keinen Platz f\u00fcr das Mater-iale.) Angesichts von faschistischer Mutterverherrlichung (vgl. als ein willk\u00fcrlich herausgegriffenes Beispiel Veit Harlans 1944 gedrehter Film <em>Der Opfergang, <\/em>in dem die Signifikantenkette Mutter-Erde-Kraft-Leidenschaftlichkeit-Tod in einem an Wagner gemahnenden Pathos\u00a0 ins Bild gesetzt wird) erweist sich Lacans Vorsicht als geboten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"1170\" height=\"878\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/RGX6tbUF2Sc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Offen bleibt die Frage einer zeitgem\u00e4\u00dfen Konzeptualisierung der mater-ialen Seite des \u00f6dipalen Dramas. Die These einer kulturspezifischen Pr\u00e4gung des \u00d6dipuskomplexes scheint mir jedenfalls unabweisbar zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Fragen tauchen auf:<br \/>\nKann die P\u00e8re-Version, die den Vater beschw\u00f6rende Version des \u00d6dipuskomplexes, Lacans vaterorientierte Lesart des \u00d6dipuskomplexes, die gegenw\u00e4rtigen Entwicklungsbedingungen des Subjekts in der sogenannten westlichen Welt noch abbilden?<br \/>\nWie sehen die \u00f6dipalen Verh\u00e4ltnisse in anderen Teilen der Welt aus?<br \/>\nIst die Privatisierung der \u00f6dipalen Strukturierung, wie sie Lacan in seiner Theorie des sinthom nahezulegen scheint, als M\u00f6glichkeit zu sehen, um gegenw\u00e4rtig \u00fcbliche Entwicklungen von Subjekten neu, aber nicht minder systematisch und anders als mit Mitteln des \u00d6dipuskomplexes zu fassen?<br \/>\nVgl. L\u00e9on Rozitchner: Versions of Oedipus, in: <em>Sitegeist. A Journal of Psychoanalysis and Philosophy <\/em>4\/2010, 111-128<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den argentinischen Psychoanalytiker und Theoretiker L\u00e9on Rozitchner tritt der \u00d6dipuskomplex in kulturell unterschiedlichen Versionen auf. 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