Jean Laplanche hält den Ödipuskomplex für eines von „mehr oder weniger kontingente[n] Erzählschemata, die dem Menschen in einer gegebenen kulturellen Situation dazu dienen, sein Schicksal einzuordnen“ (Laplanche 2004, 908). Als ein „Grundcharakteristikum des Menschen“ sieht Laplanche den Ödipuskomplex nicht, denn in der „Anthropologischen Grundsituation“, in welcher ein Kind den rätselhaften Botschaften eines Erwachsenen ausgesetzt sei, brauche der Komplex nicht vorhanden zu sein (vgl. ebd., 909).
Folgende Beschreibung einer medizinischen Intervention im Canadian Medical Association Journal macht deutlich, um welch schillernde Mischung zwischen verschiedenen Triebqualitäten es bei den rätselhaften Botschaften gehen mag: The „mother’s kiss“ technique may safely and effectively help dislodge a foreign body from a child’s nose. Researchers reviewed the results of eight case series or case reports in which the mother’s kiss was used in hospitals, specialists‘ offices, or at home (in at-home case reports, parents were doctors). To perform the mother’s kiss, parents place a finger over the nonoccluded nostril and put their mouth completely over the child’s mouth. They blow in the child’s mouth until they feel resistance — and then give a short puff of air to propel the object out of the nose. The technique was effective about 60% of the time. Smooth and irregularly shaped objects were equally likely to be expelled. No adverse events were observed. In two studies, use of the technique was associated with lower rates of general anesthesia.
Leben und Tod bilden die Hintergrundfolie dieses ungewöhnlichen Aufeinandertreffens eines erwachsenen Mundes und eines kindlichen Gesichts. Der medizinischen Intervention wird sekundär durch den Namen – Kuss der Mutter – ein ödipales Gepräge gegeben. Laplanches Position erinnert vor allem in ihren Konsequenzen an Lacans späten Vorschlag, den Ödipuskomplex als ein Symptom unter anderen aufzufassen. Für Laplanche rückt der Ödipuskomplex von der Seite des Verdrängten auf die Seite des Verdrängenden (vgl. ebd., 911). Das Rätselhafte bleibt woanders liegen: „Nichts ist weniger sexuell als der Ödipusmythos und die Tragödie von Sophokles“ (ebd., 911).
Literatur:
Jean Laplanche (2004): Die rätselhaften Botschaften des Anderen und ihre Konsequenzen für den Begriff des „Unbewußten“ im Rahmen der Allgemeinen Verführungstheorie, in: Psyche 58, 898-913.